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Online-Fachforum von DJI, WiFF und AGJ am 20.10.2020 Ist die Erzieher*innenausbildung noch zu retten? Neue Ausbildungsformate im Spannungsfeld von Personalgewinnung und Qualitätssicherung

Mit dem hohen Fachkräftebedarf im Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung ist Bewegung in die Ausbildungslandschaft der Frühen Bildung gekommen. Neue Ausbildungsmodelle und -formate sprießen an Berufsfachschulen und Fachschulen aus dem Boden. Eines haben die neuen Formate gemeinsam: Über eine stärkere Praxisanbindung schon während der Ausbildung sowie eine Verkürzung der Ausbildungsdauer sollen schneller "arbeitsmarktfähige Fachkräfte" in die Kitas kommen, um so dem drängenden Fachkräftebedarf zu begegnen.

Damit einher gehen erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen, die zumindest teilweise eine De-Professionalisierung befördern und damit die bisher erreichten Ausbildungs- und Qualitätsstandards in der Frühen Bildung zu überlagern drohen. Dies thematisierte ein gemeinsames Online-Fachforum des Deutschen Jugendinstituts (DJI), der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) und der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ, das am 20. Oktober 2020 mit 270 Teilnehmern im Rahmen einer interaktiven Online-Konferenz stattfand.

Vorträge

Ausbildungslandschaft und Arbeitsmarkt

Ausbildung für die Kita: Pluralisierung und Diversifizierung der Formate

Professorin Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin
Professorin Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin, Leiterin der WiFF

Wie sich die Fachschulausbildung in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, legte Professorin Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin, Leiterin der WiFF, anhand empirischer Daten dar. Neben dem quantitativen Ausbau seien auch Veränderungen auf der strukturellen Ebene zu beobachten. Unter anderem durch Formen der vergüteten Ausbildung wurde versucht, die Attraktivität des Berufs der Erzieherin und des Erziehers zu erhöhen und das Arbeitsfeld für einen breiteren Personenkreis zu öffnen. Damit kam es einerseits zu einer deutlichen Zunahme an Ausbildungsformaten, aber auch zu einer engeren Koppelung mit der Praxis. "Zugespitzt formuliert gibt es inzwischen für fast jede Lebenslage das passende Ausbildungsmodell", so Fuchs-Rechlin. Dies führe dazu, dass die Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Kenntnissen und Fertigkeiten die Ausbildung beginnen. Diese Diversität berge zwar Chancen für die Ausbildung und den Beruf, gehe aber auch mit großen Herausforderungen für die Gestaltung des Unterrichts und die Ausbildung in der Praxis einher. So müssten mit dem zunehmenden Ausbau der Formate neue Standards für die Praxisanleitung formuliert werden, "wie etwa eine standardisierte und zertifizierte 'Ausbildung der Ausbilder'", so die Wissenschaftlerin.

Kinder- und Jugendhilfe als Arbeitsmarkt: Wird die Kita abgehängt?

Professorin Dr. Karin Böllert
Professorin Dr. Karin Böllert, Voitzende der AGJ

In ihrem Impulsvortrag gab Professorin Dr. Karin Böllert, Voitzende der AGJ, einen Überblick über die Entwicklungen am Arbeitsmarkt und in der Ausbildung. "Mit einer Verdoppelung des Kita-Personals im Zeitraum von 2006 bis 2019 auf 609.700 Beschäftigte ist die Kindertagesbetreuung der Wachstums- und Jobmotor in der Kinder- und Jugendhilfe schlechthin" stellte sie dabei fest. Dabei betonte sie, dass die Frühe Bildung nicht nur quantitativ stark gewachsen sei, sondern auch qualitativ einen enormen Schub erfahren habe und sich durch eine hohe Fachlichkeit auszeichne. Dies sei in Zeiten zunehmend komplexer werdender Anforderungen an die Fachkräfte wichtig: "Fragen des Kinderschutzes, die Inklusion von geflüchteten Kindern, Demokratiebildung und eine anspruchsvolle Zusammenarbeit mit Eltern - all das müssen Erzieherinnen und Erzieher heute zusätzlich leisten", so Böllert. Die Verkürzung der Ausbildungsdauer, mit dem Ziel schneller „arbeitsfähige“ Fachkräfte zu generieren, bringe erwünschte aber auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich, wie beispielsweise eine Entkopplung des Handlungsfeldes vom Rest der zunehmend akademisierten Kinder- und Jugendhilfe.

Gesprächsrunde 1

Wirkungen und Nebenwirkungen der Entwicklungen in der Ausbildungslandschaft

Über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Entwicklungen in der Ausbildungslandschaft diskutierten in der ersten Gesprächsrunde die Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Praxis, darunter Michael Baumeister von der Bundesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien, nicht konfessionell gebundenen Ausbildungsstätten (BöFAE), Doris Beneke von der Diakonie Deutschland, Regina Käseberg aus dem Ministerium für Bildung in Rheinland-Pfalz und Regina Offer vom Deutscher Städtetag. Die Teilnehmenden verfolgten die Gesprächsrunde im Livestreaming und waren über Chatfunktion, digitale Pinnwände und Umfragetools interaktiv eingebunden.

Die Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher ist kein Rettungsfall, sondern eindeutig ein Erfolgsmodell.

Michael Baumeister, Bundesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien, nicht konfessionell gebundenen Ausbildungsstätten (BöFAE)

Der Erfolg liege nicht nur in dem quantitativen Ausbau der Ausbildungskapazitäten, die eine Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher beginnen, sondern auch an dem qualitativen Reformprozess, den die Fachschulen bzw. Fachakademien für Sozialwesen über die letzten 10 Jahren durchlaufen hätten, so Michael Baumeister von der BöFAE. Dazu zähle die inhaltliche Reform der generalistischen Ausbildung entlang des kompetenzorientierten Qualifikationsprofils, der strukturelle Ausbau der Lernortkooperationen zwischen Schulen und sozialpädagogischen Einrichtungen sowie die Regelungen des neuen Aufstiegs-BAföGs, die vielen Studierenden erst die Chance eröffne, die Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher zu absolvieren.

Auch aus Sicht von Regina Käseberg, Abteilungsleiterin im Ministerium für Bildung in Rheinland-Pfalz, ist die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern durch das von der KMK am 18. Juni 2020 verabschiedete Gesamtkonzept gerettet. Die geforderte neue Qualifikation der "staatlich geprüften Fachassistentin für frühe Bildung und Erziehung" auf DQR 4 Niveau konnte sich nicht durchsetzen. Käseberg begrüßte dies, da die Verkürzung der Qualifizierung nicht das Ziel von Ausbildungsformen sein sollte und am Qualifikationsniveau DQR 6 für Erzieherinnen und Erziehern nicht gerüttelt werden dürfe. Vielmehr bleibt die generalistische Grundstruktur der sozialpädagogischen Ausbildungen bestehen und die Länder erhalten die Möglichkeit, die etablierte Ausbildung zur "Staatlich geprüften sozialpädagogischen Assistentin" zeitlich und inhaltlich zu erweitern.

Bei der Entscheidung für dieses Berufsbild spielt zunehmend die Finanzierung der Ausbildung eine Rolle.

Regina Offer, Deutscher Städtetg (DST)

Der Aspekt der Ausbildungsvergütung gerate immer mehr in die öffentliche Diskussion, sagte Regina Offer vom Deutschen Städtetag. Die Fachschulausbildung sei zwar nicht vollständig vergleichbar mit einer dualen Ausbildung, aber für Schulabgängerinnen und Schulabgänger und auch für Personen, die bereits eine Berufsausbildung absolviert haben, sei nicht vermittelbar, dass die Ausbildung nicht entlohnt wird und oftmals sogar Gebühren anfallen, so Offer. Der Deutsche Städtetag setze sich dafür ein, die Attraktivität der Ausbildung an den Fachschulen durch die bundesweite Abschaffung der Schulgebühren und die Erleichterung der Zugangsmöglichkeiten zu steigern.

Es brauche auch eine bundeseinheitliche und auskömmliche Refinanzierungspolitik der Fachschulen, die für staatliche Schulen und Schulen in privater Trägerschaft einheitlich sind, forderte Doris Beneke von der Diakonie Deutschland. Nur so ließen sich die Ausbildungskapazitäten steigern und dem Fachkräftemangel begegnen. Auch müsse der Lernort Praxis mit mehr personellen Ressourcen und Qualifikation zur Anleitung von Auszubildenden gestärkt werden. Schließlich sollte eine Gesamtstrategie für die Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher im Kontext der Aufwertung von Care Berufen insgesamt entwickelt werden, so die Leiterin des Zentrums Kinder, Jugend, Familie und Frauen bei der Diakonie.

Vortrag

Professor Dr. Bernhard Kalicki
Professor Dr. Bernhard Kalicki, Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am DJI

Strategien der Fachkräftegewinnung

Wie Fachkräfte jenseits der Ausbildung gewonnen und gebunden werden können, darüber sprach Professor Dr. Bernhard Kalicki, Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am DJI, in seinem Vortrag. Denn die hohen Ausbildungskapazitäten lassen sich nicht unbeschränkt steigern, und münden auch nicht in dem gewünschten Umfang in einer frühpädagogischen Tätigkeit: "Hier stoßen wir an Grenzen und brauchen alternative Strategien zur Gewinnung der Fachkräfte", so Kalicki. Potenziale zur Fachkräftegewinnung sehe er beispielsweise im Bemühen um Wieder- und Quereinsteigern, einer leichteren Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder in der stärkeren Öffnung hin zu multiprofessionellen Teams. Mindestens so wichtig seien aber auch Strategien, die Fachkräfte im Arbeitsfeld Kita zu halten. Für eine langfristige Fachkräftebindung bedürfe es einen Mix an Maßnahmen, der laut Kalicki verbesserte Arbeitsbedingungen, eine aktive Personalentwicklung und attraktivere Karrieremöglichkeiten umfassen sollte.

Gesprächsrunde 2

Qualität und/oder Quantität? Perspektiven der Fachkräftegewinnung

Wie ist das Verhältnis von Qualität und Quantität bei der Fachkräftegewinnung und was sind die wichtigsten Instrumente dafür? Welche Potenziale liegen in der Fachkräftegewinnung? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der abschließenden und kontrovers geführten Diskussion mit Dr. Elke Alsago von ver.di, Nora Damme vom BMFSFJ, Frank Jansen vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder, Felix Sauerbrey von der Stadt Leipzig und Professor Dr. Thomas Rauschenbach vom DJI, an der sich auch die Teilnehmenden im Netz im Chat und über das Padlet aktiv beteiligten.

Was sind für Sie die wichtigsten Instrumente zur Fachkräftegewinnung?

Die Rendite der Ausbildung ist zu gering. Wir müssen uns stärker auf den Arbeitsmarkt konzentrieren.

Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Deutsches Jugendinstitut (DJI)

Die Ausbildungskapazitäten der Fachschulen seien hoch, aber es kämen vergleichsweise wenig Absolventinnen und Absolventen im Arbeitsfeld an, konstatierte DJI-Direktor Professor Dr. Thomas Rauschenbach. Auch würde sich in den nächsten Jahren der tatsächliche Bedarf an frühpädagogischen Fachkräften in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich entwickeln. Daher müsse sich die gesamte Fachkräftediskussion intensiver und differenzierter mit den Bedingungen am Arbeitsmarkt beschäftigen, anstelle immer nur auf die Ausbildungszahlen zu schauen, so Rauschenbach. Er appellierte an die Vertreterinnen und Vertreter der Politik und der Träger, jetzt wirksame Strategien zu entwickeln, wie etwas ein effektiveres Onboarding von Berufseinsteigerinnen und -einsteigern. Zudem könnten die Unterbrechungszeiten der Fachkräfte reduziert werden, wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert würde. Auch ließen sich Lücken am Arbeitsmarkt schließen, indem u.a. über Anreizsysteme die hohe Teilzeitquote reduziert werden würde, so der DJI-Direktor.

Vieles kann noch besser werden, aber die Rahmenbedingungen sind so gut wie nie zuvor. Jetzt sind auch die Tarifpartner und Länder gefragt.

Nora Damme, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)

"Im Gute-KiTa-Gesetz ist die Gewinnung und Sicherung von Fachkräften ein Handlungsfeld von vorrangiger Bedeutung", stellte Nora Damme aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in der zweiten Gesprächsrunde fest. Damit hebe der Gesetzgeber die zentrale Bedeutung für die Weiterentwicklung der Qualität hervor: gute Qualität braucht motivierte und qualifizierte Fachkräfte. Insgesamt seien mit dem Gute-KiTa-Gesetz und dem Bundesprogramm Fachkräfteoffensive rund 580 Mio. Euro eingesetzt, um die Ausbildung und die Rahmenbedingungen von Kita-Fachkräften zu verbessern. Nun seien die Länder und Tarifpartner in der Pflicht, Arbeitsbedingungen und Gehälter zu verbessern und den Erzieherinnen und Erziehern Wege in eine Weiterqualifikation zu bieten, forderte Nora Damme.

"Quantität geht nicht ohne Qualität: Kitas haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen und müssen gleichzeitig attraktive Arbeitsorte für Fachkräfte sein", betonte Dr. Elke Alsago von ver.di. Fachkräfte wären nur dann zu gewinnen und zu halten, wenn sich die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen flächendeckend verbessern. Dazu zähle - nicht nur in Pandemiezeiten - der Ausbau des Gesundheits- und Arbeitsschutzes. Auch müsse die Personalfürsorge einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen als bislang. Ebenso brauche es mehr Entlastung von nicht pädagogischen Aufgaben in Bereichen wie der Hauswirtschaft und der Verwaltung, forderte die Gewerkschafterin. Gute Arbeitsbedingungen ermöglichen den Fachkräften so zu arbeiten, dass sie ihren eigenen fachlichen Ansprüchen sowie denen von Trägern, Eltern und Gesellschaft gerecht werden können.

Wir müssen Kita-Teams neu denken - wir brauchen erweiterte Teamprofile!

Frank Jansen, Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)

"Wir müssen eine Vorstellung davon entwickeln, wie Teamprofile jenseits des klassischen Fachkräftegebots aussehen könnten, ohne dass wir dabei die viel heraufbeschworenen De-Professionalisierungstendenzen befördern", forderte Frank Jansen vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK). Obwohl multiprofessionelle Teams seit Jahren ein Thema seien, würde die Debatte um deren Zusammensetzung schon immer mit einer eingeschränkten Perspektive geführt - und zwar sowohl in Hinblick auf die qualifizierenden Abschlüsse als auch auf die quantitativen Bedarfe. "Der Lebensort Kita braucht mehr als Pädagoginnen und Pädagogen", so Jansen. Voraussetzung hierfür sei, dass dieser Einsatz pädagogisch sinnvoll begründet werde, und dass die Rahmenbedingungen für eine gute Begleitung dieser Menschen stimme.

Fachkräfte in den Kitas äußern häufig als grundlegendes Phänomen, dass die Auszubildenden über kein anwendungsbereites Wissen und Können in der Beobachtung von Kindern verfügen.

Felix Sauerbrey, Abteilung Kindertagesstätten, Leipzig

Die Stadt Leipzig betreibt in kommunaler Trägerschaft derzeit 53 Kindergärten sowie 67 Horte mit ca. 2.000 pädagogischen Fachkräften, so Felix Sauerbrey, Leiter der Abteilung Kindertagesstätten in Leipzig. Er stellte Erkenntnisse, u.a. zun Berufseinstieg und zur Zusammensetzung von Teams vor, die sie als kommunaler Träger gewonnen haben. Sauerbrey forderte, dass insbesondere die Analyse- und Reflexionsfähigkeit der Fachkräfte bereits in der Ausbildung gestärkt werden müsse und Beobachtungsverfahren eine stärkere Rolle einnehmen sollten. Die Erfahrungen zeigen zudem, dass nicht zwingend die Anzahl von Personen ausschlaggebend sei, welche in einer Einrichtung beschäftigt seind, sondern die fachlichen Grundlagen, welche diese für die Frühe Bildung mitbringen: "Erwähnenswert ist hier die heilpädagogische Zusatzqualifikation, welche für Fachkräfte angestrebt werden sollte, um die Zusammensetzung der Teams multiprofessioneller zu gestalten", so Sauerbrey. Jedoch müssten die Rahmenbedingungen auf die Praxistauglichkeit geprüft werden, denn häufig kämen Zusatzqualifikationen in einer Person zusammen, die aufgrund des Anspruchs an Begleitung und Dokumentation oft sehr zeitaufwendig und nur schwer leistbar seien.

Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse? Wo müssen wir dran bleiben ..?

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