Interview zur Fachberatung in Corona-Zeiten

03.07.2020

WiFF führt derzeit eine Studie zur „Fachberatung für Kindertageseinrichtungen“ durch. WiFF-Referentin Anna-Katharina Kaiser hat im Rahmen dessen die Expertinnen Dr. Elke Alsago (Referentin des ver.di Bundesvorstandes, Sprecherin der AG Fachberatung der BAG-BEK e.V.), Petra Beitzel (Weiterbildnerin für Fachberatung) und Maria-Theresia Münch (Wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Verein e.V.) zum Thema „Fachberatung in Corona-Zeiten“ befragt. Die drei Expertinnen beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema Fachberatung und erläutern in diesem Interview, inwiefern Fachberatung in der Corona-Krise Trägervertreter/innen, Leiter/innen und Kita-Teamsberaten und unterstützen kann, welche Aufgaben sie dabei übernimmt und welche Herausforderungen sich für die Arbeit von Fachberater/innen ergeben.

Dr. Elke Alsago, Petra Beitzel und Maria-Theresia Münch im Interview:

„Fachberaterinnen und Fachberater übernehmen einen elementaren Beitrag zur Bewältigung der Krise“

Petra Beitzel

 

Corona-Krise 2020: Was leistet die Fachberatung für das Kita-System?

Beitzel: Fachberatung hat die Kitas bei der Bewältigung eines noch nie dagewesenen Paradigmenwechsels von der professionellen Bildungseinrichtung zu einer (Not-)Betreuungseinrichtung begleitet, bei dem die für den frühkindlichen Bereich geltenden rechtlichen Grundlagen und fachlichen Standards ausgehebelt wurden und ad hoc durch Verordnungen und Auflagen aus rein infektiologischer Sicht ersetzt werden mussten.  

Münch: Auch wenn es in der gesellschafts- und fachpolitischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird:  In der aktuellen Corona-Krise zeigt sich mit Wucht, welche zentrale Bedeutung Fachberaterinnen und Fachberater mit ihrer Transfer-, Übersetzungs-, Informations-, Beratungs- und Konzeptionsarbeit bei der Sicherstellung und der Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung haben.

Alsago: Dies ist jedoch stark davon abhängig, wie die Fachberatung mit Stunden ausgestattet und wo sie verortet ist. Auch ist entscheidend, wie sie in die Kommunikation nach außen und nach innen eingebunden ist und welche technischen Möglichkeiten sie nutzen kann.


Welche Aufgaben übernehmen Fachberaterinnen und Fachberater im Krisenmanagement?

Münch: Die konkreten Aufgaben der Fachberaterinnen und Fachberater gestalten sich sehr unterschiedlich. Sie sammeln und „übersetzen“ zum Beispiel Informationen zum Infektionsschutzgesetz und Hygienemaßnahmen, erarbeiten Leitlinien und Konzepte zur Umsetzung der fortlaufenden landesrechtlichen Vorgaben oder beraten die Kitaträger, Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen.

Fachberatung unterstützt die Kitas bei der Gestaltung der Veränderungsprozesse auf Basis gewachsenen Vertrauens und bietet damit Sicherheit und Orientierung in unsicheren und von starken Emotionen begleiteten Zeiten.

Dr. Elke Alsago

 

Welche Chancen und Schwierigkeiten offenbaren sich durch die Krise im Unterstützungs-system Fachberatung?

Beitzel: Bei der Beratung der Kita-Leiterinnen und Leiter ging es vor allem darum, den Handlungsdruck aus den unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten: Betreuungsbedarfe und Sorgen der Eltern, Bedürfnisse und Rechte der Kinder, Gesundheitsschutz und pädagogischer Anspruch der Mitarbeitenden sowie personelle und finanzielle Rahmenbedingungen der Träger.

Alsago: Im Trägersystem beraten sie sich mit den Akteurinnen und Aktuere aus Administration, Mitarbeiter*innenvertretung und Kita-Leitung zum Einsatz des Personals bei gleichzeitiger Sicherung des Gesundheitsschutzes der Fachkräfte und Berücksichtigung der pädagogischen Ansprüche. Wichtig ist, dass die Fachberaterinnen und Fachberater einen eigenständigen Fachberatungsauftrag haben, um mit allen relevanten Kräften auch im regionalen Netzwerk agieren und Aushandlungsprozesse initiieren zu können.

Beitzel: Die Corona-Krise macht deutlich: Fachberatung erbringt eine Übersetzung zwischen Politik und Praxis. Somit muss Bundes- und Landespolitik erkennen: Fachberatung ist unverzichtbar! Fachberatung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur und zur professionellen Weiterentwicklung des Systems der Kindertagesbetreuung. Dies gilt wahrgenommen, gewürdigt und weiter ausgebaut zu werden.

Die Corona-Krise hat digitale Arbeitsformate und neue Vernetzungsnot-
wendigkeiten enorm beschleunigt.

 

Welche Stärken und Schwächen wurden deutlich?

Alsago: Die Krise zeigt aber auch Schwächen im System der Fachberatung. Zum Beispiel funktioniert die „Fachberatung on demand“, die viele Träger nutzen, weil sie keine eigenen Strukturen haben, nicht. Freiberufliche Fachberaterinnen und Fachberater, die gebucht werden, um mit den Kita-Teams zu Themen zu arbeiten, kommen scheinbar in der Krise nicht vor. Gelingende Fachberatung braucht kontinuierliche Prozesse, die auf bestehende Vertrauensverhältnisse aufbaut. Hier müssen die Träger dringend nachsteuern und innerhalb ihrer Strukturen verlässliche Fachberatungssysteme etablieren, die wirklich kontinuierliche Beratungs-, Begleitungs- und Vernetzungsprozesse gewährleisten. Dies fordern wir als AG Fachberatung schon lange und würden es daher wichtig finden, dass die Fachberatung für Kindertageseinrichtungen im SGB VIII besser verankert wird.

Maria-Theresia Münch ©apropos_foto


Welche Herausforderungen ergeben sich für die zukünftige Arbeit der Fachberaterinnen und Fachberater?

Münch: Meines Erachtens sind vor allem vier Herausforderungen in den Blick zu nehmen: zuvorderst ein neues Austarieren zwischen digitalem und analogem Arbeiten bei gleichzeitig notwendiger Verbesserung der digitalen Ausstattung und entsprechenden Qualifizierung. Hinzukommt die dringend erforderliche landesrechtliche personelle Sicherung und Ausgestaltung von Fachberatung. Ein weiteres Ziel muss die Wiedergewinnung von Fachlichkeit und Qualität in den Angeboten der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern und Unterstützung der Familien aber auch im System der Fachberatung selbst sein. Und schließlich die zwingend erforderliche strukturell und ressourcenmäßig abzusichernde träger- und länderübergreifende Vernetzung der Fachberaterinnen und Fachberatern.

Alsago: Pädagogisch wird es in den nächsten Monaten der Pandemie darum gehen, die Kita wieder zu einem Bildungsort zu entwickeln, in dem die Bedürfnisse und Rechte der Kinder im Mittelpunkt stehen. Noch ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf das zentrale Thema. Die Kita ist zu einem Ort der Kinder-Aufbewahrung und die Fachkräfte zu Betreuungspersonal degradiert. Da sind deutliche Tendenzen zu einer De-Professionalisierung zu erkennen. Hier müssen die Fachberater*innen gemeinsam mit den Trägern dringend gegensteuern und die professionelle (sozial-)pädagogische Arbeit entwickelnd begleiten. Das wird ein richtiger Kraftakt. Aber wenn sich die Fachberaterinnen und Fachberater gut gegenseitig unterstützen und gemeinsam Lösungen entwickeln, kann das gelingen.

Über die Interviewten:

Dr. Elke Alsago
Referentin des ver.di Bundesvorstandes, Fachstelle: Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit
Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit und Sprecherin der AG Fachberatung

Petra Beitzel
Fachberatung für evangelische Kindertageseinrichtungen in Köln und Region
Coaching und Weiterbildung für Fachberatungen
Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung /AG Fachberatung

Maria-Theresia Münch
Wissenschaftliche Referentin,
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V.

stellv. Leiterin des Arbeitsfeldes Kindheit, Jugend, Familie, Soziale Berufe
Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Fachberatung

WiFF-Studie „Fachberatung für Kindertageseinrichtungen“

Die WiFF-Studie „Fachberatung für Kindertageseinrichtungen“ ist konzeptuell in zwei Teilstudien gegliedert. Aktuell werden Telefoninterviews mit Fachberaterinnen und Fachberatern in ganz Deutschland geführt, die 2021 um eine Fragebogenbefragung erweitert werden.
In den Vor­bereitungsgesprächen der Studie wurden die Fachberaterinnen und Fachberater auch zu ihren Erfahrungen in der Corona-Zeit und zu den sich daraus ergebenden Aufgaben befragt. Dies diente als Impuls das Thema näher zu beleuchten.
Die Interviewpartnerinnen und -partner wurden in schriftlichen und telefonischen Interviews u.a. zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Tätigkeit als Fachberatung befragt.
Ausgewählte Zwischenergebnisse der telefo­nischen Interviewstudie „Fachberatung für Kindertageseinrichtungen“ sind als vorab veröffentlichte Blitzlichter mit Schwerpunkt auf das Thema „Fachberatung in Corona-Zeiten“ hier aufrufbar.