Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Weiterbildung

Die Vorsitzenden des Bundesnetzwerks Fortbildung und Beratung in der Frühpädagogik e.V. im Interview

Veronika Bergmann und Anne-Katrin Pietra, Vorsitzende des Bundesnetzwerks Fortbildung und Beratung in der Frühpädagogik e.V. (ehm. Netzwerk Fortbildung: Kinder bis drei)

"Die Berufsgruppe hat hautnah erlebt, dass sie keine Lobby hat"

Das "Netzwerk Fortbildung: Kinder bis drei", das seit Kurzem als "Bundesnetzwerk Fortbildung und Beratung in der Frühpädagogik e.V." agiert, setzt sich für fachlich qualifizierte Fort- und Weiterbildungsangebote in der Frühpädagogik ein. Dafür vernetzt es die in diesem Bereich tätigen Akteure. Zu Beginn der Corona-Krise haben sich die Koordinatorinnen mit einem Hilferuf der freiberuflichen Fort- und Weiterbildnerinnen und Weiterbildner an die Politik gewandt. Wie hat sich die Pandemie auf diese Berufsgruppe ausgewirkt?

Bergmann: Das Einkommen der freiberuflichen Fortbildnerinnen und Fortbildner brach mit den Kontaktbeschränkungen von einem auf den nächsten Tag komplett weg, die laufenden Kosten bleiben natürlich bestehen. Die Lage der Solo-Selbstständigen war zu Beginn der Krise bei den  Entscheidern nicht präsent. Erst durch Interventionen aus mehreren Richtungen, und dazu zählte auch der Hilferuf aus dem Netzwerk, gelangten sie mit unter die Rettungsschirme und konnten finanzielle Hilfe beantragen. Die Berufsgruppe hat – so mein Eindruck – hautnah erlebt, dass sie keine Lobby hat.

Pietra: Aktuell ist kein klares Ende der Situation in Sicht. Weiterbildungsträger können noch nicht absehen, wann und ob sie überhaupt wieder in einen "Normalbetrieb" mit so gut wie ausschließlich Präsenzveranstaltungen zurückkönnen. Damit befinden sich die freiberuflichen Fort- und Weiterbildnerinnen und Weiterbildner weiterhin in einer sehr unsicheren Situation. Noch ist unklar, ob es weitere finanzielle Unterstützungen geben wird, die in den Bundesländern auch verschieden ausfallen. Ich vermute, dass es auch Kolleginnen und Kollegen geben wird, die sich in dieser Zeit nach einer anderen, finanziell sichereren Arbeit umsehen werden.

Träger müssen Kitas verstärkt den Zugang zu digitalen Weiterbildungs- und Beratungsangeboten ermöglichen.


Welchen Handlungsbedarf macht die gegenwärtige Situation im Bereich der frühpädagogischen Weiterbildung deutlich?


Pietra: Je nachdem auf welche Ebene wir hierbei schauen, wird Unterschiedliches deutlich: Auf der Ebene der Fortbildnerinnen und Fortbildner wird es in Zukunft kontinuierliche Angebote rund um die Themen Digitalisierung, Medienkompetenz oder auch finanzielle Vorsorge geben müssen. Träger von Einrichtungen müssen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stärker den Zugang zu digitalen Weiterbildungs- und Beratungsformaten ermöglichen.


Fort- und Weiterbildungen sind eine wichtige Säule für die Weiterentwicklung der Kita-Qualität. Gibt es Ideen oder Initiativen, wie Veranstaltungen trotz Abstands- und Hygieneregeln durchgeführt werden können?

Pietra: Wir beobachten bereits jetzt, dass das Feld viele Ideen hat und verwirklicht. Je nach Themen, Bedarfen und Möglichkeiten werden unterschiedliche Formate entwickelt. Seminare werden auf mehreren Wegen angeboten: In kleineren Gruppen in Präsenzform mit gutem Hygienekonzept oder auf digitalem Weg. Auch Blended Learning-Angebote werden entworfen. Was derzeit nicht geht, sind größere Tagungen.

Beobachten Sie auch positive Entwicklungen, die nach der Pandemie bestehen bleiben sollten? Erwarten Sie beispielsweise einen Digitalisierungsschub für die Branche?

Bergmann: Oh ja! Wir erleben, dass sich viele Fortbildnerinnen und Fortbildner mit großer Selbstverständlichkeit neue didaktische Konzepte erarbeiten. Seit Beginn des Kontaktverbots wurden Webinare konzipiert und angeboten. Diese reichen von der "klassischen" Seminarform mit 20 Teilnehmenden über Einzelcoachings, Supervisionen oder kleinen didaktischen Stundenhäppchen für ganz viele Teilnehmende. Bewegen müssen sich jetzt die Träger und ihre Kitas besser ausstatten. In sehr vielen Fällen nutzen die Fach- und Leitungskräfte ihre privaten Endgeräte, da sie nur dort über Kamera und Mikrofon verfügen. Was jetzt auch sehr sichtbar wird ist, dass die Digitalisierung vor allem auf dem Land komplett verschlafen wurde. Dort besteht dringender Handlungsbedarf.


Das "Netzwerk Fortbildung: Kinder bis drei" bereitet nach der Gründung des "Bundesnetzwerk Fortbildung und Beratung in der Frühpädagogik e.V." nun die Eintragung ins Vereinsregister vor. Was erhoffen Sie sich von diesem Schritt?

Bergmann: Damit knüpfen wir wieder an die erste Frage an. Wir sind Lobby für die Fortbildung und Fachberatung im Feld der Frühpädagogik und damit auch für die Fachkräfte und letztlich die Kinder und ihre Familien. Alleine und zusammen mit anderen Akteuren werden wir uns klar positionieren, um der Fort- und Weiterbildung die Aufmerksamkeit zu geben, die sie braucht. Nach wie vor spielen zum Beispiel die jüngsten Kinder während der Ausbildung der Kita-Fachkräfte kaum eine Rolle. Die Weiterbildung übernimmt hier seit vielen Jahren die Verantwortung dafür, dass sich die Fach- und Leitungskräfte handlungssicher fühlen.

Pietra: Das Netzwerk ist groß geworden – sowohl was die Anzahl der Interessierten betrifft als auch die zu behandelnden Themen im Bereich der frühpädagogischen Praxis. Das kann nicht mehr von zwei Personen in der Koordination erledigt werden. Wir brauchen eine neue Struktur um verantwortungsvoll, effizient und mit starker Stimme die Interessen des Feldes verfolgen zu können.

Alleine und zusammen mit anderen Akteuren werden wir uns klar positionieren, um der Fort- und Weiterbildung die Aufmerksamkeit zu geben, die sie braucht.