„Es geht nicht immer nur um die Kinder“

Prof. Dr. Neumann (PINKS) im Interview zu Partizipation in Kitas

Professor Dr. Sascha Neumann von der Universität Fribourg untersucht, welche Formen der Partizipation in Kitas vorkommen und welche Funktionen sie dort erfüllen. Hierfür besuchen er und sein Team Einrichtungen mit partizipativem Konzept. Ziel ist es, durch teilnehmende Beobachtung gute Beispiele für Partizipation im Kita-Alltag zu ermitteln und diese in einem Praxisleitfaden den Kindertageseinrichtungen zur Verfügung zu stellen.


Ab welchem Alter halten Sie Partizipation von Kindern in der Kita für sinnvoll?

Wenn Partizipation vor allem Mitentscheiden bedeutet, dann setzt das voraus, dass ein Kind seine Wünsche und Bedürfnisse eindeutig artikulieren kann. Wenn wir aber danach fragen, wie Kinder mit ihrem Verhalten den Alltag beeinflussen, dann lautet die Antwort: Sie tun das von Anfang an. Wenn zum Beispiel ein sehr kleines Kind in der Kita schreit, dann beeinflusst das erheblich, was passiert: Andere Kinder werden unruhig, die Erzieherin wendet sich von der Gruppe ab und geht zum kleinen Kind. Erwachsene steuern also nicht alles, was in der Kita passiert; vielmehr steuern auch Kinder, was Erwachsene tun.

Kinder partizipieren in der Kita also von Anfang an?


Ja, das muss aber nicht in Form demokratischer Prozeduren der Partizipation sein, sondern entsteht vielmehr infolge der vielfältigen Einflüsse, die Kinder auf das Geschehen nehmen. Partizipation ist also immer schon eher ein Faktum, als dass sie erst hergestellt werden müsste. Die entscheidende Frage ist: Was können Fachkräfte tun, um Kindern als Akteuren Raum zu geben? Natürlich gibt es Grenzen, etwa bei Sicherheitsfragen. An vielen Stellen wird Partizipation aber auch eingeschränkt, ohne dass es notwendig ist.

„Der ethnografische Forschungsprozess ist ein Prozess von Gabe und Gegengabe“


Beim Projekt „Partizipation in der frühestens Kindheit“ (PINKS) untersuchen Sie und Ihr Team Partizipation in schweizerischen Kitas. Auf welchem Stand ist derzeit das Projekt?

Die Erhebungsphase ist inzwischen abgeschlossen. Mit der Hälfte der Einrichtungen haben wir bereits Feedbackgespräche geführt.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Feedbackphase gemacht?


Die Einrichtungen begrüßen das Feedback, weil wir dadurch Transparenz herstellen. Sie erfahren, was wir während der Felderhebung gemacht haben und wie sich ihre Praxis im Lichte der Beobachtung darstellt. Dafür sind die Einrichtungen dankbar. Der ethnografische Forschungsprozess ist ein Prozess von Gabe und Gegengabe: Einrichtungen öffnen ihre Türen für die Beobachtung, was nicht selbstverständlich ist. Dadurch bekommen wir Informationen und Daten – und wir geben etwas zurück, in dem wir sie an unseren Sichtweisen und Analysen teilhaben lassen.

Teilnahme am Alltagsgeschehen ist die Voraussetzung dafür, Dinge in Erfahrung zu bringen


Ist das ein heikler Moment?

Es kann heikel sein, wenn es in einer Einrichtung Vorkommnisse gibt, die man unter normativen Gesichtspunkten als eher „unpädagogisch“ beschreiben würde. Dann stellt sich die Frage, wie man so etwas anspricht. Wenn man während der Beobachtungsphase aufmerksam ist für Nebengespräche und darauf achtet, wie sich die Praxis selbst kommentiert, dann hat man aber in der Regel gute Ansatzpunkte für das Feedbackgespräch. Außerdem ist Vertraulichkeit wichtig. Alles, was nach außen geht, ist anonymisiert. Wenn das gewährleistet ist, werden auch kritische Rückfragen gern angenommen. Zudem sollte man nicht über einzelne Personen sprechen, sondern vor allem über die Zusammenhänge zwischen alltäglichen Prozessen und dem organisatorischen und institutionellen Gefüge, in dem sich diese Prozesse abspielen.

Inwiefern verändert sich der Kita-Alltag, wenn Forscherinnen und Forscher daran teilnehmen, von denen die Erzieherinnen und Erzieher wissen, dass sie auf der Suche nach „Best Practices“ sind?

Sobald der Fokus und die Fragestellung des Forschungsprojekts bekannt sind, hat das einen Effekt darauf, wie sich die Praxis uns Beobachtern gegenüber selbst darstellt. Das ist für uns kein Problem, sondern besonders informativ. So erfahren wir erst, was die Praxis unter Partizipation versteht. Daher ist die Teilnahme am Alltagsgeschehen kein Erkenntnishindernis, sondern überhaupt erst Voraussetzung dafür, Dinge in Erfahrung zu bringen.

„Partizipation in den Einrichtungen ist kein Selbstzweck“


Was versteht Ihren Beobachtungen nach die Praxis unter Partizipation?

Das ist sehr vielfältig und zeigt sich in unterschiedlichen Nuancierungen. Das fängt beim „Dabeisein“ an, beinhaltet aber auch das „Mitmachen“ bei bestimmten Aktivitäten, das Auswählen zwischen Alternativen. Oft reicht es aber auch noch darüber hinaus, etwa wenn dem Kinderkollektiv selbst Entscheidungsspielräume eingeräumt werden oder Kinder über sich selbst als Individuum bestimmen können. Es geht also nicht nur um demokratische Prozeduren der Entscheidungsfindung.

Können Sie schon erste Zwischenergebnisse von PINKS benennen?


Wir haben die Daten aus den unterschiedlichen Einrichtungen noch nicht miteinander verglichen. Trotzdem lassen sich bereits ein paar Dinge feststellen. Neben der „Unschärfe“ des Begriffs Partizipation konnten wir beobachten, dass Partizipation in den Einrichtungen kein Selbstzweck ist. Wenn die Praxis partizipativ für Kinder arrangiert wird, geht es auch darum, organisatorische Probleme zu lösen. Eine hohe Eigenständigkeit der Kinder im Tagesablauf zum Beispiel entlastet auch das Personal. Partizipation erfüllt also mehrere Funktionen im Alltag. Es geht dabei nicht immer nur um die Kinder. Das ist jedoch nicht problematisch, weil die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung partizipativer Verfahren steigt, je mehr Probleme man damit lösen kann. Eine weitere Erkenntnis ist: Partizipationsmöglichkeiten sind sehr stark davon abhängig, wie die jeweiligen räumlichen, zeitlichen und personellen Bedingungen vor Ort sind, was sie jeweils ermöglichen und was sie verhindern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Informationen zum Projekt

„Partizipation in der frühestens Kindheit“ (PINKS) ist ein ethnografiebasiertes Praxisprojekt zur Akteurschaft von Kindern in schweizerischen Kindertageseinrichtungen. Das Projekt läuft von September 2015 bis August 2018 und sieht drei aufeinander aufbauende Phasen vor: Während der Explorationsphase wurden der Kita-Alltag untersucht und „Best Practices“ ermittelt. Hierfür nahmen die Forscherinnen und Forscher jeweils zwei bis vier Wochen am Alltag der untersuchten Kindertageseinrichtungen teil. Anschließend werden in der Reflexions- und Interventionsphase die Forschungsergebnisse an die beforschten Kindertageseinrichtungen weitergegeben. In der abschließenden Transferphase entwickeln die Forscherinnen und Forscher einen Praxisleitfaden sowie eine Fortbildung zu frühkindlicher Partizipation. Neun Kindertageseinrichtungen mit partizipativem Konzept nehmen an der Studie teil.

PINKS wurde initiiert vom Universitären Zentrum für Frühkindliche Bildung Fribourg (ZeFF) der Universität Fribourg in der Schweiz und wird von der Stiftung Mercator Schweiz gefördert.

Professor Dr. Sascha Neumann stellte das Projekt beim zweiten Treffen der Expertengruppe „Inklusion: Teilhabe und Partizipation“ im Juni 2016 am Deutschen Jugendinstitut vor. Beim gleichen Termin präsentierte Katja Flämig die laufende Studie von WiFF zur Teilhabe von Kindern mit und ohne Behinderung im Kita-Alltag. Mehr zu dieser und anderen Expertengruppen