Interview mit Heinz Hilgers

"Wir brauchen eine Kultur der Vernetzung!"

2,5 der 12 Millionen Kinder in Deutschland sind von staatlichen Transferleistungen wie Sozialgeld nach Sozialgesetzbuch II, Wohngeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz abhängig. Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds und Mitglied der WiFF-Expertengruppe "Inklusion - Kinder und Familien in Armutslagen", spricht im Interview über die Risiken, denen diese Kinder ausgesetzt sind und wie Kindertageseinrichtungen benachteiligte Familien unterstützen können.

Wie stellt sich die Situation von Kindern einkommensschwacher Familien in Deutschland dar?

Armutsbetroffene Kinder sind von vielen Aktivitäten ausgeschlossen. Sie gehen beispielsweise nicht zu Kindergeburtstagen, da sie kein Geschenk mitbringen können. Sie können sich nicht an Ausflügen beteiligen, selbst wenn diese durch das Bildungs- und Teilhabepaket oder Sponsoren finanziert wird, da ihre Eltern ihnen kein Taschengeld geben können.

Welche Auswirkungen hat Armut auf die Entwicklung eines Kindes?

Kinder aus einkommensschwachen Familien sind zwei wesentlichen Risiken ausgesetzt: ihre Gesundheitsversorgung ist oftmals nicht optimal, deshalb sind sie öfter krank. Zudem werden sie häufiger im Bildungssystem benachteiligt. Nur diejenigen, die über besondere Resilienzfaktoren verfügen, haben eine Chance auf Bildungserfolge. Es besteht die Gefahr, dass Armut von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Was können Kindertageseinrichtungen tun?

Kitas haben eine wichtige Funktion für die Inklusion. Denn umso früher die Förderung beginnt, umso eher kann Teilhabe ermöglicht werden. Bildungsangebote müssen aber so konzipiert sein, dass sie allen Kindern und Eltern offen stehen. Das bedeutet insbesondere, dass diese Angebote kostenfrei sind.

Die Expertengruppe fordert "armutssensibles Handeln" von frühpädagogischen Fachkräften. Was ist damit gemeint?

Die Fachkräfte müssen einer Haltung entwickeln, die auf dem positivem Menschenbild basiert, dass alle Familien - auch die armen und erschöpften -  in der Lage sind sich weiter zu entwickeln. Sie müssen die Situation benachteiligter Familien kennen und wissen, dass die Regelsätze sehr knapp bemessen sind. Beispielsweise sind Gesundheits- und Hygieneartikel für Kleinkinder teuer. Dies kann der Grund sein, wenn Eltern für ihr kleines Kind keine Windeln mitbringen können. Kitas sollten zudem gut mit dem Sozialraum vernetzt sein.

Warum ist diese Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wichtig?


Familienergänzende Hilfen zu organisieren, ist eine komplexe Aufgabe, an der unterschiedliche Institutionen beteiligt sind. Angefangen vom Allgemeinen Sozialen Dienst über Erziehungs- und Familienberatung bis hin zum Kinderarzt. Was wir brauchen ist eine Kultur der Vernetzung: Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Familienhilfe sowie des Gesundheits- und Bildungssystems müssen Hand in Hand arbeiten, um armutsbetroffene Familien bestmöglich zu erreichen. Das Prinzip „One Face to the Customer“ sollte auch für dieses Netzwerk gelten. Die Familien finden sich bei der Vielzahl von Akteuren nicht zurecht. In jeder Gemeinde beziehungsweise in jedem Stadtquartier sollte es deshalb eine zentrale Kontaktperson geben, die Unterstützung nach Bedarf vermittelt.