Fachkräftemangel in der Frühen Bildung

20.09.2017

In der Kindertages- und Grundschulbetreuung zeichnet sich ein gravierender Fachkräftemangel ab. Bis zu 329.000 zusätzliche pädagogische Fachkräfte werden in Krippen, Kindergärten und in der Grundschulbetreuung bis zum Jahr 2025 zusätzlich gebraucht – werden der Geburtenanstieg, die Zuwanderung, nicht erfüllte Elternwünsche und ein verbesserter Personalschlüssel zugrunde gelegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund. Für die Berechnungen wurde die Personalprognose aus dem "Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2017" aktualisiert und weiterentwickelt.

Wie lässt sich dieser Befund in die aktuellen politischen Debatten rund um die Kindertagesbetreuung einordnen? Welche Strategien können Politik, Träger und Einrichtungen entwickeln, um Engpässen zu begegnen? Welche Rolle spielt die Personalentwicklung für die Verbesserung der Kita-Qualität? Diese Fragen beantworten DJI-Direktor Professor Dr. Thomas Rauschenbach und WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König im Interview. Beide sind Mitglieder der Autorengruppe Fachkräftebarometer.

"Die Politik ist gefordert, alles nur Erdenkliche zu tun"

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts


In den nächsten Jahren ist von einem gravierenden Fachkräftemangel in der Frühen Bildung auszugehen. Wie lässt sich dieser Befund in die aktuellen Debatten um ein Qualitätsentwicklungsgesetz und die politischen Forderung nach der Ausweitung des Rechtsanspruchs einordnen?


Es gelten zwei einfache Regeln: Je mehr von den beiden ins Auge gefassten Zielen – Qualitätsoffensive und Rechtsanspruch für Grundschulkinder – umgesetzt werden, desto gravierender wird die Fachkräftelücke. Und: Je größer die personelle Lücke wird, umso mehr ist die Politik auf allen Ebenen von Bund, Länder und Gemeinden – vielleicht auch auf Ebene der Bundesagentur für Arbeit – gefordert, das ganz große Rad zu drehen und alles nur Erdenkliche zu tun, um zu einer drastischen Vermehrung von zusätzlichen Fachkräften beizutragen.

Das Ausbildungssystem wurde in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Zudem konnten Fachkräfte aus anderen Berufsfeldern oder aus der Familienphase für das Arbeitsfeld zurückgewonnen werden. Trotzdem fehlen in den nächsten Jahren voraussichtlich mehrere Tausend Fachkräfte. Was bedeutet das für die Personalgewinnung? Was für das Ausbildungssystem?

Es geht nicht um Tausende, sondern um Zehntausende und in der Summe bis 2025 sogar um Hunderttausende. Daher müssen wir an verschiedenen Stellschrauben drehen: etwa massive Werbung für diesen Berufsbereich, eine deutliche Steigerung der Anzahl Hochschulausgebildeter aus den erziehungswissenschaftlichen und sozialpädagogischen Studiengängen, die zu gewinnen wären, wirkungsvolle Anreize für eine Stundenerhöhung vieler Teilzeitbeschäftigter, erweiterte und durch die Bundesagentur geförderte Möglichkeiten der Umschulung sowie eine spürbare Annäherung des Einkommens berufstätiger Fachkräfte in der frühen Bildung an die Vergütungsstruktur im Grundschulbereich.

Wie aussagekräftig sind solche Hochrechnungen für Steuerungsverantwortliche? Denn jenseits des prognostizierten Fachkräftemangels auf Bundesebene stellt sich die Situation in den Ländern höchst unterschiedlich dar.

Zunächst müssen sich die politisch Verantwortlichen mit den durchgerechneten Befunden zu den Gebietseinheiten, d.h. westlichen und östlichen Flächenländer sowie Stadtstaaten, zufrieden geben. Das ist zu einer ersten Orientierung schon sehr hilfreich. Das hat damit zu tun, dass das Statistische Bundesamt noch keine landesspezifischen Bevölkerungsvorausberechnungen vorlegen kann. Allerdings haben wir auf Länderebene genauere Erkenntnisse über den Personalersatzbedarf aufgrund dauerhaft ausscheidender Beschäftigter, die jeweils zu erwartenden neu Ausgebildeten sowie die nicht erfüllten Elternwünsche für ihre Grundschulkinder. Das sind nicht zu unterschätzende Informationen für die Länder. Der Forschungsverbund DJI/TU Dortmund strebt aber an, künftig in weiteren Analysen möglichst alle Einflussfaktoren auf Länderebene herunterzubrechen, wenn die entsprechenden Daten der amtlichen Statistik vorliegen.

"Mittels Personalentwicklung ist das Spannungsfeld von Expansion und Qualität am ehesten zu lösen"

Prof. Dr. Anke König, Leitung der WiFF

Personal zu gewinnen ist eine Sache, diese neuen Kräfte in das Kita-Team zu integrieren und langfristig zu halten ist eine andere. Vor welchen Herausforderungen stehen Leitungen und Träger angesichts des konstanten Ausbaus?

Träger und Leitungen sind herausgefordert, die Teams gut zu unterstützen und damit eine Fluktuation des Personals zu vermeiden. Die Lasten des Personalmangels können die Einrichtungen nicht alleine tragen. Deshalb sollten gemeinsam mit dem Träger vertretbare Lösungen gefunden werden. Dazu darf der Fokus nicht nur auf dem Personalmangel liegen. Es gilt, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Denn mäßige Belastung und hohe Arbeitszufriedenheit führen zu einer Bindung an die Träger. Dazu zählt auch die Teamkultur in den Einrichtungen.

Neben ausreichend Personal ist die Qualifizierung der Fachkräfte zentral für die Betreuungsqualität in den Einrichtungen. Welche Rolle spielt die berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung für den Personalausbau?

Die Bedeutung der berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildung wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Aufgrund der wachsenden Heterogenität in den Teams, d.h. Zunahme von pluralen Ausbildungsabschlüssen und Berufsbildern, ist es eine Herausforderung, an den Qualifikationsprofilen aber auch an einem gelungenem Zusammenwirken der Teams zu arbeiten. Aus- und Weiterbildungen, die das Arbeitsfeld eng einbinden, sind dafür am besten geeignet. Aus- und Weiterbildungen müssen sich also noch spezifischer an die Anforderungen im Feld anpassen.

WiFF startet im Herbst eine Studie, die die Praxis der Personalentwicklung in Kitas beleuchtet. Welche Impulse erwarten Sie für die Diskussion?

Personalentwicklung in Kitas ist erst in den letzten Jahren ein Thema geworden. Weiterbildung zählt zwar bereits seit Jahrzehnten zum Standard in diesem Arbeitsfeld, die weiteren Aspekte der Personalentwicklung – von der individuellen Karriereplanung bis zur Teamentwicklung – wurden bisher aber eher nachlässig betrieben. Im Zuge der Expansion steigt die Bedeutung von Personalentwicklung, um das Zusammenwirken im Team zu stärken und damit auch die pädagogische Qualität in der Einrichtung. Die Studie wird zeigen, inwiefern entsprechende Maßnahmen bereits in der Praxis angekommen sind. Dieser Einblick hilft, die Kita zu einem attraktiven Arbeitsbereich weiterzuentwickeln. Das Spannungsfeld von Expansion und Qualität, wird mittels guter und passgenauer Personalentwicklung am ehesten zu lösen sein.