GEW-Referent Bernhard Eibeck im Interview

"Man wird damit rechnen müssen, dass es zu Streiks kommt"

10.02.2015

Die 2009 beschlossene Entgeltordnung (EGO) für den Sozial- und Erziehungsdienst wird 2015 neu verhandelt. Seit dem 25. Februar laufen die Gespräche zwischen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) sowie der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA). Bernhard Eibeck, Referent bei der GEW und Autor eines Beitrags in der WiFF-Veröffentlichung "Arbeitsplatz Kita", erläutert im Interview die Positionen der GEW im Tarifstreit. 

Was sind die zentralen Forderungen der GEW?

Die GEW fordert eine deutliche Steigerung der Bezahlung. Das Bruttogehalt einer Erzieherin bzw. eines Erziehers beträgt bei einer Vollzeitbeschäftigung im Durchschnitt 2.879 Euro. Damit liegt es etwa 570 Euro unter dem vom statistischen Bundesamt für 2013 ermittelten Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland. Außerdem muss damit Schluss sein, dass Fachkräfte bei beruflichem Aufstieg und Arbeitgeberwechsel Gehaltseinbußen riskieren. Zudem fordern wir verbesserte Eingruppierungsregelungen, die an die Veränderungen in den Arbeitsfeldern angepasst sind.

Was hat sich im Arbeitsfeld Kita verändert?

Die Tätigkeitsmerkmale, die zur Eingruppierung in die Entgeltstufen führen, beziehen sich auf berufliche Qualifikationen und Tätigkeiten aus den 1970er Jahren. Seitdem haben sich die Anforderungen an pädagogische Qualität, vor allem was Frühe Bildung oder Inklusion angeht, deutlich erhöht. Außerdem sind neue Arbeitsbereiche, wie z.B. Fachberatung oder Schulsozialarbeit, sowie berufliche Qualifikationen, wie ein Studienabschluss im Fach Kindheitspädagogik, hinzugekommen. Deren tarifliche Eingruppierung muss mit entsprechenden Tätigkeitsmerkmalen geklärt werden.

Absolventinnen und Absolventen kindheitspädagogischer Studiengänge fordern in einer Petition die Eingruppierung in die Entgeltgruppe S 17. Bislang erhalten sie überwiegend die gleiche Bezahlung wie Erzieherinnen und Erzieher (S 6 oder S 8). Welche Position vertritt die GEW?

Die Eingruppierung der Kindheitspädagoginnen und -pädagogen hängt von deren Tätigkeit ab. Wenn sie die gleiche Arbeit verrichten wie eine Erzieherin bzw. ein Erzieher, dann werden sie auch so bezahlt. Die GEW setzt sich allerdings dafür ein, Kindheitspädagoginnen und -pädagogen für ihre besonders qualifizierte Tätigkeit herausgehoben einzugruppieren. Das Äquivalent ist die Eingruppierung der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in S 15.

Die Vergütung von Kita-Leitungen richtet sich nach der Zahl der Betreuungsplätze. Da diese Regelung insbesondere Leitungen von Krippen benachteiligt, fordert die GEW, dass sich die Bezahlung nach der Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richtet. Die Arbeitgeber haben dies in der letzten Tarifrunde abgelehnt. Warum sollten sie jetzt zustimmen?

In den Verhandlungen von 2009 lag der Schwerpunkt darauf, die durch den Übergang vom BAT (Bundes-Angestelltentarifvertrag) zu TVöD (Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst) im Jahr 2005 entstanden Probleme zu lösen: Bis zum 30. September 2005 wurden Beschäftigte nach einer Reihe von Jahren eine Vergütungsgruppe höhergruppiert bzw. bekamen eine Zulage. Mit dem am 1. Oktober 2005 in Kraft getretenen TVöD wurde dieser "Bewährungsaufstieg" ersatzlos gestrichen, was zu dramatischen Gehaltsverlusten geführt hat. Dieses Problem, das schließlich durch die Vereinbarung einer eigenen Entgelttabelle für den Sozial- und Erziehungsdienst (TVöD - SuE) gelöst wurde, hatte absolute Priorität. Heute geht es zwar wiederum um eine Gehaltssteigerung, aber das Problembewusstsein auf Arbeitgeberseite für die Schwächen der Entgeltordnung ist erkennbar gestiegen. Auch sie sind daran interessiert, in der Praxis vernünftige und anwendbare Regelungen zu haben.

Der Tarifvertrag gilt für Angestellte bei Kommunen, die Mitglieder des kommunalen Arbeitgeberverbands sind. Diese machen nur etwa 30% der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst aus. Was haben Angestellte bei freien oder privaten Trägern von den Verhandlungen?

Ein Großteil der Beschäftigten bei freien Trägern ist an den TVöD gebunden. Deren Gehälter orientieren sich an der Entgelttabelle des TVöD-SuE und viele der TVöD-Regelungen zur Eingruppierung werden von den Arbeitgebern übernommen. Nicht zuletzt ist die TVöD-Tabelle die Richtschnur zur Berechnung der Landeszuwendungen für Kindertageseinrichtungen.

Was sind die nächsten Schritte in der Tarifauseinandersetzung?

Die GEW hat bereits im vergangenen Jahr begonnen, mit einer breiten Palette an Medien in der Öffentlichkeit über die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher zu informieren und für ihre Anliegen zu sensibilisieren. Unter dem Motto "Für ein besseres EGO" stellen wir die berufliche Identität, das Selbstwertgefühl und das Verlangen nach Anerkennung der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Das wird jetzt mit zahlreichen Veranstaltungen verstärkt weitergehen. Informationen dazu findet man auf unserer Website: www.gew.de/EGO. Die Gewerkschaften sind auf äußerst schwierige und langwierige Verhandlungen eingestellt. Man wird auch damit rechnen müssen, dass es zu Streiks kommt.


Weitere Informationen über die tarifliche Bezahlung frühpädagogischer Fachkräfte:

Eibeck, Bernhard (2014): Eingruppierung und Bezahlung von Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen - Tarifliche Entgeltordnungen aus gerwerkschaftlicher Sicht. In: Arbeitsplatz Kita - Analysen zum Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2014. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. München, S. 47-57