Julia Pollert
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Kita-Leitungen übernehmen eine Schlüsselrolle für die Qualität frühkindlicher Bildung. Vor dem Hintergrund von Ausbau und personellen Engpässen, steigenden gesellschaftlichen Erwartungen und wachsender Vielfalt in Teams und Familien werden die Aufgaben von Leitungskräften in Kindertageseinrichtungen immer komplexer. Welche Form von Führung wird diesen Herausforderungen gerecht? Was ist der Kern von guter Leitung? Wie können Teams geführt, Veränderungsprozesse gestaltet, Konflikte und Krisen bewältigt werden? Welche strukturellen Rahmenbedingungen braucht es? Wie hängen Leadership und Self-Leadership zusammen?
Diese Fragen standen im Zentrum des WiFF-Fachforums „Kita-Leitung: Vom Management zum Leadership" am 18. Juni 2026 am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Das Programm bot in Keynotes, Workshops und Gesprächsrunden viel Raum für Austausch und Networking. Unter den 90 Teilnehmenden waren zahlreiche Kita-Leitungen, Trägervertreter:innen, Fachberater:innen, Vertreter:innen aus Berufsverbänden, Stadtquartiersmanager:innen sowie Mitarbeitende aus Kommunen und Ministerien.
Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin, Projektleitung der WiFF, eröffnete die Fachtagung und stellte die Veränderung der Funktion der Kita-Leitung und das Zusammenspiel der beiden Führungsansätze in den Mittelpunkt: Während Management vor allem auf Organisation, Verwaltung und Steuerung des laufenden Betriebs ziele, setze Leadership auf die Entwicklung gemeinsamer Visionen, die Gestaltung von Veränderungsprozessen und die Stärkung von Teams. Angesichts wachsender Anforderungen an Kitas erscheint dieser Ansatz besonders relevant. Zudem zeige aktuelle Forschung, dass gute Führung einen wesentlichen Einfluss auf die pädagogische Prozessqualität in Kindertageseinrichtungen habe, so Fuchs-Rechlin. Gleichzeitig sieht die Wissenschaftlerin Entwicklungsbedarfe – etwa bei der Qualifizierung von Leitungskräften, den Zeitressourcen und der Unterstützung durch Träger.
Der Vortrag von Prof. Dr. Itala Ballaschk stieg mit den veränderten Anforderungen an das Leitungshandeln in Kindertageseinrichtungen ein. Anschließend zeichnete die Bildungswissenschaftlerin von der Fachhochschule Südwestfalen in Soest die Entwicklungslinie der Kita-Leitung „Vom Management zum Leadership“ historisch und professionsbezogen nach: von der verwaltenden Leitung über managementorientierte Steuerungslogiken bis hin zu einem Leadership-Verständnis, das Leitung als relationale, entwicklungsorientierte und sinnstiftende Praxis begreift. Dabei wurde deutlich, dass Leadership kein kurzfristiger Trendbegriff ist, sondern eine Antwort auf die wachsende Komplexität pädagogischer Organisationen, so Ballaschk. Für ein zeitgemäßes Verständnis von Leitung in der Frühen Bildung stehe für sie „die Frage im Zentrum, wie Leitungskräfte heute Orientierung geben, Zusammenarbeit gestalten und Professionalisierungsprozesse in Kitas ermöglichen“.
Für den abschließenden Keynotevortrag zu „Self-Leadership in sozialen Organisationen“ konnte Prof. Dr. Dieter Frey gewonnen werden, Leiter des LMU Centers for Leadership and People Management. Das Center ist eine Trainings-, Beratungs- und Forschungseinrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität München und vermittelt Wissen, Handlungskompetenzen und Werte für gute Führung und Zusammenarbeit unter Berücksichtigung aktueller Forschung. Der Professor für Sozial-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie beleuchtete das Thema Selbstführung und verantwortungsvolles Führungshandeln aus einer praxisorientierten psychologischen Perspektive. Kernstück des Beitrags bildete die Vorstellung eines „10-Säulen-Modells der Selbstführung“, das Schritt für Schritt aufzeigt, was gute Selbstführung ausmacht und wie sie gelingen kann: Von Selbstreflexion und Selbstkenntnis über Selbstverantwortung und Selbstentwicklung bis hin zur Selbstdarstellung und Selbstregulation – nach dem Motto "wer sich selbst führen kann, kann auch andere führen", wobei es bei der Wirksamkeit „zwischen veränderbaren und nicht veränderbaren Welten zu unterscheiden gelte“, so Frey.
Die Referentinnen Clarissa Nachtigall, Susanne Wirag und Katja Tillmann stellten in der WiFF-Gesprächsrunde aktuelle „Impulse aus der Forschung zu Leitung und Karriere in der Kita“ vor.
Aus der Interviewstudie „Berufliche Wege in der Kita“ berichtete Clarissa Nachtigall, dass zwischen zwei Gruppen im Übergang zur Leitungsposition unterschieden werden könne: Zum einen Leitungskräfte mit eher niedriger Karriereorientierung, die von sich selbst sagen, eher „zufällig“ in die Leitungsposition gekommen zu sein. Zum anderen Leitungskräfte mit eher hoher Karriereorientierung, die Eigeninitiative in Form vorbereitender Qualifizierungsmaßnahmen zeigten oder Aufstiegswünschen gegenüber dem Vorgesetzten kommunizierten. Als Unterstützung, die die befragten Fachkräfte auf dem Karrierepfad von ihrer Organisation erhalten, berichteten die Interviewten von vielfältigen begleitenden Maßnahmen der Einarbeitung und Qualifizierung, wie beispielsweise Mentoring und Leitungssupervision sowie Unterstützung durch Fachberatung oder Vorgesetzte. Hier sieht Nachtigall auch Anknüpfungspunkte an das Konzept des Leaderships. Leitungskräfte könnten Mitarbeitende fachlich und persönlich weiterentwickeln, in dem sie gemeinsam Entwicklungsziele gestalten und sie in ihrer professionellen Entwicklung stärken, insbesondere Personen, die Leitungsambitionen haben.
Die Daten des WiFF-Panels, eine Online-Befragung zum Berufseinstieg von pädagogischen Fachkräften, zeigen zudem, dass es insbesondere im Onboarding-Prozess von Nachwuchskräften einen Unterschied mache, ob eine Leitungskraft ihre Führungsrolle ausfüllen kann, so WiFF-Referentin Susanne Wirag. Dabei spielen nicht nur regelmäßige Mitarbeitergespräche mit der Führungskraft eine wichtige Rolle. Vor allem in der Einarbeitungsphase zeige sich ein deutlicher Einfluss eines wertschätzenden, unterstützenden Leitungsverhaltens im Sinne des Leaderships. Die Führungsqualität beeinflusst, wie das Onboarding verläuft und welche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. „Sie spielt sowohl für die fachliche als auch soziale Integration eine wichtige Rolle und wirkt sich allgemein auf die Arbeitszufriedenheit sowie die Bindung an den Arbeitgeber aus“, so Wirag.
Für gute Führung und Leadership brauche es jedoch nicht nur Anleitung und Mitarbeiterentwicklung sowie Know-How und Haltung, sondern auch zeitliche Ressourcen. Katja Tillmann, WiFF-Referentin am Forschungsverbund DJI/TU Dortmund, stellte dazu aktuelle Ergebnisse des Fachkräftebarometers Frühe Bildung zu Leitungsressourcen vor. Klarer Befund: Die Ausstattung mit vertraglich vereinbarter Leitungszeit hat sich in den letzten Jahren verbessert, allerdings nicht für alle Einrichtungen gleichermaßen. Insbesondere kleineren Kitas fehlen oft zeitliche Ressourcen für Leitungsaufgaben.
Vertreterinnen und Vertreter aus Aus-, Fort- und Weiterbildung, Verbände und Kindertageseinrichtungen diskutierten in einem Praxistalk zum Thema „Verwalten oder führen: Worauf kommt es heute in der Kita an?“ über die Entwicklungen, Herausforderungen und die Qualifizierungsoptionen von Leitungskräften. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass es für echtes Leadership beides bräuchte, also sowohl pädagogische Fachlichkeit, organisatorisches Verwaltungs- und Managementwissen aber auch personale Führungskompetenzen mit Kommunikationsstärke und Reflexionsfähigkeit. Dies erfordere Klarheit in der Rolle und eine gut entwickelte Führungshaltung. Entwicklungsbedarfe wurden vor allem in den Rahmenbedingungen und in der Qualifizierung gesehen. Neben mehr zeitlichen Ressourcen und Räumen, in denen Leitungspersönlichkeiten wachsen, sich orientieren und ihre Führungsrolle wirksam gestalten können, bräuchte es auch mehr praxisnahe Angebote in der Aus- und Weiterbildung, die Kita-Leitungen bzw. angehende Leitungen zentrale Themen wie Leadership, Team- und Selbstführung, Veränderungsprozesse und Krisenmanagement vermittelten. Dazu leisten Kita-Mentoring Projekte wie das des Verbandes Evangelischer Kindertageseinrichtungen (VEK) in Schleswig-Holstein, die Weiterqualifizierung „Führung und Management in der Kita“ vom Bayerischen Bildungswerk (bbw) sowie der Weiterbildungsstudiengang „Bildungsmanagement und Leadership im Elementarbereich“ an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd wichtige Beiträge.
Teilnehmende am Praxistalk (von lins nach rechts):
In drei parallel angesetzten Workshops gaben Expertinnen und Experten aus der Praxis Impulse zu den Themen Teamführung, Changemanagement und Krisenmanagement. Die Teilnehmenden waren eingeladen, die Impulse zu diskutieren und eigene Erfahrungen einzubringen.
Führung gestalten – Stärken entdecken – Visionen entwickeln“
Referentin: Eva Walling, Trainerin für Führungskräfte, Mediatorin, Supervisorin, Coach
Moderation: Dr. Katharina Galuschka, WiFF
Der Workshop 1 zur „Teamführung“ behandelte im Schwerpunkt die persönliche und kollektive Weiterentwicklung von Führungskompetenzen. Referentin Eva Walling, Coachin und Mediatorin, nutzte methodisch Elemente des Psychodramas und visualisierte Mithilfe von lebendigen Skulpturen, wie ideale Führungskräfte aussehen. Dies machte den abstrakten Begriff der „Teamführung“ greifbarer und ermöglichte den Teilnehmenden eine intensive Reflexion des eigenen Fokus. Liegt der persönliche Schwerpunkt eher im Bereich Management oder im Leadership – und wird ein Element davon möglicherweise vernachlässigt? Dabei differenzierte die erfahrene Führungskräftetrainerin klar zwischen den beiden Begriffen: Management konzentriere sich auf die administrativen und organisationalen Aspekte wie Prozesse, Strukturen, Regeln und Planung. Leadership setze den Schwerpunkt auf zukunftsgerichtete, inspirierende Impulse wie Visionen, Initiativen und Innovationen.
Ergänzend beleuchtete Eva Walling auch das Thema Delegation: Aufgaben, die die Führungskraft nicht selbst leisten kann oder möchte, sollten kompetenzbasiert und vertrauensvoll ins Team delegiert werden. Hierbei wurde auch ein konkreter Bezug zu den Herausforderungen und Problemen im Kita-Alltag hergestellt und in der Gruppe diskutiert.
Veränderungen steuern – Teams motivieren – Wissen weitergeben
Referent: Marcus Schnuck, Pädagoge, Autor, Systemischer Supervisor
Moderation: Angélique Gessler, WiFF
Im Workshop 2 zum „Changemanagement“ referierte Marcus Schnuck darüber, wie Leitungskräfte in der Kita Veränderungen steuern, Teams motivieren und Wissen weitergeben können. Im Changemanagement läge, so der Supervisor und Autor, ein großer Gestaltungsspielraum für die Struktur- und Prozessqualität. Als mögliche Organisationsentwicklungsstrategie wurde anhand des Ablaufmodells von Schiersmann und Thiel auf die einzelnen Schritte von Veränderungsprozessen eingegangen, wobei von deren Abfolge auch abgewichen werden könne.
Der Sinn sei beim Changemanagement der wichtigste Bezugspunkt, so Schnuck. Sinn als leitendes Grundprinzip gibt Antwort auf die Frage: „Warum soll ich das machen?“ und verleiht dem Prozess Farbe und Gefühl. Sinn gibt zudem Handlungssicherheit und diene als Navigationshilfe. In diesem Zusammenhang seien Leitbilder ganz wichtig, die am besten gemeinsam mit den Mitarbeitenden erarbeitet werden, damit sie von möglichst vielen mitgetragen werden.
Trotzdem gehören zu Veränderungsprozessen immer auch Widerstände, die die am Workshop teilnehmenden Leitungskräfte in ihren Einrichtungen erleben und lebhaft in der Runde diskutierten. Der Referent, der auch viele Teams als Supervisor begleitet, sieht darin aber ein gutes Zeichen. Manchmal sei etwas einfach noch nicht richtig verstanden worden und erfordere ein Nachsteuern seitens der Führungskraft. Es sei die Rolle der Leitung, zu Beginn, aber auch während der gesamten Laufzeit des Changeprozesses, Einsatz für das Vorhaben zu zeigen sowie motiviert und vor allem geduldig zu agieren. Fachkräfte bräuchten ihre Zeit für den Umgang mit Widerständen und die Veränderungen.
Ein weiterer und essentieller Baustein von gelingenden Veränderungsprozessen ist zudem das Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, da es sich um einen von Menschen getragenen Prozess handele. Gleichzeitig bräuchte es in die andere Richtung, also für die Leitungskräfte, auch Zutrauen sowie Räume und Zeit, die eigenen Ideen auszuprobieren und ihre Visionen umzusetzen, betonte Marcus Schnuck.
zur Präsentation von Marcus Schnuck zum Workshop 2 „Changemanagement“
Emotionen verstehen – Grenzen setzen – Konflikte bewältigen
Referentin: Dr. phil. Carlotta Welding, Emotionswissenschaftlerin, Psycholinguistin, Coach
Moderation: Bärbel Barbarino, WiFF
Im Workshop 3 zum Thema „Krisenmanagement“ stellte Dr. phil. Carlotta Welding die Frage in den Mittelpunkt, wie Erkenntnisse der Emotionswissenschaft den Umgang mit Konflikten unterstützen können. Ausgangspunkt war das Verständnis von Konflikten als Zusammenspiel von Sach- und emotionaler Ebene. Für Kita-Leitungen bedeutet professionelles Krisenmanagement daher, emotionale Dynamiken wahrzunehmen, ohne sich von ihnen steuern zu lassen.
Zentral ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung: Welche Gefühle löst eine Situation in mir aus? Welche Emotion steckt möglicherweise hinter den Aussagen meines Gegenübers? Erst wenn beide Ebenen – sachlich und emotional – bewusst betrachtet werden, entsteht Handlungsspielraum für eine konstruktive Bearbeitung von Konflikten.
Als praktischen Impuls stellte Welding die sogenannte „90-Sekunden-Regel“ vor. Emotionale Reaktionen zeigen sich zunächst als körperliche Prozesse, etwa durch veränderten Herzschlag oder beschleunigte Atmung. Diese erste „Emotionswelle“ klingt in der Regel nach etwa 90 Sekunden ab. Häufig wird sie jedoch durch weiterführende Gedanken verlängert, die neue emotionale Reaktionen auslösen.
Ziel ist es daher, diese erste Phase bewusst wahrzunehmen und nicht unmittelbar zu reagieren. Hilfreich ist es, das eigene Gefühl präzise und ohne Bewertung zu benennen, etwa „Ich bin verunsichert“ oder „Ich fühle mich unter Druck“. Unterstützend können kleine Strategien wie bewusstes Atmen oder kurzes Innehalten wirken. So entsteht ein innerer Raum, in dem Emotionen abklingen können, ohne weiter verstärkt zu werden.
Für den Führungsalltag in der Kita bedeutet dies: erst regulieren, dann handeln. Entscheidungen, Rückmeldungen oder Reaktionen sollten nicht aus unmittelbarer Kränkung, Wut oder Angst heraus erfolgen, sondern auf Grundlage einer reflektierten Wahrnehmung.
Im anschließenden Austausch wurden zahlreiche Bezüge zu typischen Konfliktsituationen aus dem Berufsalltag der Teilnehmenden hergestellt.
zur Präsentation von Dr. phil. Carlotta Welding zum Workshop 3 „Krisenmanagement“