WiFF-Forum: Präsentation Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019

Am 25. Juni 2019 präsentierte die Weiterbildungsinitiative zentrale Ergebnisse des "Fachkräftebarometers Frühe Bildung 2019" vorab im dbb-Forum in Berlin. Die 100 Teilnehmenden des WiFF-Forums erhielten in Vorträgen und Workshops einen Überblick zum Personal in der Kindertagesbetreuung in Ausbildung und Beruf. In einem Podiumsgespräch kommentierten und diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Fachpolitik, Gewerkschaft, Wissenschaft und Trägerebene die Dynamiken im Arbeitsfeld Frühe Bildung aus ihrer jeweiligen Perspektive. Die Gesamtpublikation ist Ende Juli 2019 erschienen. Sie liefert auf Basis amtlicher Daten ein empirisches Fundament für die Beantwortung der Frage, wie sich Ausbildungssystem, Personalstruktur und -ressourcen sowie Arbeitsmarkt in der Frühen Bildung entwickeln und gibt Hinweise auf fachpolitische Herausforderungen.

Personalwachstum und Ausbildungsdynamik in der Kindertagesbetreuung

"Die Kindertagesbetreuung ist eines der dynamischsten Arbeitsmärkte in Deutschland", stellt Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts und Leiter der Autorengruppe Fachkräftebarometer, fest. Die Beschäftigten im Arbeitsfeld Frühe Bildung sind seit 2012 mit 26 % im Vergleich zum deutschen Gesamtarbeitsmarkt mit nur 9 % überdurchschnittlich stark angestiegen. Damit arbeiteten im Jahr 2018 mit fast 770.000 Beschäftigten mehr Menschen in Kindertageseinrichtungen und in der öffentlich geförderten Kindertagespflege als jemals zuvor. 57.000 junge Menschen werden im Schuljahr 2018/19 voraussichtlich eine Ausbildung abschließen, die zu einer Tätigkeit in der Frühen Bildung befähigt. "Diese Zahlen belegen eine gigantische Entwicklung" unterstreicht Thomas Rauschenbach. Das enorme Personalwachstum fand zwischen 2006 bis 2018 auf allen Qualifikationsebenen statt. Auch wenn Erzieherinnen und Erzieher zahlenmäßig weiterhin mit Abstand die größte Berufsgruppe bilden, legten die akademischen Kräfte mit einem Zuwachs von 185% und die Gruppe der Sozialassistenten mit 609% überproportional stark zu. Bemerkenswert sei auch, dass bei den Tagespflegepersonen kein Mitnahmeeffekt des Wachstums zu beobachten ist, da hier die Anzahl der Kindertagespflegepersonen seit 2012 stagniert. Allerdings steigt die Zahl der in der Tagespflege betreuten Kinder und auch das Qualifikationsniveau der in diesem Bereich Tätigen stetig an. Zudem bleibt die Frühe Bildung mit einem Anteil von 94% Frauen im Vergleich zu anderen typischen Frauenberufen unverändert an der Spitze, wobei sie sich im Vergleich zum Gesamtarbeitsmarkt deutlich verjüngt und auch beim Einkommen spürbar aufgeholt hat. Angesichts des demografischen Wandels zählt Rauschenbach neben dem Fachkräftemangel die steigende Inanspruchnahme ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote von Grundschulkindern zu den größten Herausforderungen.

Workshops zu den ausgewählten Themen

Workshop 1: Arbeitsmarkt Frühe Bildung

Anhand ausgewählter Ergebnisse stellt Pascal Hartwich, Mitglied der FKB-Autorengruppe an der TU Dortmund, die Besonderheiten des Arbeitsmarkts Frühe Bildung vor. Mit einem Zuwachs von 26% ist die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen in der Frühen Bildung zwischen 2012 und 2017 dreimal so schnell gewachsen wie auf dem Gesamtarbeitsmarkt. Das rasante Wachstum des Arbeitsfeldes spiegelt sich zudem in stetig sinkenden Arbeitslosenzahlen wieder und einer Arbeitslosenquote, die bei 1,3% ihren bisherigen Tiefststand erreicht hat. An der Spitze bleibt die Frühe Bildung mit einem Anteil von 95% Frauen im Vergleich zu anderen typischen Frauenberufen. Untypisch für ein weiblich dominiertes Arbeitsfeld ist allerdings die niedrige Anzahl von geringfügig Beschäftigten (4% im Vergleich zu 13% im Gesamtarbeitsmarkt) und eine höhere durchschnittliche Wochenarbeitszeit mit 32,4 Stunden im Vergleich zu erwerbstätigen Frauen insgesamt (30,1 Stunden). Die Teilnehmenden diskutierten inwieweit männliche Arbeitnehmer, andere Herkunftsländer und stille Reserven mögliche Rekrutierungspools für zusätzliche pädagogische Fachkräfte sein könnten.

Workshop 2: Ausbildung und Studium

Der erneute Zuwachs an Menschen, die eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich der Frühen Bildung wählen, ist einer der Kernbefunde der FKB-Autorinnen und Autoren Angelique Gessler, Dr. Kirsten Hanssen und Christian Peucker. Das Ausbildungsgefüge ist aber nicht nur auf Expansionskurs, sondern differenziert sich u.a. mit praxisintegrierten Ausbildungs- und Studienmodellen in Voll- und Teilzeitprogrammen weiter aus. Des Weiteren setzen die Länder bei den berufsfachschulischen Ausbildungen für Sozialassistenz und Kinderpflege rund um Zugänge und Angebote unterschiedliche Akzente. Schon seit langem stellen auch die Studiengänge der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschaft ein Reservoir zur Gewinnung von Kita-Fachkräften dar. Die Gründung früh- bzw. kindheitspädagogischer Studiengänge und ihre steigenden Absolventenzahlen gehen mit einer gestiegenen Dynamik auch im Arbeitsfeld einher: im Jahr 2018 waren immerhin 6 % des pädagogischen und leitenden Kita-Personals einschlägig hochschulisch ausgebildet. Abschließend stellt die Forschergruppe fest, dass vielfältige Wege der Qualifizierung für das Arbeitsfeld Frühe Bildung bestehen.

Workshop 3: Kita-Teams und Leitung

"Der Kita-Ausbau zeigt sich auf allen Ebenen: 600.000 Kinder, 363.000 pädagogisch und leitend Tätige sowie 7.300 Einrichtungen mehr als noch im Jahr 2007", erklärte Karin Beher, Mitglied der Autorengruppe Fachkräftebarometer an der TU Dortmund. Dieses enorme Wachstum verändert sowohl die Organisationstrukturen als auch die Zusammensetzung und Profile der Kita-Teams. Der Organisationswandel drücke sich in einer Vergrößerung der Einrichtungen und dem Zuwachs der unter Dreijährigen aus. Auch das pädagogische Profil der Kitas sowie die Anforderungen an die Teams erweitern sich zunehmend, so die Forscherin. Gleichzeitig sind Veränderungen in der Zusammensetzung der Teams nach Geschlecht und Qualifikation erkennbar. Obgleich das Berufsfeld nach wie vor eine Frauendomäne ist, verändern sich durch die Erhöhung der Männerquote von 3,1% auf 6,2% seit 2006 langsam die Geschlechterstrukturen in den Einrichtungsteams. Größere Diversität vermitteln die Daten auch im Hinblick auf die Zusammensetzung der Einrichtungsteams nach Berufsabschlüssen. Seit 2007 sind qualifikationseinheitliche Erzieher-Teams auf dem Rückzug. Eine größere berufliche Bandbreite ist vor allem durch den Bedeutungszuwachs der akademisch erweiterten Teams bedingt. Wie gut oder schlecht der Wandel in den Kitas und die Veränderungen im Teamgefüge begleitet wird, sei nicht allein eine Frage der Kompetenzen, über die die Leitungskräfte verfügen, sondern auch der Zeitressourcen, die ihnen für ihre Tätigkeit zur Verfügung stehen. Hierzu konnte auf Grundlage des Fachkräftebarometers ermittelt werden, dass 60% der Kitas nicht über ausreichende Leitungsressourcen verfügen und hier bundesweit ein großer Ausbaubedarf besteht. So werden schätzungsweise mindestens 3.500 rechnerische Vollzeitstellen benötigt, um die Lücke zwischen den vorhandenen und erforderlichen Leitungsressourcen zu schließen.

Wird die Personalfrage zur Schlüsselfrage für die Qualität in der Kindertagesbetreuung?

Die Kindertagesbetreuung in Deutschland schreibt Superlative: Starker Personalzuwachs, expandierender Arbeitsmarkt und niedrige Arbeitslosenzahlen. Für die Leiterin der Autorengruppe Fachkräftebarometer und Professorin Dr. Anke König von der Universität Vechta belegen diese Zahlenrekorde, dass die Personalfrage zur Zukunftsfrage geworden ist. Die Personalfrage entscheidet, wie pädagogische Institutionen weiterentwickelt werden, so die Wissenschaftlerin. Auffällig sei jedoch, dass der Arbeitsmarkt Frühe Bildung sich trotz des rasanten Wachstums als strukturell sehr stabil erweist. Dies verdeutlichen die Zahlen des Fachkräftebarometers Frühe Bildung in Hinblick auf die lange Verweildauer, das ausgeglichene Altersgefüge, die gleichbleibend hohen Teilzeitquoten, den starken Frauenüberhang und die dominierende Erzieherausbildung unter den Kita-Fachkräften. Damit wirken systemimmanente Muster immer noch stärker als eine fachpolitische Steuerung, konstatiert König. Dabei warnt sie davor zu glauben, dass alles so weitergehen könne wie bisher. Expansion verstärke die Pluralität und erfordere, die "neue Unübersichtlichkeit" des kleinräumig organisierten und äußerst heterogenen Feldes intensiver zu bearbeiten. Auch seien "rund um die Einbindung der akademischen Fachkräfte viele Chancen bisher ungenutzt geblieben" und das "Professionalisierungsversprechen" nicht eingelöst worden. Entsprechend brauche es eine Verbesserung der strukturellen und personellen Rahmenbedingungen und eine "kohärente Steuerung des Systems durch verbindliche Standards auf Bundes- und Landesebene", fordert die Wissenschaftlerin.

Podiumsgespräch: Wird die Personalfrage zur Schlüsselfrage für die Qualität in der Kindertageseinrichtung?

Über die Personalfrage im Spannungsfeld von Fachkräftemangel und Qualitätsanforderungen diskutiert Professorin Dr. Anke König in einem abschließenden Podiumsgespräch mit Teilnehmenden aus Fachpolitik und Wissenschaft, die ihre Perspektive auf die Realitäten und Herausforderungen im Handlungsfeld Frühe Bildung geben. Ausgewählte Statements:

„Mit dem Gespenst Fachkräftemangel leben lernen“

Die Bundesländer stehen vor hohen monetären Aufwendungen und unter einem enormen Handlungsdruck, die Qualifizierung der frühpädagogischen Fachkräfte auf die heutigen Kita-Realitäten anzupassen, beobachtet Siegfried Hutsch vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt. Auch hinsichtlich der Durchlässigkeit der Berufsbiographien von Erzieherinnen und Erziehern sowie der Gehaltsentwicklung auf Leitungsebene müssen noch mehr Anreize geschaffen werden, so Hutsch. Die Fachkräftesituation wird die wesentliche Schlüsselfrage bleiben. Dennoch hat er keine Angst vor den Herausforderungen des Fachkräftemangels, da er zu einem gesunden Konkurrenzdruck führt und neue Kreativität bei der Personalgewinnung in Gang setzt: "Es sind noch längst nicht alle Ressourcen ausgeschöpft".

„Mehr Kapazitäten und richtige Rahmenbedingungen in der Ausbildung“

Für Dr. Elke Alsago von der Gewerkschaft ver.di muss die Perspektive auf die gesamte soziale Arbeit und ihre Ausbildungssysteme gerichtet werden. Trotz eines riesigen Interesses an einer Ausbildung im Bereich Frühe Bildung, gibt es an den Berufsfach-, Fach- und Hochschulen nicht genug Plätze für Kräfte, die in dieses Arbeitsfeld gehen wollen. Zudem erweisen sich neu etablierte Angebote, wie beispielsweise die praxisorientierte Ausbildung, hinsichtlich ihrer inhaltlichen, zeitlichen und finanziellen Rahmenbedingungen als unzulänglich. Als Antwort auf die brennende Personalfrage fordert die Gewerkschaftsvertreterin daher eine Weiterentwicklung des gesamten Ausbildungssystems und den Ausbau der Kapazitäten.

„Personelle Gesamtstrategie für das Arbeitsfeld entwickeln“

Frühe Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Altenpflege – das Arbeitsfeld ist vielfältig und attraktiv, unterliegt aber einem hohen personellen Wechselpotential, stellt Sabine Urban vom DRK-Bundesverband fest. Statt einzelner Strategien, sollte das Feld der Care-Berufe systemischer betrachtet werden. Daher fordert die Trägervertreterin für die Personalgewinnung eine Gesamtstrategie und verweist auf ein entsprechendes Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) zur Fachkräftegewinnung. Zudem plädiert Sabine Urban dafür, bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen wieder stärker die Kinderperspektive in den Blick zu nehmen und in allen Bundesländern einen einheitlichen Fachkraft-Kind-Schlüssel zu realisieren.

„Berufseinmündung der Fachkräfte ist eine enorme Integrationsaufgabe“

Die Berufseinmündung ist für alle frühpädagogischen Fachkräfte eine äußerst sensible Phase, da sie unter einem hohen Anpassungsdruck stehen, hat die WiFF-Leiterin und Professorin Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin in ihren Forschungsprojekten festgestellt. Die Berufsbeginner münden meist hochmotiviert und mit einem großen Gestaltungswillen in die Kitas ein, erleben aber dann unter dem Primat der Praxis häufig eine Marginalisierung ihrer aus Studium und Ausbildung mitgebrachten Kenntnisse und Fertigkeiten. Die Homogenisierungsversuche der Teams sind meist mit Spannungen und Konflikten verbunden, die zur Folge haben, dass viele junge Fachkräfte sich neue Einrichtungen suchen. Entsprechend stellt der gesamte Prozess der Teambildung und -entwicklung für Fachkräfte und Träger eine enorme Integrationsaufgabe dar, unterstreicht die Wissenschaftlerin.

Fotografie: Jens Ahner