Forschungsperspektiven auf Professionalisierung

16 Forschungsverbünde an 18 Universitäten, acht Hochschulen und drei Forschungseinrichtungen haben Qualifizierungswege, Berufseinstieg, Arbeitsbedingungen und Tätigkeiten des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen untersucht. Sie wurden zwischen 2011 und 2014 im Rahmen der Förderlinie "Ausweitung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte" (AWiFF) mit insgesamt 7,5 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Über 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter 43 Promovierende, waren an den Projekten beteiligt. Auf der Tagung "Forschungsperspektiven auf Professionalisierung in der Frühpädagogik" am 16. Mai 2014 in Berlin präsentierten die Projekte ihre Ergebnisse und stellten sie zur Diskussion.

Die frühpädagogische Forschungslandschaft

"Bis vor wenigen Jahren war die frühpädagogische Forschung randständig", stellt Susanne Viernickel, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, in ihrem Einführungsvortrag fest. Die Förderlinie des BMBF mache deutlich, dass der Frühen Bildung mehr Relevanz eingeräumt wird. In der aktuellen Forschungslandschaft zeichnet sich eine breite Beschäftigung mit der frühpädagogischen Ausbildung und der Kita samt ihrer Akteure ab. Hierzu haben auch die AWiFF-Projekte beigetragen. Wenig Forschungsaktivität ist im Bereich Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte und Tagespflege zu verzeichnen. Damit die Praxis von den gewonnen empirischen Erkenntnissen profitiert, sind eine öffentliche Diskussion der Ergebnisse und Investitionen in Transferkonzepte notwendig.

Präsentation Prof. Dr. Viernickel

Panel-Sessions

Panel 1: Kindheitspädagogische Studiengänge. Ein neues Qualifikationsprofil auf dem Arbeitsmarkt

Mit der Akademisierung des Feldes und der Berufseinmündung von Absolventinnen und Absolventen frühpädagogischer Studiengänge beschäftigte sich das Panel der Projekte "Übergang von fachschul- und hochschulausgebildeten pädagogischen Fachkräften in den Arbeitsmarkt" (ÜFA) und "Akademimisierung frühpädagogischer Fachkräfte - Zwischen Arbeitsplatznähe und Professionalisierung" (AKIPÄD).

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Kindheitspädagoginnen haben größere Chancen auf eine unbefristete Anstellung und werden oftmals in Positionen beschäftigt, die besser bezahlt sind, so ein Ergebnis der Forscher. Ihr Gehalt liegt dennoch unterhalb der durchschnittlichen Vergütung von Akademikerinnen und Akademikern in anderen Berufen. 
  • Die Kita-Träger stehen den neuen Studiengängen zwar grundsätzlich positiv gegenüber und halten eine Steigerung der Akademikerinnen-Quote für wünschenswert und fachlich sinnvoll. Doch hat nur eine Minderheit vor, gezielt hochschulisch gebildetes Personal einzustellen.

Präsentation ÜFA
Präsentation AKIPÄD

Panel 2: Professionelles Handeln - Reflexion - Reflexivität. Drei Blickwinkel auf pädagogische Praxis

Mit dem Wissen von pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kitas, der Reflexivität in multiprofessionellen Teams und der Rolle der Fachberatung beschäftigte sich das Panel der Projekte "Wissensbasierte Deutungs- und Handlungskompetenzen von pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" (WiKi), "Frühpädagogische Reflexivität und beruflicher Habitus in multiprofessionellen Teams" und "Die Rolle der Fachberatung im System der Entwicklung von Qualität in der Frühen Bildung".

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Die Forscher standen vor der Herausforderung, dass Erzieherinnen und Erzieher selten Fachbegriffe verwenden, wenn sie ihre Arbeit reflektieren. Somit ist es schwer auszumachen, auf welche Wissensdomänen (z.B. Alltags- oder Fachwissen) sie zurückgreifen.
  • Multiprofessionelle Teams bieten das Potenzial für mehr Reflexivität, da im Teamgespräch unterschiedliche Wissensformen und Erfahrungen eingebracht und Handlungsalternativen gegeneinander abgewogen werden.
  • Über die Rolle von Fachberatungen gibt es kein einheitliches Verständnis. In der Vielfalt ihrer Tätigkeiten liegt aber auch die Chance, dass sich Fachberatungen für bestimmte Aufgaben spezialisieren und damit ihr Profil schärfen.

Präsentation Frühpädagogische Reflexivität
Präsentation Rolle der Fachberatung

Panel 3: Kita-Personal: Arbeitsprofile, Berufsprofile und Diversity Management

Wie kann Personal für das Berufsfeld Kindertageseinrichtungen gewonnen bzw. dort gehalten werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich das Panel der Projekte "Arbeitsplatz und Qualität in Kitas" (AQUA) und "Pädagogische Fachkräfte mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten: Ressourcen - Potenziale - Bedarfe".

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Gute Arbeitsbedingungen tragen sie dazu bei, Leitungen und Fachkräfte auch bei hohen Anforderungen zu halten: Unter schlechten Arbeitsbedingungen fühlt sich nur ein knappes Drittel der Leitungskräfte (32%) und etwas über ein Fünftel der Kita-Fachkräfte ohne Leitungsfunktion (23%) an den Träger gebunden. In der Gruppe mit guten Arbeitsbedingungen sind es 85 bzw. 69%. 
  • Fachkräfte, die im Ausland eine pädagogische Qualifikation erworben haben, stoßen in Deutschland auf Hürden wenn sie in ihrem Beruf arbeiten wollen. Denn ob und auf welchem Niveau sie in der Kita tätig sein können, hängt stärker von den Verfahrensweisen der einzelnen Bundesländer als von ihren Qualifikationen ab. Daraus resultiert eine Verfahrensungerechtigkeit und eine zu geringe Anerkennungsquote.

Präsentation AQUA
Präsentation Fachkräfte mit Migrationshintergrund

Panel 4: Anforderungs- und Kompetenzprofile des Lehrpersonals in der Weiterbildung der frühpädagogischen Fachkräfte

Das Projekt "Bestandsaufnahme zu Rekrutierung, Einsatz und Kompetenzprofilen des Lehrpersonals in der Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte" (KoprofF) richtete in dem Panel den Blick auf das Kompetenzerleben von Lehrpersonen sowie deren Fortbildung. Beleuchtet wurden die Perspektive von Weiterbildnerinnen und Weiterbildnern sowie der Träger. Welche Rolle der Verschiedenheit von Kindern in den Ausbildungsstrukturen und -inhalten frühpädagogischer Fachkräfte zugewiesen wird untersuchte das Projekt "Diversity in der Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte. Eine organisationstheoretische Untersuchung zu Entwicklungsverläufen und Pfadabhängigkeiten".

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Bei der Auswahl des Weiterbildungspersonals legen Träger in der Regel keine systematischen Auswahlkriterien an. Ein Studium stellt für sie beispielsweise nur eine Möglichkeit dar, die notwendigen Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben.
  • Die Weiterbildnerinnen und Weiterbildner wünschen sich hingegen mehr Transparenz hinsichtlich der an sie gestellten Qualifikations- und Kompetenzanforderungen. Für die Weiterentwicklung frühpädagogischer Weiterbildungen wird es wichtig sein, die unterschiedlichen Sichtweisen und Erwartungen nachvollziebar zu machen.

Präsentation KoprofF
Präsentation Diversity in der Ausbildung

Panel 5: Wie lässt sich Kompetenzentwicklung in unterschiedlichen (Aus-)Bildungsbereichen erfassen und fördern?

Das Panel der Projekte Kompetenzbasierte Prüfungs- und Feedbackverfahren in unterschiedlichen frühpädagogischen Aus- und Weiterbildungsstrukturen und Schlüsselkompetenzen pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen für Bildung in der Demokratie beschäftigte sich mit der Frage von Kompetenzentwicklung, -erfassung und -förderung von frühpädagogischen Fachkräften in Studium, Aus- und Weiterbildung.

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Die im Rahmen des Projekts "Kompetenzbasierte Prüfungs- und Feedbackverfahren in unterschiedlichen frühpädagogischen Aus- und Weiterbildungsstrukturen" entwickelten Methoden (Fragebogen, Analyse von Videosequenzen, Bearbeitung von Dilemma-Situationen, Narratives Interview, Gruppendiskussion) erwiesen sich als geeignet für die Erfassung verschiedener Kompetenzdimensionen.
  • Durch einen Prä-/Post-Vergleich ließ sich die Entwicklung von Kompetenzen abbilden.

  • Demokratiebildung wird über aktive Partizipation und Ko-Organisation in der Ausbildung angehender Fachkräfte organisiert.
  • Darüber hinaus bedarf einer authentischen demokratieorientierten Lehrkraft.

Präsentation Kompetenzbasierte Prüfungs- und Feedbackverfahren

Panel 6: Professionelles Handeln in der Kita unter bereichsspezifischer Perspektive

Das Panel der Projekte "Professionalisierung im Elementarbereich" (PRIMEL) und "Bewegung in der frühen Kindheit" (BiK) beschäftigte sich mit der Qulität und Gestaltung von Bildungsangeboten und Spielbegleitung. Im Fokus stand insbesondere des Bildungsbereich "Bewegung".

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Bewegung ist ein randständiges Thema sowohl in der Bildungsforschung als auch in der Ausbildung des zukünftigen Kita-Personals.
  • Akademisch gebildete Fachkräfte nehmen etwas seltener an Fort- und Weiterbildung im Bereich Bewegung teil.
  • Zu diskutieren ist, wie Bewegung im Kindesalter verstanden wird: geht es nur um die Aktivität als solche (bespielsweise Schaukeln) oder werden Kinder als Akteuere aufgefasst, die sich Bewegungsräume schaffen.


Präsentation BiK

Panel 7: Tun - unterstützen - fördern? Perspektiven auf professionelles Handeln in der Kita

Das Projekt "Tun - unterstützen - fördern? Eine mehrperspektivische Untersuchung zu Tätigkeiten von Personal in Tageseinrichtungen für Kinder im Kontext von Weiterbildungsbedarfen" hat aus Beobachtungen und Befragungen Tätigkeitsprofile von pädagogischen Fachkräften entwickelt und Erkenntnisse zu Entscheidungssspielräumen und Anforderungen in der Eltern- und Teamarbeit gewonnen.

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Was Fachkräfte im Kita-Alltag tun, ist bislang wenig erforscht.
  • Die frühpädagogische Arbeit kennzeichnen komplexe, vielfältige und parallel ablaufende Tätigkeiten.
  • Es findet ein permanenter Austausch des Teams untereinander statt.
  • Insbesondere der Bereich "Sprachliche Bildung" wird durch vielfältige Aktivitäten der Fachkräfte gut umgesetzt.


Präsentation TUF

Zukunftsperspektiven auf Professionalisierung

In Deutschland gibt es mehr Kita-Personal als Grundschullehrkräfte und trotzdem wurde das Berufsfeld von der Forschung bislang kaum beachtet, so DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach. Die AWiFF-Förderlinie markiert somit einen Meilenstein für die Professionsforschung. Dennoch gibt es in einer Zeit, in der die institutionelle Bildung und Betreuung immer wichtiger wird, viele offene Fragen: Was zeichnet die Frühe Bildung aus? Was macht sie erfolgreich in Abgrenzung zur Schule? Welche Ausbildungssettings sind geeignet, um den Erzieherinnen die Kompetenzen zu vermitteln, die sie als "Bildungsxpertinnen für die ersten Lebensjahre" benötigen? Die Kindertagesbetreuung verdient weitere Forschung.

Impressionen