Sprachbildung in Verantwortung der Kita

Sprachbildung in Kita und Schule gehört zu den größten bildungspoltischen Herausforderungen unserer Zeit. Denn Sprache eröffnet den Zugang zu Bildung und ist damit der Schlüssel, um unser Bildungssystem sozial gerechter zu gestalten.

Welche Entwicklungen sind bei der Sprachbildung im Kita-Bereich zu beobachten? Und welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich daraus für die pädagogischen Fachkräfte und deren Professionalisierung? Diese Fragen diskutierten WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König und Dr. Michaela Hopf, Projektleitung der Qualifizierungsoffensive "Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei", in einem Fachforum am 5. Juni 2015 auf dem 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Berlin.

Studierende des Verbundstudiengangs Frühpädagogik an der FH Südwestfalen haben an dem Forum teilgenommen. Sie dokumentieren und kommentieren ihre Eindrücke.

Die Perspektive der Elementarpädagogik

Anke König zeichnete in ihrem einführenden Beitrag die frühpädagogischen Diskurslinien zur Sprachbildung und -förderung nach. Der historische Rückblick verdeutlichte: Die bildungspolitischen Diskussionen der 1960er und 1970er Jahre wie auch die nach 2000 haben zunächst die Entwicklung kompensatorischer oder additiver Sprachförderkonzepte vorangetrieben. Diese wurden als Mittel angesehen, soziale Unterschiede auszugleichen.

Heute seien diese Sprachförderprogramme lediglich eine Facette einer umfassenden Sprachbildung, so König. Sprachliche Bildung werde als Teil des pädagogischen Alltags betrachtet, wobei Kinder als kompetente Mitgestalter ihrer Entwicklung und Bildung gelten. In dieses Konzept seien die Förderung von Literacy-Kompetenzen und Mehrsprachigkeit grundsätzlich integriert.

Allerdings stellte Anke König in ihrer Forschung fest, dass der Kita-Alltag noch nicht ausreichend als Raum pädagogischen Handelns gestaltet werde, das auf einer wissenschaftlich-reflexiven Basis gründet. Die Beschäftigung mit Sprachbildung in der Kita sei deshalb eng verknüpft mit der Frage nach der Mikrostruktur des pädagogischen Handelns.


"Wenn die Sprachförderung nicht in einer Beliebigkeit verschwinden soll, bedarf es einer Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte von besonderer Qualität. Es ist nicht nur ein hohes Maß an Wissen notwendig, sondern auch die Fähigkeit zur reflexiven Selbstentwicklung durch Supervision oder Coaching."

Martina Reers, Studentin im Verbundstudiengang Frühpädagogik der FH Südwestfalen

Alltagsintegrierte Sprachbildung

Wie Sprachbildung im pädagogischen Alltag aussehen kann, stellte Karin Schlipphak anhand des DJI-Konzepts zur sprachlichen Bildung und Förderung von Kindern in Kindertagesstätten vor. Es sei für die gesamte Verweildauer aller Kinder in der Kindertagesseinrichtung angelegt und könne in jeder Situationen des Kita-Alltags umgesetzt werden.

Folgende Prinzipien liegen dem Konzept zugrunde:

  • Es legt Wert auf einen weiten Blick auf Sprache, um die große Bandbreite sprachlicher Aneignungsprozesse und Ausdrucksformen von Kindern zu erfassen.
  • Orientiert an Kompetenzen der Kinder werden Entwicklungsschritte ein- und mehrsprachig aufwachsender Kinder als Fähigkeiten gewertet. Es geht nicht darum abzuhaken, was das Kind schon kann und was nicht.
  • Sprachbildung als Querschnittsaufgabe ist in bedeutungsvolles Handeln eingebettet und wird quer durch den pädagogischen Alltag erfahrbar.
  • Im feinfühligen Dialog wird dem Kind beiläufig Sprache angeboten, die zu seinen Aktivitäten gehört, wenn es seine Umgebung erkundet und eigene Handlungsmöglichkeiten erprobt.


Damit pädagogische Fachkräfte diese Prinzipien beachten und die individuelle Sprachentwicklung kontinuierlich beobachten und dokumentieren können, benötigten sie sowohl professionelle Handlungskompetenzen als auch die Unterstützung des gesamten Teams.


"Auch alltagsintegrierte Sprachbildung braucht Planung und muss vor im Alltag üblichen Störungen bewahrt werden. Würde eine Lehrerin im Unterricht ans Telefon gehen oder ein Tür- und Angelgespräch mit Eltern führen? Durchgängige Sprachbildung heißt auch, dass die Bildungszeiten in der Kita genauso wertvoll sind wie die in der Schule und die gleiche Wertschätzung verdienen."

Karin Wandelt, Studentin im Verbundstudiengang Frühpädagogik der FH Südwestfalen


"Immer wieder frage ich mich: Gibt es ein Arbeitsfeld, das unsere berufliche Qualifikation wirklich anerkennt? Für die Umsetzung alltagsintegrierter Sprachförderung werden Fachkräfte benötigt, die in besonderer Weise weitergebildet sind. In dem Feld der Weiterbildung müsste doch unser Wissen und Können gefragt sein!"

Tanja Stein, Studentin im Verbundstudiengang Frühpädagogik der FH Südwestfalen

Die Perspektive der Primarpädagogik

Dr. Katja Koch, Professorin für Schulpädagogik an der Technischen Universität Braunschweig, stellte in ihrem Beitrag die Perspektive der Primarpädagogik vor. Zunächst wies sie darauf hin, dass Sprachfördermaßnahmenim Jahr vor der Einschulung unterschiedlich umgesetzt werden. Sie fänden entweder in Verantwortung des Kindergartens oder der Grundschule oder in geteilter Verantwortung statt. Studien zeigten zudem, dass die Sprachfördermaßnahmen der Grundschulen sich auch darin unterschieden, ob sie von einer einzelnen Schule oder von externen Experten durchgeführt werden.

Am Beispiel Niedersachsen zeigte Katja Koch auf, dass sich Elementar- und Primarbereich auf das gemeinsame Leitbild einer "Integrierten Sprachbildung" verständigt hätten. In der Praxis der Schulen dominieren jedoch weiterhin die additiven Sprachförderprogramme. Welche Wirkungen diese Programme zeigen, könne derzeit kaum eingeschätzt werden, da nur wenig empirische Befunde vorlägen.

Auch Studien über die Wirksamkeit der Förderung im Elementarbereich lieferten eher ernüchternde Befunde. Katja Koch schlussfolgerte daraus, dass die Kompetenzen der Fachkräfte - sowohl in Schule wie in Kita - noch nicht ausreichen, um den vielfältigen Anforderungen einer durchgängigen, alltagsintegrierten Förderung gerecht zu werden.


"Generell ist es wichtig, dass sich auch die Kita als lernende Organisation begreift und die Träger ihre Fachkräfte mehr motivieren, sich adäquat weiterzubilden."

Katrin Disselhoff, Studentin im Verbundstudiengang Frühpädagogik der FH Südwestfalen

Herausforderungen für Wissenschaft, Praxis und Politik

Professorin Eva Briedigkeit, Leiterin des Wissenschaftlichen Zentrums Frühpädagogik an der Fachhochschule Südwestfalen und Leitung der dort angebotenen frühpädagogischen Studiengänge, formulierte in ihrem Schlussbeitrag die Herausforderungen für Wissenschaft, Praxis und Politik. Dem Auftrag von Wissenschaft entsprechend forderte sie, den Begriff der "alltagsintegrierten Sprachbildung" als Konstrukt zu begreifen, dessen Verwendung und Deutung es in didaktischen Konzepten und politischen Programmen noch genauer zu untersuchen gilt.

Darüber hinaus gelte es zu klären, was die unterschiedlichen Akteure meinen, wenn sie von alltagsintegrierter Sprachbildung sprechen. Die aus der Wirkungsforschung der Bildungswissenschaften bekannten Aspekte, die auf Makro- und Mikroebene des pädagogischen Handelns Einfluss auf die Anregung von Sprachbildungsprozessen haben, seien für die Professionalisierung zu nutzen, damit Sprachbildung nicht als alltäglich im Sinne von beliebig, zufällig und somit unprofessionell abgewertet werde.

Die Investitionen des Bundes in zusätzliche Sprachförderkräfte, die alltagsintegrierte Sprachbildung in den Einrichtungen etablieren, stoße auf eine breite Akzeptanz. Die Politik nehme dadurch ihre Steuerungsaufgabe angemessen wahr, so Eva Briedigkeit.

Ziel für die Praxis müsse es sein, besonders gut ausgebildete Fachkräfte für die anspruchsvolle Aufgabe der Sprachbildung zu gewinnen. Durch die Spezialisierung des Arbeitsbereichs haben insbesondere akademisch ausgebildete Fachkräfte die Möglichkeit, ihre Kompetenzen einzubringen.


"Es war eine tolle Erfahrung, bundesweit anerkannte Wissenschaftlerinnen, deren Texte wir sonst lesen, in Vortrag und Gespräch zu erleben."

Katrin van der Linde, Studentin im Verbundstudiengang Frühpädagogik der FH Südwestfalen