Fachforum von DJI und WiFF

Wer leistet die Frühe Bildung? Fachschulausbildung im Spagat von Fachkräftebedarf und Personalgewinnung

Nach einer DJI-Prognose fehlen bis zum Jahr 2025 voraussichtlich bis zu 329.000 zusätzliche pädagogische Fachkräfte. Dieser drohende Mangel hat in den letzten Jahren zu einer Pluralisierung von Ausbildungsformen geführt, die einer kohärenten Steuerung und Entwicklung des Systems der Kindertagesbetreuung entgegenstehen. Dies problematisierte ein gemeinsames Fachforum von DJI und WiFF, das am 17. und 18. April in München stattfand. Der erste Tag stand im Zeichen von empirischen Daten und Informationen rund um die Themen Personalbedarf, Fachkräftegewinnung und neue Ausbildungsformate, die die Erziehungsberufe für Nachwuchskräfte attraktiver machen sollen. Wie müsste das System Kindertagesbetreuung angesichts der Expansion gesteuert werden? Welche Reformen wären notwendig, um das Arbeitsfeld weiterzuentwickeln? Dazu haben DJI-Abteilungsleiter Professor Dr. Bernhard Kalicki, WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König und DJI-Direktor Professor Dr. Thomas Rauschenbach Thesen entwickelt, die am zweiten Tag vorgestellt und von Expertinnen und Experten diskutiert wurden.

Programm

Fachkräftemangel - Strategien zur Gewinnung und Bindung


In ihrem Vortrag "Expansion des Arbeitsfelds und Prognose des Fachkräftebedarfs" stellte WiFF-Referentin Dr. Kirsten Hanssen eine Projektion des Fachkräftebedarfs bis 2025 vor. Demnach werden in diesem Zeitraum bis zu 329.000 zusätzliche pädagogische Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und in der Grundschulbetreuung gebraucht. In der Diskussion wurde der Bedarf nach länderspezifischen Zahlen deutlich. Allerdings fehle hierfür, wie DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach betonte, eine Prognose der Kinderzahl auf Landesebene.

Präsentation


Die Stille Reserve an Fachkräften sei durch den U3-Ausbau bereits ausgeschöpft worden. Zu diesem Ergebnis kam DJI-Referentin Mariana Grgic in ihrem Vortrag "Strategien zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften". Neben dem Fachkräftemangel sei die Steuerung angesichts der vielfältigen Zugangswege in das Arbeitsfeld eine Herausforderung – genauso wie die Bindung bestimmter Beschäftigtengruppen, insbesondere Männer und Hochqualifizierte. Diese würden nach einem Quereinstieg das Feld häufig bereits nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Präsentation


Auf Basis der Ergebnisse einer DJI-Studie berichtete Lena Weihmayer über "Erfahrungen mit Quereinstiegen in die Kindertagesbetreuung". Sie betonte, dass es keine Pauschallösung gebe, um dem Fachkräftebedarf zu begegnen. Quereinstiege eröffnen die Chance, neue Zielgruppen für das Arbeitsfeld anzusprechen. Personen mit Berufs- und Lebenserfahrung können ein Gewinn für das Praxisfeld sein. Zentrales Kriterium für den erfolgreichen Einstieg in die Frühe Bildung sei allerdings eine fundierte Ausbildung.

Präsentation



Gina Walcher vom DJI berichtete über "Hauptschülerinnen und Hauptschüler auf dem Weg zur Erzieherausbildung". Für eine Studie wurden bildungsbenachteiligte Jugendliche befragt, die in Bayern und Nordrhein-Westfalen eine Ausbildung in der Frühe Bildung absolvieren. Die Ergebnisse zeigen: Fehlende Beratung sowie die Ausbildungsdauer und -finanzierung hindern Kinderpflegekräfte mit Hauptschulabschluss daran, eine Fachkraftausbildung anzuschließen. Dadurch werde das Potenzial dieser Personengruppe nicht ausgeschöpft, so Walcher.

Präsentation

Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern


In Ihrem Vortrag "Neue Ausbildungsformate: Ein Versuch der Systematisierung" stellte WiFF-Referentin Katharina Stadler unterschiedliche Modelle der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung vor. Mit großem Abstand dominiert die Vollzeit-Ausbildung an Fachschulen. 81% der Nachwuchskräfte werden so ausgebildet. Es folgen die Teilzeit-Ausbildung mit Anstellung (8%) und die praxisintegrierten bzw. -optimierten Modelle (7%). Wenig Zuspruch erhält die Teilzeit-Ausbildung ohne Anstellung (3%). Zu beobachten sei ein Trend zu verkürzten, spezialisierten Ausbildungen sowie eine Zunahme von Erzieherinnen- und Erzieherausbildungen mit Entlohnung oder Anstellung. Als Herausforderungen beschrieb Stadler die große Vielfalt der Modelle, die Einbindung des Lernorts Praxis sowie das Spannungsfeld zwischen Attraktivität und Niveau der Ausbildung, etwa hinsichtlich Dauer, Entlohnung und Abschluss.

Präsentation


WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König benennt die "Stolpersteine in der Modernisierung der Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher". Hier sieht sie vor allem deren vollzeitschulische Organisation. Diese sei aus der Historie der Frauenberufe hervorgegangen und durch die Neuordnung der sozialpädagogischen Berufe durch die KMK 1967 festgeschrieben worden. Daraus ergeben sich weitere Hürden wie die fehlende Abstimmung zwischen Anstellungsträgern und Ausbildungsstätten sowie die Tatsache, dass passgenaue Führungs-, Fach- und Projektkarrieren fehlen. Vor dem Hintergrund stelle sich die Frage, ob das Arbeitsfeld attraktiv sei. So können sich Kindheitspädagoginnen und -pädagogen beispielsweise nach dem Abschluss zunächst gut im Feld positionieren. Es zeigt sich aber, dass die flachen Hierarchien auch zur Flucht aus dem Feld führen.

Präsentation

Forderungen an ein kompetentes Ausbildungssystem


Wie müsste ein Ausbildungssystem aussehen, damit der Einstieg in die Frühe Bildung für eine breite Zielgruppe an Nachwuchskräften attraktiv ist. Wie kann dies gelingen, ohne die Anforderungen an die Qualifikation der Auszubildenden und die Qualität der Ausbildung aufzuweichen? Warum ist ein klar gegliedertes bundeseinheitliches Ausbildungssystem und eine kohärente Steuerung notwendig, um den Herausforderungen der Frühen Bildung gerecht zu werden? DJI und WiFF haben dazu Thesen aufgestellt, die Professor Dr. Bernhard Kalicki, Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung und WiFF-Leitung Profesorin Dr. Anke König vorstellten. Kommentiert und diskutiert wurden diese durch Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gewerkschaft sowie von Trägerseite.

Thesen: Kompetente Systeme durch kohärente Steuerung

Die Fachschule für Sozialpädagogik muss sich nicht dem dualen Berufsbildungssystem unterordnen.

Professorin Dr. Marianne Friese, Justus-Liebig-Universität Gießen


Vielmehr fehle es an Strategien, die Professionalisierung des Sektors voranzustreiben, so Professorin Dr. Marianne Friese von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dazu gehöre, die soziale Komponente, die Care Work ausmache, auch in den Lehrplänen zu verankern. Auch gelte es die Ausbildung der Fachschullehrkräfte zu überprüfen. Insgesamt bilden nur sechs Standorte in Deutschland für die berufliche  Fachrichtung Sozialpädagogik aus. Das sei Angesichts des hohen Bedarfs zu wenig.  Nicht zuletzt müsse das Ausbildungssystem an seiner Durchlässigkeit arbeiten, denn immer noch führt der Erzieherinnenberuf in eine Sackgasse.

Die berufsbegleitende Erzieherinnenausbildung ist seit Langem etabliert, es braucht keine neuen Modelle.

Norbert Hocke, ehemals Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft


Die vorhandenen berufsbegleitenden und -integrierenden Ausbildungsgänge müssen allerdings intensiviert werden, findet Norbert Hocke, ehemals GEW. Dabei sollten Qualitätsstandards für die Ausbildungstätten eingezogen werden. Die Digitalisierung bringt zukünftig freiwerdende Fachkräftepotenziale. Es sollten jetzt Strategien überlegt werden, diese Personen für die Arbeit in der Kindertagesbetreuung zu gewinnen. Insgesamt fehle ein Masterplan für die Frühe Bildung: Seit knapp 30 Jahren wird um die selben Themen wie Betreuungsschlüssel, Arbeitszeiten oder Bezahlung gestritten.

Eine Optimierung des Ausbildungssystems löst nicht den Fachkräftemangel.

Frank Jansen, Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder


Vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs an Kita-Plätzen und des fehlenden Personals müsse das System vollkommen neu gedacht werden, sagt Frank Jansen vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder. Wie viele Pädagoginnen und Pädagogen braucht es im Kernteam? Kann der Bildungsverlauf von Kindern auch von anders Qualifizierten angeleitet werden? Wie kann Teamqualität gestaltet werden? Im Zentrum der Debatte sollte immer die Frage stehen, was Kinder benötigen.

In den ersten Lebensjahren wird die Basis für den gesamten Bildungsverlauf gelegt. Trotzdem fehlt es an Anerkennung für die Berufe in der Frühen Bildung.

Professor Dr. Rudolf Tippelt, Ludwig-Maximilians-Universität München


Die Fachschulausbildung sollte nicht im viel zu bürokratischen dualen System aufgehen. Dennoch stimmt die Grundidee, duale Strukturen in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erzieher zu schaffen, findet Professor Dr. Rudolf Tippelt von der Ludwig-Maximilians-Unversität München. Für den Lernprozess braucht es die erfahrungsnahen Situationen aus der Praxis. Die Funktionen der Frühen Bildung für die Bildungskette und das Aufwachsen von Kindern müssen zunächst verstanden werden, um das System zu reformieren.

Fachschullehrkräfte haben nicht die Ressourcen, die Praxisausbildung gut zu begleiten.

Detlef Zech, Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen


Deshalb müsse die Qualifizierung von Praxismentorinnen und -mentoren vorangetrieben werden, so Detlef Zech vom Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen. Dies sei insbesondere wichtig, da sich beispielsweise in seinem Bundesland mittlerweile 15% der Schülerinnen und Schüler für praxisintegrierte Modelle der Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher entscheiden. Hingegen wurde eine Umstellung der vollzeitschulischen Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher auf das duale System von seinem Ressort geprüft und verworfen.