CfP: Das Essen der Kinder – zwischen Pädagogisierung, Konsum und Kinderkultur

30.04.2018
Universität Bielefeld/Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)
Methoden 1, 33615 Bielefeld

Call for Papers zur im Dezember 2018 stattfindenden Tagung des Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung (ZKJF) in Kooperation mit der Frankfurt University of Applied Sciences und der Technischen Hochschule Köln

In der europäischen Kulturgeschichte der Moderne ist Ernährung eng mit pädagogischen Erwartungen und Zielen verknüpft. Dies zeigt sich aktuell in den kritischen Debatten zum Ernährungsverhalten westlicher Gesellschaften, in denen Ernährung und Essenssituationen als bedeutende Erziehungs-, Bildungs- und Präventionsgegenstände verhandelt werden. Wenngleich diese Perspektiven quer über die Lebensphasen hinweg als relevant erkannt werden, ist es gerade das Essen von Kindern, das im Blick der (fach-)öffentlichen Aufmerksamkeit steht.

Vor dem Hintergrund von Befunden zur Gewichtszunahme von Kindern und zu esskulturellen Transformationen, in denen die Verlagerung der nutritiven Sorgearbeit von der Familie hin zu pädagogischen Einrichtungen und die Diagnose des Bedeutungsverlustes der Familienmahlzeit eine prominente Rolle spielen, wird ein Problemdiskurs um die kindliche Ernährung geführt. In modernisierungskritischem Modus werden die Entwicklungen vielfach als Verlust basaler ernährungs- und gesundheitserzieherischer Lernräume, Spiegel familialer Erosion, aber auch Aufgabe und Chance für öffentliche Erziehung und Bildung diskutiert. Schließlich werden Kinder heute vermehrt in pädagogischen Einrichtungen verpflegt.
Die entsprechenden Diskurse sind von präskriptiven Annahmen zum kindlichen Essen und zur pädagogischen Relevanz von Essenssituationen und Nahrungskonsum geprägt. Das kindliche Essverhalten wird hierbei als grundlegend anders als das der Erwachsenen bestimmt: als maßlos und triebgesteuert. Essenssituationen werden wiederum als pädagogische Situationen par excellence gehandelt. Diese Diskursfiguren haben eine lange Tradition in der pädagogischen Kindheitsgeschichte der Moderne und zählen bis heute zu den kaum hinterfragten Selbstverständnissen pädagogischer Verhandlungen zur kindlichen Ernährung. Dabei liegt wenig Empirie zum konkreten Umgang und den subjektiven Perspektiven von Kindern auf Essen und Ernährung vor. Selbiges lässt sich zu den vielfältigen alltagspraktischen Arrangements der Essensversorgung und den sich hierbei vollziehenden Erziehungs- und Sorgepraktiken feststellen. Auch stehen systematische Untersuchungen zu pädagogischen Dimensionen von Essen in der Kindheit aus, in deren Rahmen das Verhältnis zwischen der älteren und der jüngeren Generation im Kontext der Nahrungsversorgung bislang kaum untersucht ist.

Die Veranstalter möchten die Debatte um das Essen von Kindern und dessen Pädagogisierung mit kultur- und erziehungswissenschaftlichen sowie kindheitstheoretischen Perspektiven erweitern. Zwei Anliegen stehen dabei im Zentrum: Zum einen sollen die Breite und Vielfalt an Essensarrangements der Kindheit sichtbar gemacht und in ihrer pädagogischen Relevanz untersucht werden. In den Blick rücken damit Fragen zum sozialen Sinn praktischer Ausgestaltungen der heterogenen Essenssituationen in familialen und außer-familialen Konstellationen und der Organisation der Erziehungs- und Sorgearbeit im Kontext der Ernährung. Daran anschließend sollen sich Fragen zur Konstituierung der verschiedenen pädagogischen Dimensionen von Ernährung in und über sprachlich vermittelte Diskurse, Ernährungsbildungsprogramme oder Praktiken der Nahrungsversorgung stellen.
Zum anderen soll den kindlichen Perspektiven auf die kulinarische Welt und ihren Aneignungstätigkeiten Raum gegeben werden, um neue Einblicke in Praktiken des Kindseins zu erhalten. So ließe sich fragen, wie sich Kinder bei Mahlzeiten, aber auch außerhalb auf Essen beziehen, wie sie die familiale und außer-familiale Nahrungsversorgung erleben, wie sie sich esskulturelles Wissen aneignen oder welche Relevanzen Lebensmittel und Essenssituationen für sie haben. Auf der Grundlage des Paradigmas der Sozio-Kulturalität des Essens sollen die ernährungsbezogenen Bildungs- und Subjektivierungspraktiken von Kindern wie auch das Generationenverhältnis rekonstruiert werden.

Zu beiden Schwerpunkten sind Panels geplant, die von folgenden Keynotes gerahmt werden:

  • Dr. Daniel Kofahl (Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK): "Natürlich achte ich auf die Ernährung meiner Kinder" – Eine Soziologie kommunikativ-medialer Räume alimentärer Kindheit
  • Prof. Dr. Burkhard Fuhs (Universität Erfurt): Das Essen von Kindern als Third Culture. Zur Frage der Eigenständigkeit kindlicher Esskultur in Familien mit zwei Küchentraditionen
  • Prof. Dr. Lotte Rose (Frankfurt University of Applied Sciences) und Prof. Dr. Marc Schulz (Technische Universität Köln): Das neugierige und widerständige Kind. Praktiken und Diskurse der Erziehung des Kinderessens

Für die Panel-Vorträge sind 20 Minuten Länge mit einer anschließenden Kurzdiskussion von zehn Minuten vorgesehen. Hierzu bitten wir um Einreichungen von Vortragsvorschlägen in Form eines einseitigen Abstracts, das folgende Informationen enthalten soll:

  • Kontaktdaten der Referierenden,
  • Vortragstitel,
  • Forschungsgegenstand,
  • methodische und theoretische Bezüge.

Es können auch Panelvorschläge mit bis zu vier Vorträgen eingereicht werden. Bitte reichen Sie hierzu, ergänzend zu den Vortragsinformationen, ein halbseitiges Abstract zum Gesamtüberblick des Panels ein. Ausdrücklich sind Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler eingeladen, sich zu beteiligen. Vorschläge für einen Panelvortrag können bis zum 30. April 2018 an friederike.schmidt(at)uni-bielefeld.de geschickt werden. Eine Rückmeldung erhalten die Bewerber Anfang Mai 2018.

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