Deutsches Jugendinstitut (DJI)

Fachkräftebefragung: Kita-Praxis im internationalen Vergleich

28.10.19

Erstmals liegt mit der von der OECD koordinierten Studie ein international vergleichender Einblick in den Kita-Alltag vor. In Deutschland wurde die Studie vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführt

Trotz ähnlicher Herausforderungen in verschiedenen Ländern, etwa mit Blick auf eine Aufwertung des Berufsfelds, lagen bislang keine Studien dazu vor, wie sich die Arbeitsbedingungen und -zufriedenheit, die pädagogische Praxis, die Tätigkeitsprofile und das professionelle Selbstverständnis pädagogischer Fachkräfte im internationalen Vergleich darstellen. Daher führte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Kooperation mit nationalen Partnern 2016-2019 die "OECD-Fachkräftebefragung in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung" (TALIS Starting Strong Survey 2018) durch. In Deutschland wurde die Studie vom Internationalen Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) am DJI durchgeführt.

"Im Vergleich mit den anderen Ländern werden Stärken des deutschen Kita-Systems sichtbar - wie eine durchwegs hohe Fachlichkeit des Personals, aber auch besondere Herausforderungen: Deutschland ist das Land mit dem höchsten Anteil an Kitas, die eine große Zahl von Kindern betreuen, deren Familiensprache sich von der Kita-Sprache unterscheidet", betonen Carolyn Seybel und Daniel Turani vom Nationalen Projektmanagement der Studie.

Bundesweit befragten die Forscherinnen und Forscher des DJI circa 3.000 zufällig ausgewählte pädagogisch Tätige sowie Leitungskräfte in über 500 Kindertageseinrichtungen zu ihrer Arbeit mit 3- bis 6-jährigen Kindern (Ü3-Teilstudie) oder mit unter Dreijährigen (U3-Teilstudie). Themen der Befragung sind unter anderem Personalzusammensetzung und -qualifikation der pädagogisch Tätigen, deren pädagogische Praxis und Einstellungen sowie strukturelle Merkmale der Kindertageseinrichtungen. Neben Deutschland beteiligten sich acht weitere Länder (Chile, Dänemark, Island, Israel, Japan, Norwegen, Südkorea, Türkei) an der Ü3-Teilstudie, von denen drei auch an der U3-Teilstudie teilnahmen. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse der umfassenden Studie vor.

Welche Kompetenzen brauchen Kinder im 21. Jahrhundert?

Bei der Frage, welche Fähigkeiten Mädchen und Jungen im 21. Jahrhundert benötigen, herrscht trotz unterschiedlicher nationaler Traditionen großer Konsens. Länderübergreifend sehen, mit durchschnittlich 87 Prozent, die meisten der Befragten der Ü3-Teilstudie Kooperationsfähigkeit als wichtige Kompetenz an, die Kitas den Kindern vermitteln sollten, gefolgt von mündlichen sprachlichen Fähigkeiten (83 Prozent). Demgegenüber wird der Umgang mit digitalen Medien oder die Vermittlung naturwissenschaftlicher Grundlagen für weniger wichtig gehalten. In Deutschland sind sich mit dem Spitzenwert von 95 Prozent fast alle befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin einig, dass es von hoher Bedeutung ist, die mündlichen sprachlichen Fähigkeiten zu fördern. Nur 7 Prozent der Befragten sehen in der Vermittlung digitaler Kompetenzen ein wichtiges Lernziel; damit weist Deutschland hinter Japan den zweitniedrigsten Wert auf.

Qualifikation und Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte


Das deutsche System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung ist für seine Bildungsaufgaben überwiegend gut aufgestellt: Im internationalen Vergleich zeichnet sich Deutschland in beiden Teilstudien dadurch aus, dass nahezu alle pädagogisch Tätigen über eine einschlägige fachliche Ausbildung verfügen, die sie zur Arbeit mit Kindern qualifiziert, während beispielsweise Länder wie Chile, Israel oder Norwegen auf einen Personalmix aus (hoch) qualifizierten Fachkräften und gering beziehungsweise nicht einschlägig qualifizierten Hilfskräften setzen.

In allen Ländern erweisen sich die pädagogisch Tätigen als ausgesprochen weiterbildungsaffin. In Deutschland werden jedoch Fortbildungen vom Arbeitgeber in besonderem Maß gefördert: 86 Prozent der deutschen Befragten beider Teilstudien geben an, dass sie für den Besuch der Fortbildung von der Arbeit mit den Kindern freigestellt wurden und bei ebenso vielen wurden die Kosten vom Arbeitgeber getragen. Letzteres ist mit jeweils unter 20 Prozent deutlich seltener der Fall in Chile, Dänemark, Israel und der Türkei.

Nachholbedarf besteht in Deutschland bei der Ausbildung von Leitungskräften. Diese wurden gefragt, inwieweit sie durch ihre Ausbildung auf pädagogische und administrative Leitungsaufgaben vorbereitet wurden. In Deutschland berichtet bei beiden Inhalten nur je rund ein Drittel der Leitungskräfte, dass dieser Aspekt in ihrer Ausbildung vorkam. Dies ist jeweils der geringste Wert über alle Länder hinweg.

Kaum Abwanderung in andere Arbeitsfelder

Trotz teils belastender Arbeitsbedingungen, insbesondere durch zu große Gruppen und Personalausfälle, und trotz einer generell beklagten geringen gesellschaftlichen Wertschätzung des Berufs, belegt die Studie eine hohe Arbeitszufriedenheit. Außerdem wurden die Beschäftigten danach gefragt, aus welchen Gründen sie sich am ehesten für die Beendigung ihrer Tätigkeit entscheiden würden. Meist nannten die Befragten in beiden Teilstudien das Erreichen des Rentenalters. In Japan stehen an erster Stelle für ein mögliches Ausscheiden aus dem Job familiäre Gründe, in Südkorea eher gesundheitliche wie physische oder psychische Überlastung. Auch in Deutschland sieht ein Viertel darin den wahrscheinlichsten Grund für einen Rückzug aus der Kita, 20 Prozent nennen familiäre Gründe. Die Absicht, in ein anderes Arbeitsfeld zu wechseln, lassen in Deutschland besonders wenige Befragte erkennen.

Diese und viele weitere zentrale Ergebnisse werden im Highlight-Bericht des DJI vorgestellt. Eine ausführlichere Darstellung liefert der von der OECD parallel veröffentlichte Ergebnisband in englischer Sprache.

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