
Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels ist Studiengangsleiterin des Studiengangs "Bildung und Erziehung in der Kindheit" (B.A.) an der HAW Hamburg. Als dort die Einrichtung einer Campus-KiTa geplant war, hat sie sich für deren Anbindung an den Studiengang eingesetzt. An der Entwicklung und Umsetzung der KiTa CampusKinder, die seit dem 01.03.2010 geöffnet ist, waren sie selbst, zwei Kollegen sowie vier Studierende beteiligt, von denen zwei heute auch neben dem Studium als Einrichtungsleitung tätig sind.
Warum wollten Sie eine Anbindung der geplanten Campus-KiTa an den Studiengang?
Die frühpädagogischen Studiengänge sind noch relativ neu, ich finde sie hoch spannend und es wird höchste Zeit, dass es solche Studiengänge gibt. Die Nähe des Studiengangs zur KiTa, die sich sogar im selben Haus befindet, bedeutet einen Zugang für Forschung, für Beobachtung, auch für Praktika, die unsere Studierenden machen können. Das finde ich extrem attraktiv und nach wie vor sehr gelungen.
Wie ist die KiTa in den Studiengang eingebunden?
Wir haben Module, die wir in der KiTa durchführen und solche, in denen die KiTa ein Themenfeld ist. Das heißt, dass wir an ganz praxisnahen Fragestellungen der KiTa im Studiengang theoretisch und praktisch arbeiten. Zum Beispiel die Einrichtung einer Lernwerkstatt, die Einrichtung unseres Ateliers, um zwei aktuelle Themen zu nennen. Im Modul "Handlungskompetenz" geht es genau um diesen Theorie-Praxistransfer.
Die KiTa bietet außerdem die Möglichkeit, Praktikumsplatz für unsere eigenen Studierenden zu sein. Wir haben jetzt eine Praktikantin aus unserer ersten Studienkohorte und das wollen wir gerne so weiterführen, weil wir damit auch eine Anleitung für zukünftige Studienkohorten haben. Dazu gibt es eine Besonderheit: Unsere erste Studienkohorte in Hamburg waren ausgebildete ErzieherInnen, erst ab der zweiten Studienkohorte sind wir ein grundständiger Studiengang. Deshalb können die beiden Studierenden, die an der Konzeption und Umsetzung beteiligt waren, jetzt auch als Leitungen arbeiten, weil sie die entsprechenden Qualifikationen schon mitbringen.
Ist die Konzeption und Umsetzung der KiTa ein Studienprojekt gewesen?
Nein, das ist keine Studienarbeit, sondern persönliches Interesse gewesen, eben ein großes Engagement dieser Studierenden. Wir haben wohl versucht, die Planung in Seminare, wo es um Management und Institutionenentwicklung geht, einzubetten. Dort haben diese Studierenden ihre Hausarbeit zum Thema "Gründung einer Kindertagesstätte" geschrieben. Wir haben also schon Synergiemöglichkeiten geboten, aber die Konzeption der KiTa hat nicht anstelle von Modulen stattgefunden. Das war ein persönliches Interesse, das Gleiche gilt für mich, ich habe für die Gründung dieser KiTa weder eine Freistellung gehabt noch Lehre damit verbunden.
Was nehmen die Studierenden Ihrer Meinung nach durch eine ModellkiTa für ihren späteren Beruf mit?
Was wir uns sehr erhoffen: Wir haben drei Studienschwerpunkte in unserem Studiengang, "Kompetenzentwicklung", "Institutionenentwicklung und Management", und als dritten Bereich die "Familienberatung". Und all diese Schwerpunkte finden sich auch in der Einrichtung, wobei wir sie im Hause gar nicht ModellkiTa nennen, weil das impliziert, dass wir irgendwelche extra Gelder zur Verfügung hätten, und das haben wir nicht. Wir sind eine RegelkiTa im Hamburger Kita Gutscheinsystem. Wir verzichten also gezielt auf Dinge, um uns das leisten zu können, was wir wichtig finden.
Für die Studierenden hoffe ich, dass auf Dauer dabei deutlich wird, dass man eine Institution auch unter regelhaften Bedingungen gut leiten kann. Management und Institutionenentwicklung hat zum Beispiel auch etwas damit zu tun, wie ich Personal, einsetze etc. Ich hoffe, dass wir das deutlich machen können.
Wir möchten in der KiTa einen Schwerpunkt "Familienberatung" aufbauen. Da haben wir auch schon Interessierte, die eine zusätzliche Beratungsausbildung haben und diese gerne integrieren würden. Das ist allerdings noch ganz im Anfangsstadium. Und "Kompetenzentwicklung" – die KiTa ist natürlich auch ein Forschungsfeld. Die Eltern erklären sich bei der Aufnahme bereit dazu, dass ihre Kinder an Studien teilnehmen. Das heißt nicht, dass wir eine LaborkiTa sind, aber dass wir die Möglichkeit haben, dort Langzeitstudien etc. zu realisieren. Das ist ein Bereich, der die Kollegen hier, die ja auch unterschiedliche Schwerpunkte haben, sehr interessiert, daran praxisnahe Forschung anzudocken. Ich denke, da fehlt in Deutschland doch noch einiges. Und ich denke, das ist etwas, was die Studierenden mitnehmen, die haben hautnah den ganzen Prozess der Gründung einer KiTa, Finanzberechnung, Austausch mit der Architektin, Raumgestaltung, Konzeptionsentwicklung, Einstellung von Mitarbeitern und ähnliches erlebt. Ich bin auch bei den Einstellungsgesprächen dabei, die Einstellungen der KiTa-MitarbeiterInnen fanden bei uns in der Hochschule statt. Und ich habe auch jetzt die ganze Zeit einen Blick mit auf die KiTa. Das heißt, es gibt einen engen Austausch zwischen dem, was dort passiert und dem, was wir theoretisch wissen, denken und forschen.
Wir haben auch eine Kooperation mit unserem anderen Studiengang. Studierende aus "Sozialer Arbeit" können bei uns ein Praktikum machen und natürlich können auch Studierende aus dem Studiengang "Pflegemanagement", den wir hier haben, Praktika bei uns machen, die sind verpflichtet, ein Blockpraktikum in KiTas zu machen. Da arbeiten wir gerade an einer Kooperationsvereinbarung, so dass auch sie eine enge Verzahnung im Studiengang haben und vor Ort gut angeleitet werden können, denn die Studierenden müssen kleinere Projekte in der Praxis durchführen. Und davon würden wir als KiTa profitieren, kleinere Modelle zu bekommen, wenn es zum Beispiel um Ernährung, Bewegung und ähnliches geht. Gleichzeitig würde der Studiengang davon profitieren, weil es keine weiten Wege zur Praxis gibt.
Literaturtipp zum Interview:
Niedlich, Pia (2010): Von der Idee zur Umsetzung einer Kita in der Alexanderstraße. In: Standpunkt Sozial. Hamburger Forum für Soziale Arbeit und Gesundheit 1/2010, S. 130-132.

Prof. Dr. Axel Jansa ist Leiter des Studiengangs "Bildung und Erziehung in der Kindheit" (B.A.) an der Hochschule Esslingen, die eine eigene Lernwerkstatt hat. In Praxisprojekten entwickeln Studierende dafür neue Ideen und Materialien, wie zum Beispiel eine mobile Naturwerkstatt mit Utensilien zur Erkundung der Natur, Geräusch- und Geruchsmaterialien zum Thema Sinneswahrnehmung oder Materialien zum Schriftenspracherwerb.
Was ist eine Lernwerkstatt?
Die Idee hat in Deutschland in den 1980er Jahren als Fortbildungswerkstatt für GrundschullehrerInnen in Berlin angefangen zu den Fragen: "Wie kann man das Lernen in der Grundschule verbessern? Und wie können wir selber erforschen, wie Kinder lernen?" Das hat sich dann in die Grundschule selbst weiter transferiert und in den 2000er Jahren auch in die Kindertageseinrichtungen. Die Lernwerkstatt dort hat Anklänge an das "Reggianische Atelier", das es schon länger gibt.
Man muss zwei Begriffe unterscheiden: Die "Lernwerkstattarbeit" als eine anhand von konkreten Kriterien beschreibbare Methode. Verwandte Begriffe sind hier das "entdeckende" oder "forschende" Lernen. Und dann gibt es die "Lernwerkstatt" als Ort, bezogen auf einen real vorhandenen gestalteten Raum. Die Grundlage beider ist der moderate Konstruktivismus als lerntheoretische Basis. Der Lernprozess in einer Lernwerkstatt ist ein aktiver, konstruktiver Prozess, immer eine Re- oder Neukonstruktion von Welt, die mit den dort vorhandenen Materialien passiert. In der Regel befindet sich in einer Werkstatt eine Gruppe von Kindern, kein einzelnes Kind, es ist also ein Lernprozess, der in sozialen Kontexten stattfindet, aber zugleich eben auch ein selbstregulierter oder individueller Ablauf. Es geht nicht darum, dass jemand sagt: "Wir machen jetzt dieses oder jenes". Sondern es geht darum, bestimmte Stationen, bestimmte Materialien, bestimmte Dinge auszuprobieren. Wenn ich mir anschaue, wie sich die Rolle von pädagogischen Fachkräften verändert hat, dann spiegelt sich das auch genau in der Lernwerkstattarbeit wider. Auf der einen Seite haben die Pädagoginnen dort die Aufgabe, Lernräume zu konzipieren, d.h. die Umgebung so vorzubereiten, dass die Materialien, die sich dort befinden, Anreize geben für Lernprozesse. Sie haben zweitens die Aufgabe, eine Lernbegleitung vorzunehmen, also nicht etwas vorzumachen, sondern Lernen zu begleiten. Und zum Dritten geht es darum, die Reflexion der Lernergebnisse zu ermöglichen, d.h. durch Nachfragen und Impulse Kinder, Jugendliche oder Erwachsene zu den Fragen anzuregen: "Was habe ich gelernt? Wie funktioniert etwas?" Dazu braucht die Lernwerkstatt als Raum inspirierende, aber auch irritierende Gegenstände, Materialien, Werkzeuge, die zum Lernen, zur Auseinandersetzung anregen. Das können beispielsweise Lernlandschaften sein, also eine gestaltete Umgebung, die Lernimpulse bietet. Das können Materialien und Werkzeuge zum unmittelbaren Experimentieren sein. Das kann auch eine Ideenbörse oder Materialbörse mit den unterschiedlichsten Dingen sein. Und je nachdem, wie eine Lernwerkstatt konzipiert ist, für welche Bereiche sie eingerichtet wurde, gibt es dort unterschiedliche Materialien.
Unsere Lernwerkstatt ist vor drei Jahren von Prof. Dr. Lore Miedaner mit Studierenden im Studiengang "Soziale Arbeit" entwickelt worden, quasi als Geschenk für den neuen Studiengang "Bildung und Erziehung in der Kindheit". Lore Miedaner hatte drei Zielgruppen. Auf der einen Seite die Studierenden, die Lernwerkstatt wird für die Lehre genutzt. Zweitens ErzieherInnen, die dort hinkommen, die dort beraten werden, die Fortbildungen mitmachen. Drittens kommen auch Kindergruppen in größerem Umfang aus Kindertageseinrichtungen und zunehmend auch Gruppen aus Grundschulen. Die Lernwerkstatt ist so zwar ein Bestandteil der Hochschule und wird dort in erster Linie von Studierenden gebraucht, sie öffnet sich aber auch für die Stadt Esslingen und die Umgebung.
Wie ist die Lernwerkstatt in Ihren Studiengang "Bildung und Erziehung in der Kindheit" eingebunden?
Die Lernwerkstatt ist in mehreren Lehrveranstaltungen verankert. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich haben wir ein Seminar zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung. Dort geht es darum, sich mit den von den Studierenden der "Sozialen Arbeit" konzipierten Lernboxen auseinanderzusetzen. Darin befinden sich Materialien, Versuchsabläufe, Anregungen zu den Bereichen Technik, Physik, Biologie, Chemie und Mathematik. Daneben wurden in letzter Zeit in den Lehrveranstaltungen von Studierenden neue, disziplinübergreifende, ganzheitlich orientierte Boxen, zum Beispiel zu den Themen Strom und Wasser, entwickelt. Wir haben auch eine kleine Abteilung in der Lernwerkstatt, wo wir zeigen, in welchen anderen Konzepten Lernen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich stattfindet. Wir haben "Montessori-Materialien", wir haben die "Fröbel-Gaben", Beispiele aus dem "Zahlenland" oder von den "Mathe-Kings".
Dann haben Seminare aus dem Bildungsbereich "Ästhetische Bildung" einen direkten Bezug zur Weiterentwicklung der Lernwerkstatt. Hier haben die Studierenden mit Gips und mit Farben gearbeitet, in einem Seminar zum Thema "Raumgestaltung" wurde mit Studierenden der ganzen Raum neu konzipiert, der war vorher eher nüchtern-sachlich gehalten. Die Studierenden haben dann im Seminar "Ausdrucksformen von Kindern – oder die 100 Sprachen der Kinder" Elemente des reggianischen Ateliers eingebracht, z.B. einen Leuchttisch, es wurden Vorhänge für Schattenspiele angefertigt, Overhead-Projektoren besorgt, dadurch wurden der ursprünglich technisch-naturwissenschaftliche Bereich mit dem des künstlerischen-ästhetischen verbunden. Hier werden dann Experimente in Anlehnung an die Reggio-Pädagogik mit Licht und Schatten an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik durchgeführt. Der zentrale Weiterentwicklungsort im Studium sind aber die Projekte. Diese laufen über zwei Semester – im 5. und 6. Semester – hier arbeiten Studierende an selbst gewählten Themen mit und in der Praxis. Aus diesen Projekten sind immer wieder neue Aspekte in der Lernwerkstatt entwickelt worden, dabei hat sich die Lernwerkstatt so erweitert, dass wir nun an räumliche Grenzen stoßen.
Die Studierenden haben die neuen Materialien zusammen mit Schulen und Kindertagesstätten entwickelt. Dann haben sie die Sachen nach einer ersten Erprobung überarbeitet und kleine Evaluationen gemacht: "Klappt das mit den Materialien, mit den Kindern? Oder müssen wir was verändern?" Die Studierenden arbeiten so, dass sich damit in der Lernwerkstatt Elemente von Praxisforschung ergeben haben. Beispielsweise eine Gruppe, die eine Naturwerkstatt entwickelt hat, die haben erst einmal um Esslingen herum geschaut: "Was gibt es da für Naturbereiche?" Sie haben eine Erhebung gemacht: "Was ist der Bedarf? Was können wir vor dem Hintergrund des bestehenden Bedarfes konzipieren?". Die Lernwerkstatt ist ein wichtiges Merkmal des Studiengangs, ein anderes ist die Theorie-Praxisverzahnung. Wir haben im 4. Semester ein Praxissemester. Hier leihen Studierende auch Experimentierboxen aus der Lernwerkstatt aus. Bei den Projekten gehen die Studierenden ebenso in die Einrichtungen und bringen auch Kinder in die Lernwerkstatt mit.
Was nehmen die Studierenden Ihrer Meinung nach durch eine Lernwerkstatt für ihren späteren Beruf mit?
Auf der einen Seite wissen sie, was eine Lernwerkstatt ist. Sie könnten eine Lernwerkstatt oder Elemente davon in den Einrichtungen, in denen sie später arbeiten oder wo sie konzeptionell tätig sind, implementieren, das ist das Eine. Das Andere ist, sie können das Wissen, was sie aus den unterschiedlichsten Seminaren haben, in der Lernwerkstatt sofort selbst anwenden. Das ist es, was wir heute als konstruktivistische Herangehensweise lehren, was die Studierenden an Selbstbildungsprozessen erfahren. Das können sie in der Lernwerkstatt selber, aber auch gemeinsam mit Kindern, ausprobieren. Dabei sehen sie, wie kompetent Kinder mit den Materialien umgehen, welche eigenen Zugangswege sie finden. Sie erkennen aber auch, wie sorgfältig die Umgebung vorbereitet sein muss. Von daher wissen sie auch, wie man etwas umsetzt. Sie haben daher nicht nur theoretisches, sondern auch praxisbezogenes Wissen. Und es ist so, dass durch die Lernwerkstatt bei den Studierenden ein forschender Habitus gefördert wird. Das heißt, indem Studierende dort etwas ausprobieren, indem sie sehen, was Kinder mit Materialien anfangen können und wie sie damit experimentieren, entsteht ein neugieriger Blick. Und das ist für mich die Grundlage im reggianischen Verständnis der Pädagogin als Forscherin, die neugierig in die Welt hinausgeht und sich selbst noch nicht alle Dinge erklären kann. Die aufgeschlossen ist, die mit einem forschenden und neugierigen Blick in die Berufspraxis geht. Ich denke, das nehmen die Studierenden mit.
Interessierte, die sich zum Thema "Lernwerkstatt" austauschen und vernetzen möchten, können sich gerne per E-Mail bei Herrn Prof. Dr. Jansa melden:
axel.jansa@hs-esslingen.de
Literaturtipp zum Interview:
Herrmann, C.; Fader, C.; Friesinger, T.; Pflüger, A.; Schwarz, E.; Zellmer, A. (2008) Projekt Lernwerkstatt: Aufbau einer Lernwerkstatt für Kinder an der Hochschule Esslingen. München: GRIN Verlag.