Experteninterviews zum Thema Medienarbeit in Kindertageseinrichtungen

Prof. Dr. Ulrike Six - Universität Koblenz-Landau

Prof. Dr. Ulrike Six ist geschäftsführende Leiterin des Instituts für Kommunikationspsychologie, Medienpädagogik und Sprechwissenschaft der Universität Koblenz-Landau sowie Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) in den Fachgruppen Medienpsychologie und Sozialpsychologie. Sie hat zahlreiche Publikationen zum Thema Medienerziehung und Medienpsychologie verfasst. In einem schriftlichen Interview hat sie Fragen zur Medienkompetenz in KiTas beantwortet.

Was bedeutet "Medienkompetenz" bei Kindern?
Sehr allgemein formuliert bedeutet Medienkompetenz die Verfügbarkeit von Wissensbeständen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kindern einen für ihre Entwicklung, ihre Sozialisation und ihre Zukunftschancen förderlichen Umgang mit den verschiedensten Medien ermöglichen, angefangen von Printmedien und Fernsehen bis hin zu Handy, Computer und Internet. Ein kompetenter Medienumgang zeichnet sich dadurch aus, dass Medien selbstbestimmt, reflektiert und selbstreguliert sowie zielgerichtet und funktional, gleichzeitig aber auch persönlich wie sozial verantwortlich genutzt und Medieninhalte angemessen verarbeitet werden.

Zu wesentlichen Dimensionen von Medienkompetenz gehören, u.a.

  • Wissen über Medien, einzelne Medienangebote und deren funktionale Einsetzbarkeit;
  • Technikkompetenz;
  • Kompetenzen, um Medienangebote bzw. -produkte und -nutzungsoptionen anhand eigener Kriterien zu bewerten sowie sinnvoll auszuwählen und zu nutzen;
  • die Fähigkeit, Medieninhalte zu verstehen und zu verarbeiten;
  • Kompetenzen, um per Medien mit anderen als „Empfänger“ wie auch als "Absender" zu kommunizieren, unter Berücksichtigung von Funktionalität sowie sozialer Angemessenheit und Verträglichkeit;
  • die Fähigkeit und Motivation, die eigene Mediennutzung zu reflektieren, z.B. im Hinblick auf das eigene Medienwahlverhalten und das Nutzungsquantum, aber auch bezüglich der Wirkungen auf die eigene Person.

Warum halten Sie es für wichtig, die Medienkompetenz von Kindern in Kindertageseinrichtungen zu fördern?
Es ist heute mehr denn je notwendig, möglichst frühzeitig damit zu beginnen, neben den für einen kompetenten Medienumgang erforderlichen Basiskompetenzen auch spezielle medienbezogene Kompetenzen in einer altersgemäßen Weise zu fördern. Hierfür gibt es vielfältige Begründungen, von denen ich nur einige wenige zusammenfasse:

  • Medienkompetenz gehört längst zu Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen oder wie angemessenes Verhalten im Straßenverkehr.
  • Kinder wachsen nicht in einem medienfreien "Schonraum" auf, sondern werden in verschiedenster Form und an verschiedensten Orten mit Medien und medienbezogenen Themen konfrontiert. Gleichzeitig sind sie eine relevante Zielgruppe für den Medien- und Werbemarkt: Sie werden von speziellen Kindermedienangeboten angesprochen ebenso wie von der Werbung und von "Cross-Media-" und Merchandising-Strategien umworben (z.B. eine TV-Serienfigur als Spielzeug und Accessoire, entsprechend geformte oder bedruckte Rucksäcke, Kleidungsstücke und Produktverpackungen).
  • Medien sind für Kinder nicht nur nahezu überall und jederzeit leicht verfügbar, sondern für sie auch in vielfacher Weise attraktiv und werden von ihnen ebenso ausgiebig wie selbstverständlich genutzt. Insofern haben sie einen wesentlichen Anteil an den Alltagsaktivitäten auch schon von Kleinkindern und machen einen bedeutenden Teil ihrer Sozialisationsumwelt aus.
  • Mediennutzung ist durchaus ein aktives Handeln, etwa im Hinblick auf die Bewertung und Auswahl von Medienangeboten, auf die Medienrezeption bzw. Nutzungsweise sowie auf die damit verbundenen inneren Prozesse. Um solche Aktivitäten kompetent auszuüben, bedarf es aber der frühzeitigen Förderung von Medienkompetenz.
  • Kinder sind heute nahezu von Beginn an "multimedial" ausgestattet. Dabei nutzen sie das verfügbare Medienensemble häufig auch ohne Beisein bzw. Aufsicht von Erwachsenen (und zunehmend häufig auch z.B. bei Freunden). Erst recht für eine solche eigenständige Nutzung benötigen sie jedoch entsprechende Kompetenzen.
  • Medien haben auch bei Kindern einen hohen funktionalen Stellenwert, indem sie ihnen zur Befriedigung wesentlicher Bedürfnisse dienen: Neben Unterhaltung und der Beseitigung von Langeweile denke man etwa an Wissensdurst und Neugier, die Suche nach Leitbildern, das Streben, sich mit anderen zu vergleichen und an anderen zu messen, oder die Möglichkeit, an erregenden, gefährlichen Situationen risikolos teilzuhaben und in der Realität verbotene Handlungen – z.B. bei Computerspielen – virtuell auszuüben. Nicht zuletzt dienen Medien den Kindern aber auch zur Flucht aus einem negativ erlebten Alltag, zur Verarbeitung von Ängsten und Konflikten sowie zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und subjektiv wichtigen Themen, etwa durch Identifikation mit "Medien-Helden", die stellvertretend für sie Konflikte oder Probleme lösen.
  • Medienkompetenz gilt längst als eine Schlüsselkompetenz nicht nur für die private Alltagsbewältigung und Befriedigung individueller Bedürfnisse, sondern auch zur Bewältigung beruflicher Aufgaben, für das selbständige, lebenslange Lernen und zur Optimierung individueller Zukunftschancen.
  • Während schon Kleinkinder und Vorschulkinder heutzutage das Medienensemble ausgiebig und oft eigenständig nutzen, sind ihrer kompetenten Mediennutzung gleichzeitig noch erhebliche Grenzen gesetzt. Insofern gilt: Mediennutzung ermöglicht vielfältige Chancen, die durch Medienbildung und -erziehung von vornherein zu maximieren sind, bringt aber auch ein Risikopotenzial mit sich, das durch die altersangemessene Förderung von Medienkompetenz, in Kombination mit Reglementierungen, zu minimieren ist.

Schon im Kindergartenalter und später in der Schule ist also die Förderung von Medienkompetenz notwendig. Die Weiterentwicklung von Medienkompetenz ist allerdings gerade in der heutigen Zeit eine Anforderung an das lebenslange Lernen auch Erwachsener – und somit auch des pädagogischen Personals in KiTas.

Wie sehen Sie diese Forderung aktuell in den Kindertageseinrichtungen umgesetzt?
Leider wird – auch nach Ergebnissen einer unserer Repräsentativstudien in KiTas von NRW – diese Forderung noch immer viel zu wenig umsetzt; wichtige Chancen werden somit vertan. So nutzen ErzieherInnen die Möglichkeit von Gesprächen mit den Kindern über Medien oder Medienumgang kaum in aktiver Weise. Auch Anregungen, etwa die Kinder über ihre Medienerlebnisse erzählen und dies per Medien aufzeichnen oder sie nachspielen zu lassen – um nur einige Möglichkeiten zu nennen – sind eher selten. Und aufwendigere medienpädagogische Projekte laufen ohnehin kaum je. Nur eine kleine Minderheit engagiert sich in der Förderung von Medienkompetenz wenigstens ansatzweise umfang- und facettenreich.
Gründe für diese noch immer defizitäre Situation gibt es viele, nicht zuletzt mangelt es noch immer an einer adäquaten Ausbildung.

Literaturempfehlungen:
Six, Ulrike (2008): Medien und Entwicklung. In: Oerter, R./Montada, L. (2008) (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Weinheim, S. 885–909

Six, Ulrike/Gimmler, Roland (2007): Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Eine empirische Studie zu Bedingungen und Herausforderungen der Medienerziehung. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW, Band 57. Berlin: Vistas.

Prof. Dr. Norbert Neuss - Justus-Liebig-Universität Gießen

Prof. Dr. Norbert Neuss ist Leiter des Studiengangs "Bildung und Förderung in der Kindheit" (B.A.) an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist außerdem Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik. In unserem Interview spricht er über die Notwendigkeit und die Chancen von Medienbildung in Kindertageseinrichtungen.

Was muss man sich unter Medienbildung in der Kindertageseinrichtung vorstellen?
Medienbildung ist ein sehr umfassendes Gebiet. Es ist Aufgabenbereich der Medienpädagogik, sich mit Medienbildung zu beschäftigen. Die Medienpädagogik hat sich in den letzten 20-25 Jahren auf diesen Bereich spezialisiert. Es wurden unterschiedliche Methoden und Maßnahmen zum Thema Medienbildung entwickelt. Ich teile ihre Frage einmal in unterschiedliche Bereiche.

"Medien als Erfahrungsspiegel betrachten" ist der erste Bereich und ein Appell an die ErzieherInnen, die geäußerten Medienerlebnisse der Kinder nicht nur als einen Wirkungszusammenhang zu begreifen im Sinne von »Da sieht man mal wieder, welche komischen Geschichten die Kinder im Fernsehen gesehen haben«. Dadurch, dass Kinder das Gesehene aktiv verarbeiten, z.B. in Rollenspielen, kann man in den Medienerlebnissen erkennen, mit welchen Dingen Kinder sich inhaltlich beschäftigen. In der medienpädagogischen Rezeptionsforschung ist man sich relativ klar darüber, dass das, was Kinder im Fernsehen wahrnehmen und dann in den Alltag transportieren, etwas mit ihren entwicklungsbezogenen Themen zu tun hat. Das tragen sie an unterschiedlichen Stellen durch Verarbeitungsmechanismen, beispielsweise Rollenspiele, in den Alltag. Wenn man sich damit beschäftigt, kann man nicht nur darüber etwas lernen, was die Kinder gerade im Fernsehen gesehen haben, sondern auch, was für Themen sie gerade beschäftigen. Und das ist ein zentraler Zugang zu den Kindern und zu ihren Themen. Darauf aufbauend kann man pädagogische Aktivitäten planen. Deswegen auch der Begriff "Erfahrungsspiegel".

Der zweite Punkt ist "Medien zur Sensibilisierung der Sinne einsetzen". Heute sind auch ErzieherInnen in einer Medienumwelt aufgewachsen, sie nutzen selbstverständlich Instant-Messenger, Handy usw. Das eigene Handeln wird aber viel weniger kritisch betrachtet als das Handeln der Kinder. Deswegen ist der zweite Punkt relativ wichtig. "Medien zur Sensibilisierung der Sinne einsetzen" meint auch, eine praktisch-produktive Perspektive auf Medien einzunehmen. Das heißt, nicht immer nur zu darauf schauen, was sie für Schäden anrichten könnten, sondern zu sagen: »Wir wollen uns den produktiven und sinnvollen Aspekten zuwenden, und dazu gehören beispielsweise Projekte wie "mit Kindern fotografieren"«. Wer mit Kindern fotografiert, wird feststellen, dass sie sehr genau hingucken und man so entdecken kann, was Kinder interessiert. Die fotografieren dann ihre Garderobenhaken und ihre Pantoffeln und was nicht alles, und man hätte eigentlich ganz andere Dinge erwartet. Gleichzeitig ist es für die Kinder heute ein selbstverständlicher Erfahrungsteil ihrer Wirklichkeit, sich diese mit kleinen Hilfestellungen wie dem Fotoapparat darzustellen. Auch schon im Kindergarten.

Der nächste Bereich ist "Medien als Erinnerungshilfe einsetzen". Das ist ein Bereich, der im Kindergarten noch nicht so ausdrücklich genutzt wird, auch nicht systematisch-didaktisch. Mit der Öffnung des Kindergartens ist es ja so, dass die Öffnung nach innen und nach außen stattfindet, nach außen eben durch Besuche des Kindergartens in Institutionen wie Feuerwehr oder Gärtnerei. Meist ist es so, dass die Erzieherin fotografiert und dann gibt es hinterher kleine Fotodokumentationen, die vor allen Dingen für die Eltern gedacht sind »Schaut her, was haben wir für einen tollen Ausflug gemacht!«. Oftmals wird dabei aber vergessen, dass Medien für die Kinder und für uns eine Erinnerungshilfe sein können. Auch bei kleinen Anlässen. Und das heißt, so wie wir Erwachsene uns mit Medien an unseren Urlaub erinnern, ist es auch für Kinder eine Möglichkeit, sich mit Medien zu erinnern. Und dabei Medien auch als Erzählunterstützung einzusetzen. Ich sehe die Fotografie zum Beispiel als herausragendes Mittel, das heute im Kindergarten in selbständiger Form eingesetzt werden kann. Die kleinen digitalen Fotoapparate, die wir heute haben, mit dem Rechner, meinetwegen auch im Kindergartenbüro und ein Drucker sind so schnell und leicht verständlich von Kindern einsetzbar, dass man diese Dinge auch als Sprach- und Erzählhilfe einsetzen kann. Kinder erzählen am liebsten über die Dinge, die sie selbst erlebt haben. Und das kann man so auch didaktisch mit Medien unterstützen.

Ein weiterer Punkt ist "Medien durchschauen helfen". Es geht darum, es als medienpädagogische Aufgabe zu begreifen, Medienkompetenz zu vermitteln. Kinder wachsen heute in eine wild organisierte Medienwelt hinein. Und die Medienwelt will auch etwas von ihnen, sie sollen nämlich zum Beispiel Konsumenten werden. Nehmen wir einmal das Beispiel „Werbung“, damit habe ich mich länger beschäftigt. Die Werbung versucht Kinder dazu anzuregen, als Kaufentscheider in Familien mitzuwirken. Damit die Kinder beim Einkaufen beispielsweise sagen »Wenn wir Frühstücksflocken kaufen, dann kaufen wir die mit "Bob der Baumeister" drauf, da ist ja schließlich "Bob der Baumeister" drauf, also müssen diese Frühstücksflocken auch besser schmecken als andere«. Es ist wichtig, Kindern an solchen Stellen schon früh zu vermitteln »Warum ist eigentlich "Bob der Baumeister" auf der Frühstücksflockenpackung abgebildet und nicht irgendeine andere Figur«? Oder »Warum glauben wir, dass diese Flocken besser schmecken als andere«? Dieser ganze Bereich "Werbung, Kaufanregung, Kaufentscheidung", das Kind zum mündigen Konsumenten zu machen, damit kann auch schon im Kindergarten spielerisch begonnen werden. Dazu gibt es einen Baukasten: „Baukasten Kinder und Werbung“ nennt der sich, er greift mit vielen Methoden genau das Thema auf. Ein anderes Beispiel auch aus dem Bereich Werbung: Man hat festgestellt, dass Kinder, Vorschulkinder vor allen Dingen, mit 4, 5 Jahren noch große Schwierigkeiten haben, Werbung und Programm auseinanderzuhalten und deshalb Manipulationsstrategien noch viel stärker ausgeliefert sind. Bedenkt man jetzt, dass vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien fast 100% privates Kinderfernsehen sehen, dann weiß man, dass sie einem erhöhten Kaufdruck ausgesetzt sind. Dies kann man auch im Kindergarten schon aufgreifen, ihnen z.B. dazu Hilfestellung geben, wie man zwischen Werbung und Programm unterscheidet. Das kann man den Kindern relativ einfach vermitteln, in dem man ihnen zeigt »Immer dann, wenn ein Senderlogo rechts oder links oben im Fernseher zu sehen ist, dann läuft das Fernsehprogramm, wenn kein Senderlogo zu sehen ist, ist in der Regel Werbung«. Das ist ein ganz einfaches formales Unterscheidungskriterium, das Kinder in diesem Alter schon lernen können. Es geht also darum, die Medienwelt in Ansätzen durchschauen zu lernen. Das kann man auch später machen, wenn man Videoprojekte mit Kindern macht, um z.B. zu zeigen »Wie wird da getrickst, wieso kann Pippi Langstrumpf ein Pferd hochheben usw.«. So können die Kinder Medienproduktionen als etwas "Gemachtes" erkennen.
Es gibt aber gelegentlich Abwehr dagegen, »Das ist zu früh, und soll das nicht alles die Grundschule machen«? Und »Das können die Kinder doch noch gar nicht alles durchschauen«. Ich vergleiche das immer mit dem Autoverkehr. Auch der Autoverkehr bringt Chancen und Gefahren mit sich. Wir würden nicht sagen, die Verkehrsregeln »Wie gehe ich über den Zebrastreifen« soll man erst den 10-jährigen Grundschulkindern beibringen. Das ist etwas, was Kinder von Anfang an lernen müssen. Und so wie sie eben Verkehrsregeln lernen müssen in Bereichen, die für sie zutreffen, müssen sie auch anfangen, Medienregeln zu lernen.

Dann haben wir noch den Bereich "Medien als Bildungsmaterial bereitstellen". Das ist auch ein Appell an ErzieherInnen, Medien überhaupt als Bildungsmaterial zu erkennen. Das fällt bei Bilderbüchern relativ leicht, weil das Buch durch uns eine kulturelle Aufwertung erfahren hat. Bei anderen Medien fällt es sehr viel schwerer, das zu erkennen. Ich denke, in den Bildungsplänen, in denen unterschiedliche Bereiche wie "naturwissenschaftliche Bildung" und "ethisch-religiöse Bildung" usw. enthalten sind, da gibt es oftmals auf Seiten der ErzieherInnen einen inhaltlichen Nachholbedarf, so ist jedenfalls meine Erfahrung. Auch da kann ich auf Medien zurückgreifen, die diese Fragen in viel brillanterer Weise darstellen als ich es selbst tun kann. Das heißt, Medienangebote auch wirklich zu nutzen. Da kann man auf ein großes Reservoir an tollen Filmdarstellungen zurückgreifen. Natürlich kann ich mir mit den Kindern auch einen Ameisenhügel angucken, aber das, was sich darin abspielt, das zeigt mir beispielsweise ein Peter Lustig.

Medien als Bildungsmaterial bereitzustellen bedeutet auch, Medienprodukte bewerten zu können. Das heißt, ich muss auswählen zwischen guten und schlechten Medienprodukten.

Der letzte Punkt ist, "Medien als kooperative Erziehungsaufgabe verstehen". Das resultiert im Prinzip aus medienerzieherischer oder medienpädagogischer Beratung und Beratungs- und Bildungsangeboten für Eltern. »Wie lange dürfen Kinder eigentlich fernsehen«? »Was sollen sie gucken«? »Schadet das meinen Kindern«? »Wie gehen wir mit Werbung um«? »Sollen Kinder schon im Vorschulalter einen Spiel- und Lerncomputer haben«? usw. Das sind Fragen, die Eltern beschäftigen und die in thematischer Elternbildung aufgegriffen werden müssten. Müssten deshalb, weil das eigentlich nur punktuell geschieht. Das ist Aufgabe von Medienbildung. Medienbildung heißt auch, Eltern zu verdeutlichen, was qualitativ hochwertige Kinderfilme sind, wie Kinder diese Filme rezipieren usw. Man kann Eltern und Kinder dabei unterstützen, Medienerfahrungen zu verarbeiten und Regelungen in der Familie zu finden, wie man mit Medien sinnvoll umgehen kann. Dabei sollte man nicht zu stark normativ mit dem pädagogischen Zeigefinger winken, nach dem Motto, das wäre alles schlecht und furchtbar, sondern man sollte auch sehen, dass Medien eine Funktion in der Familie haben.

Wieso sollten Studierende der Frühpädagogik in Medienbildung geschult werden?
Das würde ich auch in 4 Bereiche gliedern, die mir wichtig sind. Der erste Bereich ist "Wissen über Kindheit heute". Man kann sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Kindheit und Kindheitsforschung eigentlich überhaupt nicht mehr ohne den Einfluss von Medien in der Kindheit betrachten. Das steht im engen Zusammenhang mit den Dingen, die ich eben zuvor gesagt habe. Kinder wachsen heute in einer Medienwelt auf und sie nutzen Medien, sie sind damit konfrontiert. Und aus diesem Grund erscheint es mir als ein Aspekt von Sozialisation und als Entwicklungsfaktor relativ wichtig, Kindheit heute im Zusammenhang mit Medien zu thematisieren und das in Lehrveranstaltungen zu vermitteln.

Das Wissen über "Medienarbeit im Kindergarten heute" ist der zweite Punkt. ErzieherInnen oder angehende FrühpädagogInnen bzw. KindheitspädagogInnen müssen Wissen über Medienarbeit im Kindergarten oder Kindertagesstätten haben. Das heißt, sie müssen wissen, »Was mache ich denn mit Kindern eigentlich in Kindertagesstätten zum Thema Medienbildung«? »Welche praktischen Formen der Medienarbeit habe ich, wie geht man da vor, welche Ziele verfolgt man dabei und wie integriert man das auch in die konzeptionelle Arbeit in Kindertagesstätten«? Gerade die letzte Frage ist relativ wichtig, nicht einfach zu sagen, »Da machen wir jetzt mal ein Alibiprojekt, damit wir auch unsere medienpädagogischen Verpflichtungen erfüllt haben«, sondern »Wir betten es auch ein«. "Medien" ist ja ein sehr weiter Begriff, man kann ihn eng und weit fassen. Bilderbücher gehören auch dazu und werden immer mitgedacht. Nur, es ist natürlich nicht das alleinige Medium. Es gibt im Übrigen auch schlechte Bilderbücher, so wie es auch schlechte Filme geben kann. Aber es gibt eben auch gute Filme und gute Bilderbücher. Also, Wissen über Medienarbeit im Kindergarten ist relativ zentral. Das heißt auch, Handlungs- und Praxiskompetenzen zu vermitteln. »Was kann ich eigentlich aus welchem Grund, mit welchem Ziel, in Bezug auf welches Konzept im Kindergarten tun«?

Ein weiterer Punkt ist "Wissen über den Bildungswert von Medien". Das ist das, was ich schon angedeutet habe, Medien als Bildungsmaterial bereitstellen. Hier brauche ich Kriterien. Kriterien und Merkmale zur Bewertung von Medien. Das heißt, ich muss etwas über kindliche Rezeptionsgewohnheiten und Rezeptionsfähigkeiten wissen und auch in Bezug auf das Medium, was ich jetzt vielleicht gerade prüfe, um es vielleicht in meiner Kindertageseinrichtung, in meiner Gruppe einzusetzen. Ich muss einschätzen können, ist das ein qualitativ hochwertiges Medium, entspricht das zum Beispiel den Sehgewohnheiten von Vorschulkindern oder ist das etwas, was ich erst in der Grundschule oder später einsetzen würde. Das heißt, ich muss Medien, CD’s, Bücher, DVD’s, Filmbeiträge, vielleicht auch Internetseiten prüfen können.

Als letzten Punkt muss ich auch in meinem Studium oder der Ausbildung vermittelt bekommen haben, welchen didaktischen Wert Medien eigentlich haben. Medien sind kein Allerwelts- oder Allheilmittel, sondern Medien sind einzubetten in eine pädagogische Umgebung, in ein pädagogisches Setting. Wenn ich das Thema "Wald" bearbeiten will, dann gibt es direkte Erfahrungsmöglichkeiten, die genutzt werden sollten, den Besuch beim Förster beispielsweise. Es gibt natürlich auch CD-ROMS dazu, es gibt Hörbücher, es gibt Bücher, es gibt Filme, es gibt die Sinneswahrnehmungsparcours, die man machen kann und so weiter. Wenn ich das Thema "Wald" als Lernarrangement begreifen will, dann muss ich über den einzelnen didaktischen Wert der Medien, die ich einsetzen will, Bescheid wissen.