
Dr. Marianne Dierks ist Bereichsleiterin des Fachbereichs Bildung und Erziehung an der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf. Sie ist außerdem Rektorin der Fliedner Fachhochschule in Gründung. Zum Wintersemester 2011/12 soll vorbehaltlich der Genehmigung durch das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW der zurzeit in der Akkreditierung befindliche Studiengang "Bildung und Erziehung in der Kindheit" (B.A.) in Vollzeit und berufsbegleitend starten.
Warum hat sich die Kaiserswerther Diakonie entschlossen, neben einer Fachschulausbildung für ErzieherInnen zukünftig frühpädagogische Studiengänge an einer eigens gegründeten Fachhochschule anzubieten?
Eigentlich aus mehreren Gründen. Deutschlandweit wird die Akademisierung in diesem Arbeitsfeld ja schon länger diskutiert. Und es ist so, dass die Ausbildung auf akademischem Niveau in vielen europäischen Ländern schon Standard ist. Aus unserer Sicht benötigt das Arbeitsfeld akademisierte Fachkräfte, weil man heute um die Bedeutung der ersten Jahre für das Bildungsprofil der Kinder weiß, aber auch, weil die Anforderungen z.B. an die Elternarbeit, der hohe Reflexionsbedarf in der alltäglichen Praxis sowie die Förderung von wissenschaftlichem Nachwuchs wirklich notwendig sind. Und vor allen Dingen um wissenschaftliche Ergebnisse in die Praxis zu bringen, das ist zurzeit nur begrenzt der Fall. Das sind auf der einen Seite unsere Grundgedanken für die Gründung der Fachhochschule und auf der anderen Seite, weil wir wahrnehmen, dass die Anforderungen an die Leitungen sich erhöht haben. Darüber hinaus wollen wir uns als Träger, der eine Fachschule hat, positionieren und gleichzeitig signalisieren, dass wir die Akademisierung in diesem Bereich für notwendig halten.
Warum soll das Angebot der Fachschulausbildung an der Kaiserswerther Diakonie neben den geplanten Studiengängen bestehen bleiben?
Wir denken nicht, dass die bewährte Fachschulausbildung völlig durch Studiengänge ersetzt werden soll. Bewährt haben sich häufig pädagogische Teams mit unterschiedlichen Ausbildungsgraden. Man stelle sich außerdem die Kapazitäten an Fachschulen und Hochschulen vor, man weiß schließlich um den extrem hohen Fachkräftebedarf im Sektor. Es wäre sozusagen nicht zu verantworten gewesen zu sagen, wir wollen die Fachschulausbildung nicht mehr beibehalten. Aber nicht nur aus diesen quantitativen Gründen wollen wir beide Ausbildungsformate, sondern unser geplantes Modell ist, in den Einrichtungen pädagogische Teams mit unterschiedlichen Ausbildungsgraden zu haben.
Und sehen Sie da auch eine Aufgabenteilung vor, oder was konkret macht für Sie den Mehrwert aus, Fachkräfte mit unterschiedlichen Ausbildungsgraden zu haben?
Es ist die Komplexität des Arbeitsfeldes. Es braucht aus meiner Sicht eine Leitung, die akademisch ausgebildet sein muss und Kompetenzen wie in Betriebswirtschaft, Steuerung haben muss, neben einem fundierten Fachwissen in ihrem eigentlichen Berufsfeld. Meine Wahrnehmung ist, dass es zunehmend didaktische, erzieherische oder bildungsrelevante Konzepte braucht, um auf die Komplexität in der Praxis wirklich angemessen reagieren zu können. Dazu ist eine akademische Qualifizierung sinnvoll oder notwendig. Diese Kompetenzen sind in der Praxis dann gut zu ergänzen mit dem breiten Basiswissen der Fachschulausbildung als auch mit den im Beruf erworbene Kompetenz bzw. Erfahrungswissen um den alltäglichen Anforderungen in dem Arbeitsfeld gerecht zu werden..
Wird sich der berufsbegleitende Studiengang inhaltlich von dem unterscheiden, der sich an SchülerInnen richtet?
Marginal. Es bleiben bei beiden Basismodule in Erziehungswissenschaften, Bildungswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialforschung, Psychologie und Organisation. Die Schwerpunktbildung ist in den drei Bereichen möglich: Diversity, Management und Leitung, sowie Gesundheitserziehung beim Teilzeitstudium. Ich glaube, es geht darum, in der Botschaft sehr klar zu sein, und die richtet sich auf pädagogische Handlungskompetenz mit wissenschaftlicher Fundierung, wissenschaftliche Argumentation und Reflexion, wissenschaftliche Methodenvielfalt.
Haben Träger bzw. Arbeitgeber oder auch ErzieherInnen Ihnen gegenüber Bedarf an frühpädagogischen Studiengängen geäußert?
Nein, eigentlich nicht. Aber nachdem wir uns hier entschieden hatten, den Studiengang anzubieten, war es so, dass die Leitungen und stellvertretenden Leitungen an mich herangetreten sind und gesagt haben, dass sie das Studium auf jeden Fall gerne machen möchten.
Wie werden sich Ihre Studiengänge von Ihrer Fachschulausbildung unterscheiden?
Ich denke, durch die Art des Lernens, also nicht im Klassenverband, sondern es ist eben ein Studium mit Pflichtfächern und Wahlpflichtfächern, d.h. die Studierenden können die Inhalte des Studiums (begrenzt) auswählen. Darüber hinaus ist einer der entscheidenden Unterschiede zum Curriculum für die Fachschulausbildung in NRW das Stichwort Exemplarität neben der Wissenschaftsorientierung. Und zwar in dem Sinne, dass die großen Basiswissenschaften Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Sozialwissenschaften und Sozialforschung und auch Psychologie und Organisationspsychologie das Curriculum durchziehen. Ich würde es so formulieren, dass es in der Fachschule mehr Detailwissen gibt und im Detail gelernt wird. Als Beispiel: In der Fachschulausbildung in NRW werden zehn Bildungsbereiche ausgewiesen die verpflichtend zu behandeln sind, zum Beispiel ästhetische Bildung, sprachliche Bildung, mathematische Bildung. Im Studium werden wir davon drei Schwerpunkte exemplarisch behandeln, wir werden deswegen Profilmodule ab dem vierten Semester mit den Schwerpunkten ästhetische Bildung, mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung und sprachliche Bildung anbieten. Und wir werden jeden dieser Schwerpunkte bzw. jeden dieser Zugänge vertiefend bearbeiten. Wir werden auch viele Praxisanteile im Studium haben, im ersten Semester 300 Stunden mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik, im zweiten ist ein begleitetes Projekt in Institutionen des Erziehungs- und Bildungswesens vorgesehen, im dritten Semester sind es wieder 300 Stunden mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe einschließlich frühe Hilfen.

PD Dr. Silke Pfeiffer ist pädagogische Leiterin des Pädagogischen Kollegs Rostock und der Pädagogischen Akademie Rostock. Sie ist darüber hinaus Ansprechpartnerin für die zukünftigen Studiengänge "Interdisziplinäre frühkindliche Bildung und Erziehung" (B.A.) und "Frühkindliche Inklusive Bildung und Erziehung" (B.A.), die zum Wintersemester 2011/12 an der in Gründung befindlichen Sozialpädagogischen Hochschule Rostock (SHR) beginnen sollen. Zum Wintersemester 2012/13 ist darüber hinaus ein Fernstudiengang geplant.
Warum hat sich das pädagogische Kolleg Rostock entschlossen, neben einer Fachschulausbildung für ErzieherInnen zukünftig auch mehrere frühpädagogische Studiengänge an einer eigens dafür gegründeten Fachhochschule anzubieten?
Zunächst muss man dazu sagen, es ist nicht so, dass wir die Fachschule gegründet haben und sich dann erst die Idee entwickelt hat, eine akademische Ausbildung anzubieten, sondern wir hatten von vorneherein die Absicht, die Ausbildung zu akademisieren. Am Anfang haben wir gedacht, wir könnten das in Kooperation mit einer anderen schon bestehenden Hochschule tun. Das hat sich aber als schwierig erwiesen, weil andere Hochschulen nicht die Kapazitäten aufnehmen können, die wir hier am Kolleg haben. Daraufhin ist die Notwendigkeit entstanden, das im eigenen Haus zu tun und eine eigene Hochschule zu gründen. Es war ein Abwägungsprozess, welche Vorteile es hätte, alles unter einem Dach zu vereinen. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass Mecklenburg-Vorpommern dabei ist, die Ausbildung der ErzieherInnen zu reformieren und Teile davon schon in die Ausbildung zur Sozialassistenz vorzuverlagern. So ist bei uns im Haus ein Kombimodell entstanden, eine Ausbildung, die aus 3 Phasen besteht. Das bedeutet eine Ausbildung zum Sozialassistenten an der höheren Berufsfachschule, die wir ja auch sind, in der schon ca. 500 Stunden Anteile aus der Erzieherausbildung verankert sind. Dann kommt eine anschließende zweijährige fachschulische Ausbildung, in der wiederum auch schon anrechnungsfähige Leistungen für die Hochschule absolviert werden, so dass danach in einem darauf aufbauenden Studium von 3 Semestern der Bachelor of Arts erreicht werden kann. Das ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses von über zweieinhalb Jahren. Das Ziel stand, wie gesagt, aber eigentlich schon von vornherein fest, nämlich dass wir strukturell wie inhaltlich nicht die alte ErzieherInnenausbildung anbieten wollten, sondern etwas Neues machen möchten. Strukturell hat sich nun das gerade beschriebene „Dreigestirn“ ergeben. Inhaltlich waren wir von Anfang an der Meinung, dass wir mehrere Schwerpunkte setzen und auch eine modularisierte Ausbildung anbieten wollen. Daher haben wir zunächst die Zielgruppe eingegrenzt und gesagt, wir legen den Schwerpunkt auf die 0-10 Jährigen im elementarpädagogischen Bereich. Wir haben aber auch einige andere inhaltliche Schwerpunkte, Werteorientierung beispielsweise spielt eine große Rolle und das bildet sich auch in religionspädagogischen und kinderphilosophischen Seminaren ab, die in einem Modul verankert sind. Auch andere Schwerpunkte, wie zum Beispiel die Ästhetik und die Naturwisschenschaften in der Frühpädagogik, spielen bei uns eine große Rolle.
Vielleicht müsste man noch dazu sagen, dass wir in Mecklenburg-Vorpommern nur eine weitere Hochschule haben, die in der Frühpädagogik einen Bachelorstudiengang anbietet. Das ist die Hochschule Neubrandenburg, die aber nur ca. 40 Studierende im Jahr aufnimmt. Das wird natürlich den Anforderungen in dem Berufsfeld nicht gerecht, so dass unser Ministerium einen Grund hatte, uns zu unterstützen, damit noch mehr Frühpädagogen auf akademischer Ebene ausgebildet werden. Es sind verschiedene Dinge zusammen gekommen: Bei uns gab es schon eine bestimmte fachliche Expertise, wir wollten in den Bereich der Frühpädagogik gehen, das war nicht zuletzt auch politisch gewollt. Wir haben alle Möglichkeiten der Zusammenarbeit innerhalb des Landes genutzt, um das Curriculum zu entwickeln. Wir haben sowohl mit der Hochschule Neubrandenburg zusammengearbeitet als auch mit der Universität in Rostock. Da wir unseren Standort in Rostock haben, war das ideal.
Haben Träger bzw. Arbeitgeber oder auch ErzieherInnen Bedarf an einem weiteren frühpädagogischen Studiengang geäußert?
Wir haben einen Beirat an unserem Kolleg. In diesem Beirat sind auch Vertreter aus der Praxis, die haben alles begleitet und signalisiert, dass sie es für richtig halten, die Ausbildung zu akademisieren. Das sind Leiter und Mitarbeiter großer Träger, wie zum Beispiel der Diakonie, die gesagt haben, dass die Qualität in ihren Einrichtungen gesteigert werden muss. Sie wollen einerseits höher qualifiziertes Personal einstellen und andererseits ihre Fachkräfte, die schon in der Praxis sind, weiterqualifizieren. In diesem Zusammenhang sind dann zwei neue Ideen entstanden. Zum einen, neben dem Kolleg noch ein pädagogische Akademie zu gründen. Das ist ein Fortbildungsinstitut für alle pädagogischen Fachkräfte und hier finden u. a. verschiedene Fortbildungen im elementarpädagogischen Bereich für die vielen Träger statt, mit denen wir zusammenarbeiten. Zum anderen ist ein Mentorenschulungsprogramm entstanden, so dass unsere Mentoren, die unsere Schüler in der Praxis betreuen, von uns im Vorfeld in die neueren Bereiche und Diskurse in der Elementarpädagogik eingeführt werden.
Soll das Angebot der Fachschulausbildung an dem pädagogischen Kolleg Rostock neben den geplanten Studiengängen bestehen bleiben?
Ja, die Konstruktion wird bleiben. Die Abiturienten steigen im zweiten Jahr der Sozialassistenz ein, wechseln dann an die Fachschule und dann anschließend an die Hochschule. Das Curriculum ist so ausgestaltet, dass eines auf dem anderen aufbaut. Mit der Gründung der Hochschule wird es auch möglich sein, nur die Hochschule zu besuchen und nach einem dreijährigen Studium den Bachelor zu erwerben, wie man es an jeder anderen Hochschule tun kann. Aber es wird natürlich auch die Möglichkeit geben, mit der Verknüpfung der Fachschule zu einer verkürzten hochschulischen Ausbildung zum Bachelor zu kommen. Bewerber mit mittlerer Reife steigen ins erste Jahr der Sozialassistenz ein. Die Ausbildung wird für sie somit ein Jahr länger dauern. Wir möchten ein durchlässiges System für pädagogisch möglichst gut geeignete Leute haben. Ich glaube, da sind wir uns sofort einig, dass es nicht unbedingt der schulische Abschluss ist, der darüber etwas aussagt. Wir möchten Menschen ohne Abitur, die aber pädagogisch sehr geeignet erscheinen, ermöglichen, eine akademisierte Ausbildung bis hin zum Bachelor zu machen.
Wie werden sich Ihre Studiengänge von Ihrer Fachschulausbildung unterscheiden?
Mit dem Besuch der Hochschule erfolgt eine Spezialisierung. Vorher haben wir ein Basiscurriculum, in dem die Schüler alles lernen, was man normalerweise in einer Erzieherausbildung lernt. Dann entscheiden sie sich mit dem Übergang an die Hochschule, ob sie in Richtung interdisziplinäre Arbeit im Elementarbereich gehen wollen und da Schwerpunkte setzen, z.B. in den Bildungsbereichen, und die Arbeit in Werkstätten und Projekten lernen wollen oder ob sie in Richtung Inklusion gehen wollen. In einem Studiengang wird es stärker um die Lerngruppen gehen, in denen Kinder mit Beeinträchtigungen oder auch Hochbegabungen sind. In diesem Studiengang braucht man deshalb eine noch höhere diagnostische Kompetenz. Im Idealfall wäre es in der Praxis so, dass man aus beiden Bereichen Fachkräfte hätte, so dass man sowohl den interdisziplinären als auch den inklusiven Gedanken verbinden könnte.
Der Grad der Wissenschaftlichkeit spielt an der Hochschule eine größere Rolle, auch die wissenschaftlichen Reflektion und der Forschungsanteil. Im Bachelor sind die Arbeitsformen andere. In der Fachschulausbildung geht es in erster Linie um Handlungskompetenz in der Praxis und in der Hochschulausbildung kommen noch die wissenschaftliche Kompetenz und die Reflexionskompetenz hinzu. Es ist ein anderes Ausbildungsprofil. Jemand, der nach der zweiten Phase abbricht, wäre der klassische Erzieher mit einer Fachschulausbildung, allerdings schon mit einer anderen Fachschulausbildung, als es vorher der Fall war, weil sie sich auf den frühkindlichen Bereich konzentriert. Auch die Vermittlungsformen sind eher akademische als berufsschulische. Wenn man nur die fachschulische Ausbildung absolvieren würde, hätte man dennoch eine qualitativ hochwertigere Ausbildung, als dies gegenwärtig in der traditionellen Fachschulausbildung der Fall ist.
Hinzufügen würde ich gerne noch, dass wir eine Ganztagsschule sind, wir haben also die Idee, nicht nur gemeinsam zu lernen sondern auch zu leben. Daraus ergeben sich im Endeffekt eine andere Atmosphäre und Philosophie.