Experteninterviews zum Thema Frühpädagogische Arbeit im Ausland – Frühpädagogische Bildung, Betreuung und Erziehung in Japan

Andreas Wildgruber - Staatsinstitut für Frühpädagogik

Andreas Wildgruber ist wissenschaftlicher Referent im Staatsinstitut für Frühpädagogik (ifp) in München. Er war Teilnehmer einer Delegationsreise des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das in Abstimmung mit dessen japanischem Partner, dem Ministerium für Bildung, Kultur, Wissenschaft und Technik (MEXT), 2007 beschlossen hat, einen Fachkräfteaustausch im Bereich der frühkindlichen Bildung durchzuführen. Aus diesem Grund hat sich Herr Wildgruber vor Ort einen Eindruck von der Erziehung, Bildung und Lernen in japanischen Kindergärten gemacht.

Wie würden Sie das Verständnis von Erziehung, Bildung und Lernen in japanischen Kindergärten bzw. Kitas beschreiben?
Zunächst muss man unterscheiden zwischen Kindergärten, die in Japan Yochien genannt werden und Kindertageseinrichtungen, die Hoikuen genannt werden. In den Yochien sind die 3 bis 6jährigen Kinder, in den Kindertageseinrichtungen die 0 bis 6Jährigen. Der Unterschied ist, dass die Kindergärten zum Bildungssystem gehören, während die Kindertageseinrichtungen dem Wohlfahrts- und Gesundheitsministerium unterstellt sind. In heutiger Zeit ist es so, dass stärker integrierte Einrichtungen gefördert werden. Man muss auch sehen, dass es große Unterschiede in der Kindergartenpraxis – ich beziehe mich jetzt schwerpunktmäßig auf den Kindergarten – gibt. Das sind zum einen Einrichtungen mit einem traditionell stärker spielbasierten Ansatz. Nach der PISA-Studie und den darauf folgenden Diskussionen sind auch stärker output-instruktionsorientierte Kindergärten entstanden. Der Hintergrund ist, dass ca. 80 Prozent der Kinder in Japan einen privaten Kindergarten besuchen. Dadurch gibt es viele Unterschiede, so dass man nicht grundsätzlich sagen kann: "Das ist das Bildungsverständnis in Japan".

Im Folgenden werde ich das traditionelle Bildungsverständnis herausarbeiten, das auch deutlich in den "National Curriculum Standards for Kindergartens" heraus kommt, also den offiziellen Verlautbarungen.

Das oberste Ziel im Kindergarten nennt sich "Förderung von Lebenskompetenz", im Englischen "nurturing the emotion, will and attitude of the zest for living". Dieser zentrale Begriff "zest for living" beinhaltet starke Komponenten von Lebensfreude. Eine japanische Erzieherin hat das schön ausgedrückt: "Die Kinder sollen ein reiches Herz entwickeln". Und das Spiel wird als der Weg gesehen, der dazu beiträgt, dass die Kinder dies entwickeln können. Das Spiel ist in der japanischen Kindergartenpädagogik ganz zentral, um eine Balance zwischen Körper, Seele und Geist zu erreichen. Mit Spiel ist das Freispiel, also das größtenteils unstrukturierte Spiel der Kinder, gemeint. Eigentlich ganz anders, als man es von Japan vielleicht erwarten würde, von dem man ein sehr stark leistungsorientiertes Bild hat. Was den Übergang von der Grundschule zur Sekundarschule angeht, und dann später den Übergang zu den Universitäten, trifft das leistungsorientierte Bild für das japanische System auch zu. Im Gegensatz dazu ist der japanische Kindergarten jedoch traditionell überhaupt nicht leistungsorientiert geprägt. Das hat mit der Historie zu tun, es sind sehr stark Fröbelsche Ideen eingeflossen. Fröbel ist in Japan früh rezipiert worden. Das Spiel wird dadurch als eine "voluntary activity" (freiwillige/spontane Aktivität) angesehen. Praktisch kann man sich das so vorstellen, dass es in japanischen Kindergärten eine beträchtliche Lautstärke und Unordnung gibt, die wir als westliche Beobachter manchmal als Chaos wahrnehmen. Mit lautstark ausgetragenen Streitereien, viel Bewegung, häufigen Wechseln, aber auch konzentriertem Spiel. Das ist für japanische Erzieherinnen ganz wichtig, weil sie an den sehr starken Emotionen, Gefühlen sehen, dass sich die Kinder wohl fühlen und entwickeln. Die sozialen und emotionalen Fähigkeiten sind auch bei uns im Vordergrund. Die Kinder sollen die Möglichkeiten haben, ihre eigenen Wahlen zu treffen, zu wechseln, zu interagieren, je nachdem was ihren eigenen Wünschen entspricht.

Das Thema Selbständigkeit ist auch ganz wichtig. In der japanischen Kindergartenpädagogik soll sehr stark eine Selbständigkeit für den Alltag entwickelt werden, "kompetente Bürger" zu werden. Es geht darum, Kinder fürs Leben stark zu machen. Umgesetzt wird das von den Lehrern durch eine entsprechende Gestaltung der Umwelt. Die Lehrer halten sich sehr stark zurück, beobachten sehr viel, lassen die Gruppe sich entwickeln und versuchen, eine möglichst passende Umgebung bereitzustellen, sowohl sozial als auch materiell. Es geht darum, das Kind zu freiwilligen Tätigkeiten zu ermutigen und die kommen sehr stark im Spiel rüber.

Zu den Fachkräften in Japan ist zu sagen, dass das sozusagen frühpädagogisch ausgebildete "Lehrer" sind, die zum großen Teil an der Universität bzw. in so genannten Colleges ausgebildet werden. Aber die meisten, ich glaube, 80 Prozent, haben nur eine 2-Jahres Ausbildung, sie liegen also unterhalb des Bachelor-Niveaus. Es ist aber dennoch eine akademische Ausbildung.

Zu den Arbeitsbedingungen: Die Besuchszeiten der Kinder im Kindergarten sind grundsätzlich von 9 bis 13 Uhr. Die Lehrerinnen haben daher noch den ganzen Nachmittag Vorbereitungszeit, um die pädagogische Arbeit zu gestalten. Der Lehrerschlüssel sieht so aus, dass 30-35 Kinder pro Lehrerin der Mindestschlüssel ist. In der Praxis sieht das manchmal anders aus. Aber grundsätzlich sind es wenig Lehrerinnen in der Gruppe. Das wird auch mit dem Gedanken begründet, dass zu viele Lehrerinnen, zu viele Erzieherinnen die freiwilligen Aktivitäten der Kinder nur stören, da wird es zu stark lehrerzentriert. Auch in Japan ist es nämlich so, dass die Familien oft nur ein Kind haben. Viele Mütter bleiben noch zuhause, so dass sich eine enge Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind ergibt. Und genau das soll in Kindergärten nicht sein. Da soll die Gruppe stärker im Vordergrund stehen und diese Selbstorganisation der Kinder.

Zusätzlich zum Freispiel der Kinder gibt es, wie bei uns eigentlich auch, strukturierte Aktivitäten in der Gruppe. Regeln und Rituale halten diese beiden Bereiche stark auseinander, wozu auch sehr viel Musik eingesetzt wird. In jeder Kindergartengruppe steht ein Klavier, das ist ein Muss, es ist auch ein Element der Ausbildung. Das wird stark genutzt.

Bei uns in Deutschland geht es darum, dass die Kinder eine Identität mit den eigenen Bedürfnissen entwickeln. Und in Japan ist es eine Identität mit den jeweils wechselnden Situationen. Die Kinder sollen sich voll engagieren und mit einem vollen Herzen dabei sein, sowohl im Freispiel als auch in der Gruppenaktivität. Sie müssen aber auch lernen, dass da ein starker Unterschied besteht. Und das ist die Bedeutung von Regeln und Ritualen. Sowohl im Freispiel, da können sie größtenteils tun und lassen, was sie wollen, wenn sie die Regeln der Gruppe ein Stück weit beachten, als auch im strukturierten Kontext. Eine Identität mit wechselseitigen Situationen steht also in japanischen Kindergärten im Vordergrund.

Welche Bedeutung hat die Gruppe bei der frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung in Japan?
"Gruppen" und "Gruppenzugehörigkeit" haben in Japan eine ganz besondere Bedeutung. Die Gruppe ist das zentrale Organisationsprinzip der japanischen Gesellschaft. Was bei uns das Individuum bzw. die Individualität ist, dem entspricht in Japan die Gruppe. Die Kernbereiche der japanischen Gesellschaft sind so organisiert, dass ein gemeinsames Handeln in der Gruppe gefordert und gefördert wird. Der Kindergarten oder die Kindertagseinrichtung ist im Großen und Ganzen der Ort, wo das Kind das erste Mal der Gruppe begegnet und somit auch dem Gruppenprinzip. Da geht es darum, eine emotionale Beziehung zu schaffen, dass es Spaß macht, die Gruppe als Gemeinschaft mit Gleichaltrigen zu erfahren, die Freude an der Gemeinschaft zu erleben. Die Kinder sollen lernen, das als glückliche, gemeinsame Tätigkeit anzusehen. Eine Erzieherin meinte zu uns: "Soziale Kontakte schaffen ein reiches Herz". Die Kinder sollen erleben, wenn es der Gruppe gut geht, geht es auch mir gut. Japaner haben auch ein Stück weit ein verklärtes Bild vom freien und unbeaufsichtigten Spielen von Kindern und der Vielfalt sozialer Beziehungen, die durch spontane Kindergruppen in der Nachbarschaft entstehen. Das gibt es jetzt so in Japan nicht mehr, die Leute wollen es aber immer noch und die Kinder sollen das in der Kindergartengruppe erleben.

Das ist das eine und das andere ist das Erlernen von sozialen Kompetenzen in der Gruppe. Mit der Bedeutung der Gruppe als Organisationsprinzip der japanischen Gesellschaft geht es da noch mal ein gutes Stück weiter, als es bei uns gehen würde. Denn es geht stark darum, Werte zu lernen. Man lernt, anderen keinen Ärger zu bereiten, freundlich miteinander umzugehen. Zentrale Konzepte sind die Harmonie, das Gesicht wahren, dafür zu sorgen, dass der andere sein Gesicht nicht verliert, und Interesse und Sorge für die anderen zu entwickeln. Der zentrale Begriff hierfür ist Omoiyari, das ist eine Verbindung von einerseits Einfühlungsvermögen und dem Wohlwollen für den anderen. Anderen zuzuhören, Gefühle und die Situation des anderen zu verstehen, freundlich und mitfühlend zu sein. Das ist ein ganz wichtiges Erziehungsziel, was Kinder hier in diesem Gruppenkontext auch lernen sollen. In der engen Mutter-und-Kind-Beziehung, die ich gerade zuvor angesprochen hatte, wird auch eine Gefahr von Selbstbezogenheit gesehen. Die Kinder sollen mit der Gruppe ein Gegengewicht dazu erlernen.

Ebenfalls wichtig ist das Thema Selbstorganisation als Gruppe. Es wird versucht zu erreichen, dass die Kindergartengruppe möglichst selbst funktioniert, soweit dies in dem Alter möglich ist. Die Kinder sollen ihre Angelegenheiten mit möglichst wenig Einfluss der Lehrerin regeln. Es existieren Regeln und Rituale, die dazu das "Korsett" bilden. Die Erzieherinnen schreiten ab und zu ein, womit den Kindern das Lernen erleichtert wird.

Diese Erfahrung dient auch als Vorbereitung auf die Schule. Auch dort wird das Lernen in der Gruppe organisiert. Die Kinder haben einen Auftrag, reihum übernehmen sie unterschiedliche Verantwortung in der Gruppe und der Lehrer hält sich zurück. Da werden dann die besten Lösungen in der Gruppe diskutiert, wie z.B. "Wie lernen wir jetzt …, wie schaffen wir es miteinander zu …?" Das Ganze wird praktisch im Kindergarten schon vorbereitet. Unter anderen Bedingungen, weil die Altersgruppe bei 3-6 Jahren liegt. Da ist das intentionale und kognitive Handeln der Kinder noch nicht so stark ausgeprägt, sondern eher das auf der motivationalen Ebene, also die Lust, in einem Augenblick etwas Bestimmtes zu tun.

Als Gruppe zu funktionieren, ohne einen Lehrer, der alles organisiert, das lernen Kinder in Japan.

Eckehard Zühlke - ev. Fröbelseminar des Diakonischen Werkes in Kurhessen-Waldeck

Eckehard Zühlke ist Direktor des evangelischen Fröbelseminars des Diakonischen Werkes in Kurhessen-Waldeck, das sozialpädagogische Fachkräfte ausbildet und auch am Verbundstudiengang "Bildung und Erziehung in der Kindheit" (B.A.) beteiligt ist. Es findet ein regelmäßiger Austausch zwischen dem japanischen Shukutoku-Seminar (College und Universität) in Tokio und dem Fröbelseminar statt, bei dem sich die Beteiligten über die Bildung, Erziehung und Betreuung in beiden Ländern austauschen.

Wie sind frühpädagogische Fachkräfte in Japan ausgebildet?
In Japan gibt es große Veränderungen im Ausbildungskontext, gerade nach der PISA-Studie. Ähnlich wie es in Deutschland mittlerweile der Fall ist, gibt es in Japan für die Arbeit in Kindertagesstätten Ausbildungsformen auf drei verschiedenen Niveaus. Das erste Niveau ist eine 2-jährige Ausbildung auf dem sogenannten Junior-College-Niveau. 80 Prozent der japanischen Lehrer – sie heißen dort nicht Erzieher – in Kindertagesstätten haben diesen Abschluss. Es gibt auch die Möglichkeit, eine 4-jährige Ausbildung an einer Universität zu machen, die mit einem Bachelor-Abschluss abschließt und ebenfalls für die Arbeit in Kindertagesstätten befähigt. Die Arbeit mit diesem Abschluss wird aber ähnlich oder fast gleich entlohnt wie die 2-jährige Ausbildung. Man kann danach noch durch spezielle Zusatzkurse einen Master anschließen, aber auch das bietet nicht die Chance, wesentlich mehr zu verdienen als mit anderen Abschlüssen.

Unser Haus, das Evangelische Fröbelseminar, hat seit 30 Jahren Kontakt zu einer japanischen Universität und zu einem College in Tokio. Wir haben die Ausbildung in der Praxis vor Ort gesehen und wir tauschen uns regelmäßig mit japanischen Professoren und Studierenden, die auch bei uns zu Gast sind, intensiv darüber aus. Die Ausbildung in Japan ist sehr praxis- und handlungsbezogen. Ähnlich wie in unserer Ausbildung sind dort auch betreute Praktika integriert. Aber auch die Unterrichtsstunden in der Ausbildung sind sehr praxisnah, dort wird für die Praxis gelernt und geübt.

Man muss wissen, dass die Kindergärten in Japan in besonderer Weise geregelt sind. Es gibt einmal den so genannten Yochien, das ist der klassische Kindergarten, den besuchen die Kinder von 3 bis 5 oder 6 Jahren. Und zusätzlich gibt es noch den Hoikuen. Hoikuen ist praktisch eine Krippeneinrichtung, die eher auf Betreuung ausgerichtet ist. Man nennt sie auch Daily Care Center oder Nursery Center. Diese Einrichtungen werden von unterschiedlichen Ministerien betreut. Die einen mehr vom Gesundheitsministerium, die anderen vom Wissenschaftsministerium. Die Bestrebungen in Japan sind jetzt im Moment, auch aufgrund des Mangels an Kindern, diese beiden Einrichtungen zusammenzulegen und Erziehung, Bildung und Betreuung ähnlich wie bei uns hier in Deutschland zusammenzufügen. Und darauf zielen die neuen Ausbildungen auch ab. Man sucht neue Ausbildungskonzepte, um diesen Zusammenhang und die Bildungs- und Erziehungsarbeit ab Geburt gut zu gewährleisten.

In Japan sind die Denkvoraussetzungen anderes als bei uns: Dort steht die Form vor dem Inhalt. Wir in Deutschland versuchen immer, Inhalt und Form in einen Zusammenhang zu bringen. Es ist in Japan genau umgekehrt – wenn die Beziehung bzw. das Miteinander gut ist, dann wird auch der Inhalt gut. Das Zusammensein der Menschen miteinander, jung und alt, behindert, nicht behindert, muss erst einmal gut sein. Wenn das gut geregelt ist, dann passieren auch die Inhalte, wie den Bezug auf die Natur, in Bezug auf die Religion, in Bezug auf eigentlich alles gedacht. Das kommt aus der japanischen Kultur und der japanischen Religion (Shintoismus und Buddismus). In der Ausbildung wird natürlich auch Theorie vermittelt. Die theoretischen Konzepte, sind sehr neuseeländisch orientiert: Te Whäriki , Magret Carr sind wichtige Namen, aber auch die europäischen Pädagogen wie Loris Malaguzzi, die Reggio-Pädagogik findet sich dort wieder sowie Pädagogik von Sozo Kurahashi, der eigentlich ein Fröbel-Pädagoge ist. Er hat die Fröbel-Pädagogik in Japan in der Aufklärungsperiode – das ist die Taisho Periode Anfang des letzten Jahrhunderts – in Japan bekannt gemacht. Diese Theorie versteht den Kindergarten stark als wirklichen Garten für die Kinder, die Spielgaben von Fröbel und dessen symbolischen Verständnis rücken in den Hintergrund. Die Theorien findet man in den Ausbildungsstätten wieder.

Welche Bedeutung hat der Lernort Praxis bei der Ausbildung in Japan?
Der Lernort Praxis hat dreierlei Bedeutung. Die erste Bedeutung habe ich schon angesprochen. In der Ausbildung sind betreute Praktika angelegt, in denen beispielsweise Beobachtungsaufgaben gegeben werden. Hintergrund ist: Japan ist stark durch den entwicklungsorientierten Ansatz geprägt worden, der in den 80er/90er Jahren in den USA in den Vordergrund getreten ist. Es geht also darum, die Entwicklungsprozesse der Kinder zu sehen und zu schauen, was die Kinder brauchen. Und dazu muss beobachtet werden und zusammen mit den Kindern gefunden werden, was ihnen gut tut. Das konnten wir auch in verschiedenen Kindergärten beobachten, dass die pädagogische Begleitung so ansetzt.

Nach der Ausbildung gibt es, ähnlich wie es unser Berufspraktikum nach der Fachschule vorsieht, eine einjährige oder zweijährige Phase, die unterschiedlich betitelt werden: die In-Service-Phase, die an ein Mentoring-Programm gekoppelt ist. Erfahrene ErzieherInnen und Erzieher in der Praxis unterstützen über die Konzepte die Erzieherinnen, die von den Schulen und Universitäten kommen, in ihrem praktischen Tun. Dafür wird viel Zeit investiert um die neuen Fachkräfte langsam, bedächtig und behutsam an die Kinder, an das pädagogisch fördernde Begleiten heranzuführen. Wichtig ist dabei immer die Zurückhaltung, das Kind hat den Vortritt.

Es gibt drei Stufen, auf denen im Kindergarten gelernt wird. Die erste Stufe des Lernens ergibt sich aus dem wirklichen Leben, also dem Alltag, das Essen, die Sauberkeit, der Raum, die Natur, und Kultur: alles was dort erfahren wird, ist Lerngegenstand. Die zweite Stufe ist das Spiel. Kinder lernen über das Spiel. Hier erkennt man die Fröbel-Orientierung, die wie gesagt von Sozo Kurahashi noch mal in besonderer Weise ausgeprägt wurde. Und die dritte Stufe würden wir hier in Deutschland als Instruktionslernen bezeichnen. Kinder sollen das lernen, was in der Kultur, in der Gesellschaft wichtig ist. Man fängt früh mit Zeichnen und Malen von Schriftzeichen an. Die japanische Sprache setzt sich ja aus chinesischen und japanischen Schriftzeichen zusammen. Sie ist viel schwieriger und komplexer als unsere. Sprache und Zeichen lernen die Kinder sehr früh und das machen sie gerne. Es gibt keinen Kindergarten, in dem nicht auch ein Klavier im Gruppenraum steht.

Wie ist es zur Kooperation mit Ihrem Haus und dem japanischen College gekommen?
Unser Haus, das Ev. Fröbelseminar in Kassel, ist eine alte, traditionsreiche Einrichtung, aber auch sehr modern. Wir kommen aus der Zeit von Bertha Maria von Marenholtz-Bülow (1810 - 1893), die die Fröbel-Pädagogik aus Deutschland nach Europa gebracht hat, vor allem nach Frankreich und in die Benelux-Staaten, aber auch nach England. Das ist eine Gründungsmutter des Evangelischen Fröbelseminars. Sie hat noch bei Friedrich Fröbel selbst "gelernt". Unser Haus hat bis heute eine Fröbel-Orientierung behalten. Wir waren immer begeistert von der Idee der Entfaltung der Persönlichkeit und ergänzen den Ansatz durch moderne Ansätze, die Respekt zeigen für die Persönlichkeit von Kindern.

Die Fröbel-Pädagogen sind weltweit in der International Fröbel Society zusammengeschlossen. Dieser Zusammenschluss von Kindheitspädagogen geht von Japan, Südkorea, China, Russland, neuerdings auch die Ukraine, bis in die USA und England. Diese Fröbel Society trifft sich regelmäßig.

Über diese Verbindung hinaus haben wir seit 30 Jahren spezielle Kontakte nach Japan zum Shukutoku-Seminar/Universität. Jedes Jahr kommen 40 und 150 japanische Professoren und Studierende zu uns. Wir singen und tanzen, befassen uns mit Fröbelpädagogik und vielem anderen mehr, aber überwiegend praktisch. In den letzten vier Jahren sind wir mit dem Bundesfamilienministerium und dem IJAB mehrfach in Japan zu Studienzwecken gewesen. Im Rahmen der lebendigen Partnerschaft mit dem Shukutoku-Seminar war eine Delegation von Dozenten und Studierenden mit kleinen Bildung- und "Forschungsfragen" in verschieden Tageseinrichtungen in Tokio. Im November 2010 kommt wieder eine japanische Delegation zu uns, die sich hier für die Transitionsproblematik, also den Übergang von Kindern aus dem Kindergarten in die Schule, interessiert. Wie das in Japan geschieht, haben wir uns vor Ort angesehen, und nun schauen die japanischen KollegInnen bei uns. Wir machen bei uns im Hause regelmäßig auf japanische Kultur, japanische Sitten und japanische Pädagogik aufmerksam und halten Vorträge.

Oft werden wir gefragt, ob die Entfernung nicht zu groß sei für eine gute Partnerschaft. Die Japaner würden dazu sagen: "Wir sind uns nah, wir leben unter dem gleichen Himmel."