
Prof. Dr. Dr. Hartmut Kasten ist Frühpädagoge und Familienforscher am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München sowie außerplanmäßiger Professor für Psychologie an der Universität München. Er hat uns in einem Interview Fragen zur Rolle der Entwicklungspsychologie für die Frühpädagogik beantwortet.
Welche Bereiche der Entwicklungspsychologie spielen Ihrer Meinung nach eine besonders große Rolle für die Frühpädagogik?
Am wichtigsten ist die pädagogische Psychologie, die sich mit Fragen beschäftigt, die aus der empirischen Erziehungswissenschaft stammen. Das wäre dann genuine Pädagogik. Aber in gleicher Weise sind natürlich die diagnostische Psychologie und die Persönlichkeitspsychologie zu erwähnen, die immer wieder in frühpädagogischen Fragestellungen virulent werden. Und vielleicht noch die Familienpsychologie, das ist auch etwas, das sich erst seit etwa drei Jahrzehnten formiert hat. Der Bereich frühe Kindheit, 0-3 Jahre, boomt. Wir haben damals schon darauf hingewiesen, dass die allerersten Phasen unglaublich wichtig sind. Und jetzt kommt endlich seit etwa anderthalb Jahrzehnten auch aus der neurophysiologischen Forschung – das wäre noch ein wichtiger Bereich, die Physio- bzw. Neuropsychologie – mehr in Bewegung. Jetzt tritt endlich zutage, wie wichtig eben gerade schon das erste halbe Lebensjahr ist und das, was sich dann bis zum vollendeten dritten Lebensjahr anschließt. Dieser neue Boom ist wirklich sehr zu begrüßen.
Wie kann man Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie gezielt zur Förderung der kognitiven Entwicklung von Kindern einsetzen?
Es gibt Meilensteine, von denen hat man schon seit Jahrzehnten Ahnung, die sind eigentlich schon in den Entwürfen von Wilhelm Stern, aber auch dann bei späteren, Piaget, Kohlberg und Nachfolgern, intuitiv erahnt worden. Es gibt dort schon Meilensteine, Umbrüche, wo die Entwicklung nicht mehr als kontinuierlicher Ablauf beschrieben wird, sondern phasenhaft. Man hat das dann sensible Phasen genannt.
In kurzer Zeit passiert unglaublich viel, und da ist vor allen Dingen die zweite Hälfte des 2. Lebensjahres zu nennen, wo es um die Ich-Entdeckung geht, also das, was man in der Entwicklungspsychologie in Entwicklung, Aufbau und Ausdifferenzierung des Selbstentwicklungskonzeptes unterteilt. Wenn da Eltern und Kindergarten- bzw. KrippenerzieherInnen sensibel sind oder entsprechend eine Vermittlung der wichtigen Kenntnisse an diese Personen stattfindet, dann kann man sehr segensreich arbeiten. Es ist zum Beispiel nicht mehr rein kognitive Förderung, sondern sozial kognitive Förderung. Im Prinzip kann man da nicht pushen, denn die Reifung geht Hand in Hand mit der Förderung, aber allein das Verständnis dafür zu haben, das kann den Kindern unheimlich nützen.
Das ist zwar ein bisschen spekulativ, aber es gibt auch die ein oder andere Studie, die möglicherweise Indizien dazu beibringt, dass man das Trotzalter wesentlich abpuffern kann, wenn man diese Phase kennt, in der die Kinder das Ich entdecken. Die Kinder nennen sich dann zum Beispiel, wenn sie von sich selbst reden, beim Vornamen. Ein Außenstehender versteht unter Umständen nicht, was dahinter steckt. Wenn man aber sagt »Du, die redet von sich selbst und sie meint sich«, dann verstehen auch die Bezugspersonen im Umfeld, dass die Kinder im Begriff sind, eine Person zu werden, das eigene Ich zu entdecken. Und da kann man entsprechend stützen und stabilisieren, das Ich stärken und bekräftigen, eben durch Anerkennung und das, was man so prosaisch „Willen stärken“ nennt, akzeptieren. Dadurch kann man vieles vorwegnehmen und an Konflikten vermeiden, was manchmal dramatisch zutage tritt. Weil die Eltern gar nicht mitbekommen haben, dass die Kinder innerhalb von relativ kurzer Zeit eigene Personen geworden sind, einen eigenen Willen und eigene Gefühle haben. Und die Kinder das, was ihre Motive ihnen gerade vorgeben, auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen. Also, dieser Zeitpunkt: Ich-Entdeckung, Selbstkonzeptentwicklung, wenn man das sehr sensibel wahrnimmt, aufgreift und fördert, könnte man das segensreich auch für das ganze Familienklima umsetzen.
Der zweite wichtige Punkt ist: Ende des vierten Lebensjahres, Anfang des 5. Lebensjahres beginnt das Entdecken der eigenen Innenwelt, verbunden mit der Tatsache, dass die eigene Innenwelt sich nicht deckungsgleich mit Bezugspersonen oder der anderen Menschen auf der Welt verhält, sondern dass man selbst ein anderes Gefühl und einen anderen Wissensbestand hat als die Mitmenschen. Da sollte man sensibel sein, da kann man die Perspektivenübernahme beträchtlich fördern. Es gab schon Mitte, Ende der 70er Jahre Fördermappen, die man damals gezielt bei den Vierjährigen, knapp Fünfjährigen eingesetzt hat, um deren eigene Innenwelt, deren Perspektiven- und Rollenübernahme, deren Dezentrierungsvermögen zu fördern. Das ist ja alles ein Konglomerat, wo die Entwicklungspsychologie ganz unterschiedliche Begriffe geprägt hat, die aber letztlich immer dasselbe meinen. Diese beiden Phasen am Ende des 2. Lebensjahres und einmal zu Beginn des fünften bzw. Ende des vierten Lebensjahres, da könnte gezielte kognitive und sozial-kognitive Förderung bei Kindern etwas bewirken.