Experteninterview zum Thema Empirische Forschungsmethoden im frühpädagogischen Studium

Prof. Dr. Dörte Weltzien - Evangelische Hochschule Freiburg

Prof. Dr. Dörte Weltzien ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin und leitet den Studiengang "Pädagogik der frühen Kindheit (B.A.)" an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Im Studiengang wird viel Wert auf die Vermittlung wissenschaftlicher Methodik gelegt, die die Studierenden zum Teil auch gleich in Praxisprojekten anwenden.

Warum lernen Ihre Studierenden wissenschaftliche Forschungsmethoden, wenn sie für die Arbeit in der Kita ausgebildet werden möchten?
Unser frühpädagogischer Bachelorstudiengang "Pädagogik der frühen Kindheit" an der EH Freiburg ist deutlich praxis- und forschungsorientiert ausgerichtet. Dies mag sich auf den ersten Blick wie ein Gegensatz anhören. Wenn wir uns aber die letzten Jahre die Frühpädagogik in Deutschland und auch im internationalen Kontext vor Augen führen, sehen wir, dass Forschung und Praxis immer stärker miteinander verzahnt werden. Glücklicherweise, muss man sagen, denn zumindest in Deutschland wurde genau dies lange Zeit eingefordert: Die Forschung in der Frühpädagogik muss deutlich ausgeweitet werden und die empirischen Forschungsbefunde müssen einen praktischen Nutzen haben. So fließen heute die Erkenntnisse aus der Bindungsforschung in Konzepte zur Betreuung unter Dreijähriger und in Eingewöhnungsmodelle ein. Das Ergebnis aus der Bildungsforschung, das zeigt, wie stark Bildungserfolge in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängen, hat u.a. zahlreiche Sprachförderprogramme hervorgebracht, um die Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund zu vergrößern. Die Erkenntnisse aus der Netzwerkforschung, die zeigen, welchen zusätzlichen Nutzen gut funktionierende Netzwerke für Familien haben, werden in konkrete Angebote der Familienzentren umgesetzt. In der Gestaltung des Übergangs Kita-Grundschule werden die Befunde aus der sogenannten Transitionsforschung berücksichtigt. Und die Resilienzforschung, die sich mit der psychischen Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen befasst, mündet mit großem Erfolg in Programme zur Stärkung der Resilienz von Vorschulkindern.

Dies sind nur wenige Beispiele, die zeigen, dass wir die aktuellen Forschungsergebnisse jeden Tag in der Praxis sehen können. Für unsere Studierenden ist es wichtig, einen kompetenten Umgang mit Forschung zu erlernen. Wissenschaftliche Studien müssen verstanden und bewertet werden können. Denn nur dann macht es Sinn, sich auch mit der Umsetzung dieser Erkenntnisse in die eigene Praxis zu beschäftigen. Unsere Frühpädagogik war lange Jahre ja eher ideologisch geprägt. Was für Kinder und ihre Familien gut oder schlecht war, bestimmten weniger empirische Befunde, sondern die Einstellungen vermeintlicher Experten zur Bildung und Betreuung in der frühen Kindheit. Das hat sich glücklicherweise geändert und wird sich in den kommenden Jahren im Zuge der Professionalisierung des Feldes weiter verändern.

Für die Studierenden, die später ja in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern in der Praxis tätig sein werden (in Kitas, Familienzentren, an Schnittstellen Kita-Grundschule, bei Trägerorganisationen, in der Fachberatung, um nur einige zu nennen) ist es also wichtig, sich mit der frühpädagogischen Forschung auseinander zu setzen. Dabei sollen sie durchaus auch kritisch sein. Nicht alles, was die Forschung an Ergebnissen hervorbringt, ist richtig, das wissen wir aus allen Bereichen, nicht nur aus der Frühpädagogik. Deshalb ist es auch wichtig, hinter diese Ergebnisse zu schauen und zu fragen, wie man zu solchen Schlussfolgerungen gekommen ist. Gerd Bosbach von der Fachhochschule Koblenz hat ja gerade mit seinem Buch "Lügen mit Zahlen" viele Beispiele von der scheinbaren Objektivität der Statistik gebracht. Wir möchten, das ist unser Ziel, dass die Studierenden einen eigenen Zugang zur Forschung entwickeln und in der Lage sind, zu entscheiden, ist dieses Verfahren zur Sprachstandsentwicklung sinnvoll und kann jenes Evaluationsinstrument tatsächlich die Qualität der pädagogischen Arbeit erfassen. Darum geht es uns.

In dem Modul "Anwendung wissenschaftlicher Methodik" sollen Forschungsmethoden praktisch in einem Projekt angewandt werden. Was für Projekte können dies zum Beispiel sein?
Wir haben die Forschung in der Frühpädagogik mit ihren Methoden und Ergebnissen in zahlreichen Modulen im Studiengang verankert. So bauen beispielsweise unsere fachdidaktischen Module, die sich mit Sprache, Welterschließung oder Kunst/Bewegung/Musik befassen, immer auf aktuellen Forschungserkenntnissen auf. Auf der Grundlage werden dann konkrete Praxisprojekte, z.B. Erzählwerkstätten, Experimentierstationen oder Werkstatttage mit Kindern und Fachkräften umgesetzt. Anschließend werden diese Projekte evaluiert – wieder mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden – und mit den Erkenntnissen aus der Forschung verknüpft. Wissenschaftliche Methodik beginnt bei uns in der ersten Semesterwoche und endet mit der Bachelorthesis.

Darüber hinaus haben wir aber auch ein eigenes Modul "Anwendung wissenschaftlicher Methodik", bei der es darum geht, quantitative und qualitative Forschungsmethoden zu vertiefen und selbst anzuwenden. Was bedeutet das konkret? Dazu möchte ich ein Beispiel aus meinem letzten Forschungsseminar nennen:
Ich hatte ein Seminar "Qualitative Forschungsmethoden" und habe den Studierenden den Auftrag gegeben, Interviews mit Kindern durchzuführen. Das Thema war "Lebenswelten von Kindern" – das ist ein sehr weites Thema und zunächst war den Studierenden auch nicht so richtig klar, was sie denn da eigentlich erfahren könnten und wie sie das erfragen sollen. Ich habe natürlich methodische Hilfestellung gegeben bei der Entwicklung eines Leitfadens und wir haben auch die Durchführung von Interviews mit Hilfe von Rollenspielen geübt. Beispielsweise habe ich ihnen die Methode der dialoggestützten Interviews mit Kindern vorgestellt, eine Methode, die ich im Rahmen unterschiedlicher Forschungsprojekte entwickelt habe und bei der zwei Kinder gleichzeitig interviewt werden. Damit waren die Studierenden zwar methodisch gut vorbereitet, aber dennoch unsicher, ob ihr Interview "im Ernstfall" gelingt. Nach ein paar Wochen kamen dann die ersten Interviews zurück – aufgezeichnet mit digitalen Aufnahmegeräten und transkribiert (verschriftlicht) und wir gingen an die Auswertung. Es war für uns alle großartig zu sehen, was unser Forschungsprojekt "Lebenswelten von Kindern" für Ergebnisse hervorgebracht hat. Wir hatten wunderbare Interviews und viele neue Zugänge zu den Lebenswelten der Kinder. So konnten wir zum Beispiel hören und lesen, wie wichtig Freundschaften schon im frühen Kindesalter sind, welchen Stress der Alltag mancher Kinder mit sich bringt und wie wichtig den Kindern ihre Familie und die gemeinsame Familienzeit ist. Besonders überrascht hat die Studierenden die Ernsthaftigkeit und Offenheit der Kinder in den Interviews – auch schon Vier- und Fünfjährige haben sehr konkrete Vorstellungen von sich und ihrem Leben und konnten diese – in ihren Worten – sehr genau ausdrücken.

Was hat den Studierenden und ggf. den KooperationspartnerInnen das Projekt gebracht, wie sind die Rückmeldungen?
Neben den qualitativen Forschungsmethoden, die die Studierenden – fast nebenbei – in diesem Projekt erlernt haben, war das zentrale Ergebnis des Seminars die große Engagiertheit der Studierenden. Viele haben nach eigenen Worten "Feuer gefangen" und sich intensiv mit den Methoden auseinander gesetzt. Besonders gefreut hat mich, dass sie von dem Wert der qualitativen Forschung überzeugt waren – nämlich der Möglichkeit, über Gespräche tatsächlich etwas Neues herausfinden zu können und die eigenen Erkenntnis zu erweitern. Während zu Beginn des Seminars noch einige Studierende daran zweifelten, ob Interviews denn überhaupt "wissenschaftlich" sind, weil sie doch keine Zahlen, sondern nur subjektive Sichtweisen hervorbringen, bestand zum Ende des Seminars Klarheit darüber, dass es ja genau darum geht, die Wahrnehmungen und subjektiven Erfahrungen von Kindern in ihren Lebenswelten zu erheben. Diese Erkenntnis, dass es nämlich wichtig ist, mit den Menschen zu sprechen, um eine gedankliche Nähe zu ihnen herzustellen und ihre Perspektive erklären oder verstehen zu können, ist, so meine ich, von hohem praktischem Nutzen. Denn, das stellen wir in unseren eigenen Forschungsprojekten zur Qualitätsentwicklung in Kindertagesstätten immer wieder fest, im Alltag wird mit den Kindern viel zu wenig gesprochen. Und nicht nur mit den Kindern, sondern auch im Team und mit den Eltern sind methodisch gut vorbereitete Gespräche eher die Ausnahme als die Regel. Dies wiederum war auch ein schöner Nebeneffekt unseres Projekts: Viele Interviews wurden in Kindertageseinrichtungen oder Grundschulen durchgeführt und so kam es, dass auch die PädagogInnen aus der Praxis einbezogen wurden. Auch da haben sich viele interessante Gespräche über die "Lebenswelten von Kindern" und die Möglichkeiten, diese zu erfassen, ergeben. Einige Praxispartnerinnen haben sich sogar genau nach der Methode der Kinderinterviews erkundigt und wollten solche Gespräche stärker in ihren Alltag einbauen, um mehr von den Kindern zu erfahren.

Übrigens sind aus einigen dieser Projekte sehr gute Bachelorthesen entstanden, die sich mit Freundschaften im Kindesalter, Aufwachsen in Armut oder Leben im interkulturellen Kontext beschäftigen. Und einige der Studierenden haben über die intensive Beschäftigung mit Forschungsmethoden festgestellt, dass sie wissenschaftliches Talent haben und studieren jetzt in unserem forschungsorientierten Master "Bildung und Erziehung im Kindesalter".