
Dr. Inés Brock lehrt in verschiedenen Kontexten, u.a. ist sie Ausbildungsleiterin für die Zusatzausbildung "ElternberaterIn" bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und -beratung e.V. Die Schulung wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt.
Was ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und -beratung e.V.?
Die Bundesarbeitgemeinschaft Familienbildung und Beratung ist ein Zusammenschluss von nicht-konfessionell agierenden Familienbildungs- und -beratungsstellen, die sich vor allen Dingen mit Bildungsansätzen in der Familie beschäftigen. Die Arbeitsgemeinschaft hat verschiedene Projekte, insbesondere die ElternberaterInnenausbildung, die bereits ausgebildete Fachkräfte aus der Familienbildung, der Kindertagesstätte oder aus Familienzentren in Erstberatungskompetenz für Eltern ausbildet. Darüber hinaus sollen die TeilnehmerInnen lernen, wann sie weitervermitteln sollen, wenn sie erkennen, dass sie in zwei, drei Gesprächen eine Problematik nicht lösen können. Die Arbeitsgemeinschaft hat außerdem ein e-Portal, wo Eltern sich via Internet weiterbilden können. Und seit 2011 haben sie ein Familienbegleitungsausbildungsprogramm, aber das nimmt gerade erst Kontur an.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und -beratung ist eine Institution, die sich schon vor vielen Jahren gegründet hat. Ziel war es, dass Eltern, die sich mit der Erziehung schwer tun bzw. von sich aus nicht so ausgeprägte Kompetenzen dafür mitbringen, sich professionell begleiten lassen können, um dann letzten Endes den Kindern eine gute Erziehungsumgebung zu bieten.
Was ist der Hintergrund für die Zusatzausbildung "ElternberaterIn", die die Bundesarbeitsgemeinschaft anbietet?
Der Hintergrund ist der, dass pädagogische Fachkräfte, besonders ErzieherInnen, aber auch Leute, die studiert haben oder Fachkräfte, deren Ausbildung schon länger her ist, dass diese Personen in einer Erstberatungskompetenz ausgebildet werden. Damit sie gut auf die Eltern, die ein Anliegen haben, eingehen können und damit sie aktiv zuhören können. Sie sollen lernen, nicht in einen "Ratschlaggestus" hineinzukommen, sondern eher mitschwingen und den Eltern deren eigene Kompetenz spiegeln. Damit sollen sie dazu beitragen, dass Eltern eigene Lösungszugänge entwickeln können. Das ist im Prinzip das Anliegen dieser Ausbildung. Ein Ziel ist es außerdem, die verschiedenen Entwicklungsphasen von Kindern und Familien kennen zu lernen und zu verstehen. Auch, was die Herausforderungen von verschiedenen Familienkonstellationen sind, die sie selber vielleicht aus ihrem eigenen Erleben nicht kennen. Es geht auch darum, Vorurteile abzubauen gegenüber anderen Lebensmodellen. Die TeilnehmerInnen sollen lernen, sich in dem relativ kurzen Schulungszeitraum von drei Wochen, (es sind drei Module, die jeweils fünf Tage dauern) auf die Eltern einlassen zu können und ihnen Angebote zu machen, die nicht ausschließlich einen Ratschlagcharakter haben, sondern weiterführend sind in dem Sinne "da können Sie sich noch Unterstützung holen".
Kann man in der Praxis denn die Elternberatung nicht "so nebenbei" machen?
Das ist eine interessante Frage. "Beratung" ist kein geschützter Begriff, es gibt ja auch "Rechtsberatung" oder "Finanzberatung" in einer Bank. Es geht darum, dass pädagogische Fachkräfte reflektieren, was sie im Alltag machen. Die sogenannten "Tür- und Angelgespräche", die ja jede(r) PraktikerIn täglich zu bewältigen hat, sollen reflektiert werden, in dem Sinne, was passiert da eigentlich und wie kann ich möglicherweise aus einem Tür- und Angelgespräch einen anderen Gesprächstermin entwickeln, bei dem mehr Zeit und mehr Raum zur Verfügung ist und bei dem man besser auf denjenigen eingehen kann, der ein Anliegen hat.
Es ist auch wichtig den TeilnehmerInnen zu vermitteln, aus der Position herauszukommen, dass sie als Fachkraft die Lösung für ein Problem produzieren müssen. Das empfinden sie alle am Anfang als Druck. Sie gehen davon aus, für jedes Anliegen, was auf sie zukommt, Lösungsangebote machen zu müssen. Nein, darum geht es gerade nicht, sondern es geht darum, demjenigen, der einen Rat sucht, zuzuhören, ihn anzunehmen und ihm damit auch die Möglichkeit zu geben, selber Lösungen zu finden. Ihn zu stärken in dem, was er schon getan hat und das Ganze vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Grundkenntnisse.
Was lernen die angehenden ElternberaterInnen?
Wesentliche Kernpunkte sind zunächst, einen allgemeinen Stand zu erzeugen, z.B. in entwicklungspsychologischen Grundlagen. Also aufzuzeigen, was sind die entwicklungspsychologischen Schritte von Kindern und wo hört Normalität auf in dem Sinne, dass es beobachtet werden sollte. Damit ist nicht gleich Dysfunktionalität gemeint, aber die Fachkräfte sollen sich selber vergewissern, was sie auch aus ihrer Praxis kennen, an welcher Stelle bei der Entwicklung eines Kindes Handlungsbedarf existiert. Die Elternberatung hat natürlich auch den Anspruch, auf Eltern zuzugehen, wenn in der Kindertagesstätte gesehen wird, dass beispielsweise bei einem Kind Entwicklungsverzögerungen beobachtet werden. Es geht also darum, aufmerksam zu sein und Hilfesysteme in Gang zu bringen, wenn nötig. Das sind theoretische Grundlagen, weitere wären zum Thema Familienwandel und den heutigen Lebensbedingungen von Eltern. Was wir in den Vordergrund stellen ist, dass es sehr große Milieuunterschiede in Deutschland gibt, auch was die Sprache und das Aufeinanderzugehen betrifft. Fachkräfte müssen sich deutlich reflektieren, weil sie oft in einem anderen Milieu aufgewachsen sind als in dem Milieu derjenigen, die bei ihnen Rat suchen. Zum Beispiel im Sinne von bildungsungewohntem Klientel als auch Klientel mit einer ganz anderen ethisch-werteorientierten und religiösen Herkunft.
Der größte Teil der Schulung besteht aus Methodenwissen. Das läuft sehr interaktiv ab, mit sehr vielen Rollenspielen, mit Ausprobieren, mit Gruppendynamik. Zum Schluss müssen die KandidatInnen ein Konzept vorlegen, wie sie die Aspekte der Elternberatung, die sie gelernt haben, in ihren Berufsalltag integrieren. Sie müssen das vorstellen und bekommen so auch eine Art Präsentationskompetenz, wie sie gegenüber ihrer Einrichtung, gegenüber möglichen Zuwendungsgebern, Jugendhilfeausschuss und so weiter, vertreten können, dass das ein wichtiges und notwendiges Angebot ist. Es sollen aber auch Grenzen abgesteckt werden, was mit einer solchen Kursausbildung, wie wir sie anbieten, geleistet werden kann und was nicht. Ziel ist ein erstes "Abholen" der Eltern, niedrigschwellig im Berufskontext selber, nicht als aufsuchendes Angebot, sondern als mitlaufendes Angebot. Und innerhalb dieser Konzeption, die die Kandidaten erarbeiten müssen, sollen sie sich ihres eigenen Netzwerkes vergewissern. Die meisten sind natürlich schon vernetzt, aber um sich genauer klarzumachen, wen sie denn eigentlich in ihrem näheren Umfeld haben, den sie möglicherweise bei einem Problem einbeziehen können. Das fängt bei den Gesundheitsanbietern an und geht über die Beratungsstellen, Schuldner-, Erziehungsberatung, Jugendamt und so weiter. Und mit denen auch schon einmal Kontakt aufzunehmen, damit es leichter wird, wenn ein entsprechender Fall eintritt. Um den Eltern zu erleichtern, die Schwelle zu den anderen Institutionen zu überschreiten, was ja nicht immer als einfach empfunden wird. Diese Netzwerkarbeit oder Netzwerkvergewisserung ist ein wichtiger Beitrag, der aus unserer Sicht notwendig ist, um den Druck für Fachkräfte rauszunehmen, alles alleine schaffen zu müssen.
Im Studium oder in der Ausbildung spielt es nicht überall eine große Rolle, wie man mit Eltern umgeht. Die Inhalte der Curricula sind oft sehr kindzentriert. Da füllt die Bundesarbeitsgemeinschaft eigentlich eine Lücke, die es leider immer noch gibt, hinsichtlich der Methodenkompetenz und darin, was man immer als die Augenhöhe zwischen Fachkraft und Eltern bezeichnet. Wie signalisiert man denn einer Mutter mit Hauptschulabschluss ihre Elternkompetenz? Das ist etwas, was ausprobiert werden muss. Es geht in der Schulung auch darum, Dinge selbst zu erleben, um sie dann im eigenen Berufsalltag umzusetzen. Wenn ich selbst einmal in der Rolle einer bedürftigen, ratsuchenden Mutter war, auch wenn es nur gespielt ist, habe ich trotzdem ein Gefühl dafür, was bei mir ankommt. Fühle ich mich ernst genommen oder habe ich das Gefühl, der andere plättet mich mit irgendwelchen Hinweisen?
Welchen Eindruck haben Sie denn hinsichtlich der Verbreitung des Themas in der Ausbildung und in den Studiengängen?
Da kann ich nur eine Vermutung äußern, weil ich weiß, dass die Lehrpläne in den Fachschulen ganz unterschiedlich und zum Teil schlecht zugänglich sind. Es gibt dort keine verallgemeinerten Regeln, keine Lehrpläne in dem Sinne, weil das ja landesindividuell und manchmal auch schulindividuell geregelt ist, was gelehrt wird. In den Hochschulen ist das anders, da weiß man, was die lehren, aber auch da kommt das Thema Elternberatung nicht in dem Maße vor, wie es vorkommen müsste.
Was mir beim Thema "Zusammenarbeit mit Eltern" am Herzen liegt, ist, dass wir in der allgemeinen frühpädagogischen Diskussion und Professionalisierungsdiskussion Eltern oft als Bedürftige betiteln. Das ist etwas, was mir sehr stark auffällt. Das mag für einige zutreffen, aber viele kommen sehr gut und in ihrem eigenen Kontext angemessen mit ihren Kindern zurecht und geben ihnen die besten Erziehungs- und Bildungsbedingungen. Das geht mir in der Diskussion manchmal verloren, wenn es heißt: "Wir sind die Fachkräfte und wir müssen die Eltern bilden." Bis dahin, dass Kinder vor ihren Eltern geschützt werden müssen, was in manchen Fällen sicherlich stimmt, aber der Gestus ist mir ein bisschen zu dominant.

Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann ist Leiterin des Studiengangs "Erziehung und Bildung im Kindesalter" (B.A.) an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Im Studiengang wird viel Wert auf die Vorbereitung der Studierenden hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Eltern gelegt.
Warum sollten Studierende eines frühpädagogischen Studiengangs gezielt auf die Zusammenarbeit mit Eltern vorbereitet werden?
Die professionelle Zusammenarbeit mit Familien ist neben der pädagogischen Arbeit mit den Kindern, der Kooperation im Team und der Zusammenarbeit in sozialen Netzwerken ein zentrales Handlungsfeld von FrühpädagogInnen. Nicht zuletzt im Zuge des Ausbaus von Familienzentren und Mehrgenerationenhäusern müssen Fachkräfte auch für die Kooperation mit und Beratung von Eltern qualifiziert sein. Im Rahmen des Studiums muss das Thema daher als Querschnittaufgabe in den verschiedenen Modulen immer wieder aufgegriffen werden. Wenn Zusammenarbeit mit Eltern nicht nur im dafür explizit ausgewiesenen Modul, sondern auch z.B. in den Modulen Gesprächsführung, Beratungsmethoden, Sprachförderung, Gestaltung von Übergängen etc. vorkommen soll, dann müssen die DozentInnen bei der Seminardurchführung sehr eng zusammenarbeiten. So ist beispielsweise eine intensive Unterstützung und Förderung von Kindern ohne die Einbeziehung der Familie nicht möglich - für eine gelingende Sprachförderung von Kindern (nicht nur derjenigen nicht deutscher Herkunftssprache) muss z.B. sehr eng mit der Familie kooperiert werden (family literacy). Für viele Eltern sind die ErzieherInnen ihrer Kinder zentrale Vertrauenspersonen, deren Rat sie anerkennen. Daher müssen schon die Studierenden auf die Zusammenarbeit mit Familien vorbereitet werden.
Was lernen die Studierenden über die Zusammenarbeit mit Eltern in Ihrem Studiengang und wie lernen sie das?
Neben dem dafür notwendigen fachlich-theoretischen Wissen ist hier vor allem methodisches Wissen (Gesprächsführung, Beratung) von Bedeutung. Diese praktischen Kompetenzen können und sollten vor allem im Rahmen der Praxisphasen des Studiums erprobt und vertieft werden: So gehört die Beteiligung an der Zusammenarbeit mit den Familien zu einer der zentralen Aufgabenfelder in den Praktika der Studierenden. Von den MentorInnen in der Praxis wird erwartet, dass sie ihre Praktikantin dabei unterstützen, z.B. einen Elternabend oder ein Elterngespräch vorzubereiten und durchzuführen. Die gemeinsame Reflexion dieser Übungen unter Realbedingungen ist für die Entwicklung von sicheren Handlungskompetenzen und einer selbst-reflexiven Haltung unabdingbar.
Besonders bedeutsam, ebenfalls im Sinne einer Querschnittaufgabe, ist im Verlauf des Studiums auch die Arbeit an der professionellen Haltung gegenüber Familien: Offenheit und Wertschätzung von Diversität und Ressourcenorientierung sind hier als Kernkompetenzen zu nennen. Die Fachkräfte müssen in der Lage sein, Kindern und Familien mit einem stärken- bzw. ressourcenorientierten Blick und einer respektvollen, achtsamen Aufmerksamkeit zu begegnen. Es sollte ihnen bewusst sein, dass ihre eigene Perspektive eine mögliche Perspektive ist, die grundlegend von der eigenen biografischen Entwicklung, von ihrer Persönlichkeit, ihren Werthaltungen und Normvorstellungen sowie von aktuellen Gefühlen und Motivationen geprägt ist. Eine Unterschiede anerkennende und vorurteilsbewusste Haltung bildet ein gutes Fundament für eine Kooperation mit Eltern auf Augenhöhe. Nicht alle Eltern können sich auf gleiche Weise in die Kooperation mit der Kita einlassen, aber alle haben Interesse an einer guten Entwicklung ihrer Kinder. Für das Handlungsfeld Familie bedeutet Ressourcenorientierung, einen defizitorientierten Blick bewusst zu suspendieren und mit einer wertschätzenden, respektvollen und interessierten Haltung die persönlichen und lebensweltlichen Kompetenzen und Motivationen der verschiedenen Familienmitglieder ins Auge zu fassen. Nur auf dieser Grundlage kann ein Dialog auf Augenhöhe mit Eltern entstehen und eine gemeinsame partnerschaftliche Erziehungs- und Entwicklungsbegleitung für das Kind gelingen.
Die Qualifizierung für die Zusammenarbeit mit Familien verstehen wir in unserem Studiengang als modulübergreifende und an der Ausbildung von Kompetenzen orientierte Querschnittaufgabe. Damit verbunden ist dann auch ein hoher Anspruch an die DozentInnen, die ihre Seminarinhalte aufeinander abstimmen müssen. Die Begleitung der Studierenden dabei, eine professionelle - forschende und selbst-reflexive - Haltung zu entwickeln, stellt schließlich einen Kerngedanken des Studiengangs Erziehung und Bildung im Kindesalter an der Alice Salomon Hochschule dar. Dieses Fundament, das vom ersten Semester an auf einer kontinuierlichen Integration von Studium, Praxisphasen und Forschungsaufgaben beruht, ist für die Entwicklung von Kompetenzen im Handlungsfeld Zusammenarbeit mit Familien von zentraler Bedeutung.

Xenia Roth leitet seit 1999 das Referat "Kindertagesbetreuung" im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur in Rheinland-Pfalz. Nach Tätigkeit in der Gemeindeseelsorge war sie zunächst Leiterin einer Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien- und Lebensberatung und dann verantwortlich für die Beratungsdienste und Telefonseelsorgen der Diözese Trier. Aktuell hat sie das "Handbuch Bildungs- und Erziehungspartnerschaft – Zusammenarbeit mit Eltern in der Kita" geschrieben.
Worin liegen die Chancen einer guten Zusammenarbeit der pädagogischen Fachkraft mit den Eltern?
Ich sehe die Chancen vor allen Dingen für die Kinder, weil es darum geht, die Kooperation mit Blick auf das Kind zu gestalten. Einfach gesagt, die Kinder sollen nicht in einen Loyalitätskonflikt zwischen den Eltern auf der einen Seite und den ErzieherInnen auf der anderen Seite geraten. Die Kinder sollen wissen: die Erwachsenen kommen gut miteinander zurecht, sie brauchen sich nicht um die Großen zu kümmern. So entlastet, können Kinder sich frei und offen all den Dingen zuwenden, die für sie in der Kindertageseinrichtung neu zu entdecken sind. Ähnliche Beobachtungen finden sich bei Kindern, die getrennt lebende Eltern haben. Auch da weiß man: je besser Mutter und Vater kooperieren und je mehr die Kinder den Eindruck haben, die beiden Elternteile kommen miteinander zurecht und sie müssen sich als Kinder nicht um die Erwachsenen kümmern, sondern sind gut bei Vater und Mutter aufgehoben, desto eher können sie ihr Kindsein ausleben und sich neugierig all dem widmen, was die Welt zur Verfügung stellt. Die Chance für die Kinder – das ist das Wesentliche an der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern.
Dann gibt es des Weiteren den Blick auf die Eltern selbst. Auch für Mütter und Väter selbst kann die Erziehungspartnerschaft ein Gewinn sein. Dort, wo die Zusammenarbeit gut funktioniert, kann sie Unterstützung in einem anspruchsvollen Familienalltag sein. Es gibt viele Rollen bzw. unterschiedliche Beziehungsangebote, die der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zugrunde liegen können und so zu einer eher sachlich-distanzierten Partnerschaft, zu einer persönlich-freundlichen Kooperation, einer teamorientierten Zusammenarbeit führen oder in eine durch Beratung und Unterstützung geprägte Beziehung münden. Wichtig ist es, den Eltern zumindest mit Respekt zu begegnen.
Und: Für die Kita kann es eine Entlastung sein, wenn die Eltern wissen, sie können ihre Ressourcen – nicht monetärer Art, das kann auch sein – aber insbesondere ihre Begabungen und Stärken mit in die Kita einbringen.
Haben Sie denn die Erfahrung gemacht, dass Fachkräfte gesagt haben, die Zusammenarbeit mit Eltern sei schwierig und sie wären lieber in der Ausbildung besser darauf vorbereitet worden?
Ich bin wenig damit konfrontiert worden, dass KollegInnen gesagt haben, es wäre gut gewesen, besser in der Ausbildung darauf vorbereitet gewesen zu sein. Ich bin eben auch der Meinung – die theoretische Grundlage ist eine Wichtige, aber viel entscheidender ist die kontinuierliche Reflektion der eigenen Praxis – und das ein (Berufs-)leben lang. Und so habe ich schon den Eindruck, dass viele Fachkräfte merken, dass man das ganze Leben dazu lernt, eben auch durch die Praxis und möglicherweise gerade dann am meisten, wenn es schwierig wird. Aber natürlich gehört das Thema in der Ausbildung – ob an der Fachschule oder im Studium – notwendig dazu. Was in der Ausbildung geschieht, ist ja vielfach wie eine Saat, die im Kontakt mit der Wirklichkeit gefordert ist, aufgeht und sich entwickelt. Und gut, wenn es dann gute Fortbildung, Supervision oder Coaching gibt, das dieses Lernen und Entwickeln begleitet.
Dass die Zusammenarbeit schwer ist, wird allerdings gerne vorgetragen, wobei "schwer" ein zwiespältiger Begriff ist. "Schwer" kann es werden, wenn Eltern sich überhaupt nicht interessieren. "Schwer" kann es aber auch sein, wenn Eltern sich – aus der Perspektive der Fachkräfte – zuviel interessieren. Ich finde, es ist egal, wer da kommt, ob er sich sehr interessiert oder eher die Haltung hat: "Ich gebe mein Kind in eure Verantwortung und ich freue mich, wenn ihr mich informiert, aber mehr muss es gar nicht sein". Als professionelle Fachkraft hat man die Verantwortung, sich auf die jeweiligen Eltern individuell einzustellen. Nicht die Eltern sollen passend gemacht werden, damit sie alle gleich sind und zur Kita passen. Die Eltern sollen genau wie die Kinder unterschiedlich bleiben. Darauf muss man sich als Fachkraft einstellen, stets mit Blick darauf, was für die Kinder notwendig ist. Und das ist eine Herausforderung, die durchaus anstrengend ist, aber auch sein darf.
Was sind die Voraussetzungen einer gelingenden Erziehungs- und Bildungspartnerschaft?
Es geht immer um die Haltung, damit meine ich: den Eltern mit Respekt und Wertschätzung begegnen, vorurteilsbewusst und dialogbereit sein sowie die Bereitschaft zur Selbstreflektion einbringen. Das heißt damit auch: eine Fachkraft muss keinen riesigen Methodenkoffer haben. Methoden helfen zwar, gar keine Frage, aber das allererste wäre aus meiner Sicht die Arbeit daran, jedem Elternteil mit Respekt zu begegnen; und das ist schon ein echter Anspruch und eine aktive Leistung, die man nicht unterschätzen darf. Wenn man sein Gegenüber z. B. nicht nur im übertragenen Sinne sondern im wahrsten Sinne des Wortes "nicht riechen" kann, dann ist die Zusammenarbeit schon eine Herausforderung. Aber vielleicht hilft dann dieses Bild: Jeder Mensch, der einem anderen Menschen Leben geschenkt hat - und das haben Mütter und Väter - verdient Respekt und Wertschätzung durch die MitarbeiterInnen.
Fachkräfte sollten sich ihrer Vorurteile bewusst sein; wirklich vorurteilsfrei zu sein schafft wohl niemand. Aber man sollte eine vorurteilsbewusste Haltung haben, um in dem Anderen auch seine "Schätze" zu entdecken: "Was kann mein Gegenüber, was ich möglicherweise nicht kann, was hat er und sie für Ressourcen, in seinem Leben zurechtzukommen, den Alltag zu gestalten und für seine Kinder da zu sein? Welche Stärken hat dieser Mensch? Wie können sie für die Kooperation und für die Kita von Gewinn sein?" Wichtig ist auch eine dialogische Haltung, das heißt, sich auf jemanden einzulassen. Das finde ich für studierte Fachkräfte noch einmal unter folgendem Aspekt besonders interessant: Wenn ich nämlich studiert habe, drücke ich mich vielleicht nicht immer in einer Form aus, die jeder versteht. Wir AkademikerInnen haben schon oft eine eigene Sprache. Das heißt, ich muss meine Fachsprache und mein Wissen übersetzen und mich ggf. mit den anderen KollegInnen im Team beraten. Vielleicht finden gerade diejenigen im Team, die keine akademische Ausbildung haben, die richtigen Worte und die richtige Sprache, um dem Gegenüber, in dem Fall den Eltern, zu begegnen. Ich schätze daher multiprofessionelle Teams sehr; nicht nur von ihren unterschiedlichen Ausbildungsperspektiven her, sondern weil Vielfalt und Diversität als Chance genutzt werden können. Der Blick auf die Welt wird reicher und das bereichert die pädagogische Arbeit in der Kita.
Was aus meiner Sicht ganz selten in der Ausbildung – und das auch an Hochschulen – in den Blick genommen wird, ist ein Wissen um systemische Ansätze. Ich würde mich freuen, wenn das mehr gemacht würde. Systemisches Denken bedeutet grundsätzlich erst einmal ein offeneres Herangehen an die Wahrnehmung unserer Welt, d. h. meinen Blick und mein Verständnis von der Welt nicht als einzig mögliche zu sehen. Und: Die Dinge können auch anders sinnvoll sein. Z. B. "Mein Gegenüber meint es gut, es hat irgendeinen Sinn, was er sagt. Ich verstehe es vielleicht überhaupt nicht, aber es hat irgendeinen Sinn für ihn." Und sich dann damit auseinanderzusetzen. Das bedeutet gleichzeitig, neugierig auf sein Gegenüber zu werden; es ist eine immer wieder neue Forschungsfrage: "Wer ist mein Gegenüber? Was hat er gemeint? Warum könnte sie das so machen?". An der Stelle geht es nicht anders, als sein Gegenüber zu akzeptieren, wie es ist, um es besser verstehen zu können.
Es wird sehr schnell deutlich, dass man am ehesten eine solche Perspektive einnehmen kann, wenn man zunächst einmal eine Idee davon hat, wie man selbst auf die Welt schaut. D. h. ein wichtiger Baustein der Ausbildung und des lebenslangen Lernens in diesem Beruf ist es, sich mit seiner eigenen Biografie und der eigenen Person auseinanderzusetzen, z. B. sich mit der Frage auseinanderzusetzen: "Wie möchte man selbst als Elternteil behandelt werden?" oder "Wie wurden die eigenen Eltern erlebt?" Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie berührt dann auch Fragen der Gesprächskultur, Formen, wie man Gespräche führen kann, auch über Formen, wie man der eigenen Wahrnehmung begegnen kann und wie man nonverbal auftritt. Es gibt ja vielfältigste Möglichkeiten, dem Gegenüber zu signalisieren, dass man nicht an dem interessiert ist, was er gerade macht oder sagt. Es geht also um eine bewusste Gestaltung auf dieser Ebene. Ich bin der Überzeugung, das hilft nicht nur den Eltern anders und für alle Beteiligten mit höherer Zufriedenheit zu begegnen, sondern es hilft auch in der Begegnung mit den Kindern. Dazu gehört auch, sich fachlich mit den Lebensbedingungen und Themen von Familien auseinanderzusetzen. Familien sind so unterschiedlich, was die Lebensbedingungen betrifft. Wie gelingt es Familien ihren Alltag zu gestalten, wie gelingt "Doing Familiy"?
Für wichtig erachte ich es auch, dass die Fachkräfte etwas über die rechtliche Grundlagen wissen. Denn dann wird deutlich, wie sehr diese rechtlichen Grundlagen in die konkrete Gestaltung der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft hineinwirken. Denn anders als im Schulbereich geben in der Kita die Eltern den Auftrag, d.h. die Kita und ihre Fachkräfte sind in ihren Diensten tätig. Das ist ein anderer Blickwinkel, als wenn man als Lehrperson eine hoheitliche Aufgabe hat, wie sie im Schulbereich durch den Staat erteilt wird. Es geht also darum: "Was sind die Grundlagen dieser Partnerschaft? Worauf basiert mein Auftrag, für den ich Verantwortung trage."
Die frühpädagogischen Studiengänge haben den Anspruch, sich in einer reflektierten Weise mit den für die Frühpädagogik bedeutsamen Themen auseinanderzusetzen. Und bei der Frage nach bedeutsamen Themen wird eben sehr schnell deutlich, dass das A und O letztendlich die Familie ist. Das Kind kommt nicht als Souverän daher, sondern quasi mit der ganzen "Familiengeschichte". Die Kooperation mit den Eltern wird umso bedeutsamer sein, je jünger die Kinder sind. Ich vermute, durch den Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige im Westen, was ja im Osten schon länger der Fall ist, nimmt auch die Reflexion über diese Themen zu. Die Eingewöhnungsphase ist z. B. eine große Chance für die Gestaltung einer längerfristigen Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Diese Zeit ist für die Kooperation der Erwachsenen sehr bedeutsam, gerade wenn die Kinder noch nicht sprechen können. Das Kind kann nicht selber berichten und man hat keine Indizien um festzustellen, wie gut es ihm wirklich geht. Man ist als Erwachsener also darauf angewiesen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Aufgrund der Entwicklung, dass zunehmend mehr Kleinstkinder die Kita besuchen, kann ich mir vorstellen, dass das Thema Erziehungspartnerschaft an Bedeutung gewinnt.
Damit sehe ich – durch den Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige – auch eine große Chance für den Bedeutungszuwachs gelingender Erziehungs- und Bildungspartnerschaften. Ich selber habe die Wichtigkeit des Themas für Eltern auch durch meine Arbeit in der Erziehungsberatung erlebt. Es gilt daher für alle an guter Fachpraxis Interessierten, dem Thema "Zusammenarbeit mit Eltern" mehr Bedeutung und Raum zu geben.