
Prof. Dr. Marita Schocker-von Ditfurth ist Projektleiterin des Fern-/Kontaktstudiengangs „E-LINGO – Didaktik des frühen Fremdsprachenlernens“ an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie hat den Studiengang, der Lehrkräfte für den Sprachunterricht im Vor- und Grundschulalter in Englisch oder Französisch ausbildet, zusammen mit zwei Kollegen von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und von der Universität Gießen entwickelt.
Warum ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, den Fremdsprachenerwerb schon in der KiTA zu fördern?
Der Europarat empfiehlt, dass jeder europäische Bürger drei Sprachen sprechen können soll – die Herkunftssprache, eine Minderheiten- oder Nachbarschaftssprache und Englisch. Als Lingua Franca ist das Englische ein Teil der Literalität eines jeden Menschen, die heute neben Lesen, Schreiben und Rechnen zu dem gehört, was Kinder können sollen. Ein Kollege hat das deshalb als „vierte Kulturtechnik“ bezeichnet. Je früher man damit beginnt, die Kinder daran zu gewöhnen, umso besser. Es gibt Studien, die belegen, dass eine Sprachentwicklung in einer weiteren Sprache nicht dazu führt, dass es die Muttersprachentwicklung stört, im Gegenteil: Sie profitieren voneinander. Leider gehen viele immer noch von einem monolingualen Verständnis von Unterricht aus, dies ist weder zeitgemäß, wenn wir die sprachliche Vielfalt unserer Kinder betrachten, noch sinnvoll, wenn wir an das Lernpotenzial denken.
Natürlich ist ein diesem besonderen Sprachlernniveau angemessenes und spezifisches Lehrangebot Voraussetzung dafür, dass der frühe Fremdsprachenerwerb erfolgreich verläuft. Im deutschsprachigen Raum kann man grob zwei Modelle unterscheiden. Das häufigste lässt sich als Kursmodell beschreiben: Die Kinder werden in Minilektionen unterschiedlicher Länge, die über die Woche verteilt sind, unterrichtet. Diese sind in die täglichen Routinen eines Kindergartens integriert und werden von Vorschullehrkräften unterrichtet. Wie effizient dieses Sprachlernangebot ist, hängt natürlich davon ab, wie qualifiziert die Lehrkräfte sind. Die wenigen vorliegenden Studien belegen jedoch den Enthusiasmus der Kinder, ihre positive Einstellung den Lernaufgaben gegenüber wie auch ein beginnendes Bewusstsein über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprachen und wie man diese lernen kann. Auch die Rückmeldungen der Eltern lassen darauf schließen, dass die Kinder von den Minilektionen nicht überfordert sind, wobei natürlich dieser Bereich noch näher erforscht werden muss. Das zweite Modell ist das sogenannte „Immersionsmodell“, bei dem die Kinder in eine Art Sprachbad getaucht werden: Eine Person im Kindergarten kommuniziert ausschließlich in der Fremdsprache, sagen wir Englisch, mit ihnen. Englisch wird also auch in der alltäglichen Kommunikation im Kindergarten verwendet, beispielsweise während des gemeinsamen Frühstückens oder in den Spielphasen. Bei beiden Ansätzen gilt, dass der personale Bezug sehr wichtig ist. Auch, dass man die Kinder ständig motiviert, ermutigt, dass sie positives Feedback bekommen. Es ist wichtig, dass die Lehrperson im Englischen bleibt. Das ist aus unserer Erfahrung auch problemlos möglich, da alles spielerisch abläuft. Die Kinder gewöhnen sich schnell an eingeführte Routinen. Für die meisten Kinder, die Spaß am Experimentieren haben, ist das ganz natürlich, wenn sie in der Zielsprache miteinander interagieren, insofern die Lehrkräfte natürlich und selbstverständlich mit der Situation umgehen.
Was lernen Ihre Studierenden speziell im Hinblick auf den frühen Fremdsprachenerwerb?
Der frühe Fremdsprachenunterricht ist ein spezifisches Sprachlernangebot, das sich komplett von dem unterscheidet, wie Fremdsprachlehrkräfte für die Sekundarstufe oder für das Erwachsenenlernen qualifiziert werden. Als wir „E-LINGO“ entwickelt haben, gingen wir deshalb wie folgt vor: Wir haben zum einen recherchiert, welche Erkenntnisse die Professionswissensforschung und die Ausbildungsforschung ermittelt hat, um die Ausbildungsprozesse so zu organisieren, damit Menschen sich zu qualifizierten Lehrkräften und ganz speziell Fremdsprachenlehrkräften entwickeln können. Zum anderen haben wir uns gefragt, was man bereits über die speziellen Vermittlungskompetenzen weiß, die Lehrkräfte für frühes Fremdsprachenlernen benötigen, sprich: Ein Berufsfeldbezug hatte oberste Priorität für uns. Wir haben deshalb die Fremdsprachendidaktik als Basiswissenschaft genommen, also Vermittlungswissen und -kompetenzen in den Vordergrund gestellt und nicht die traditionellen Bezugswissenschaften, also die Sprachwissenschaften, Literaturwissenschaften, Kulturwissenschaften. Um ein Beispiel zu geben: Wir müssen uns fragen, was Sprachvermittler können müssen, um beispielsweise Geschichten effektiv unterrichten zu können. Oder was sie wissen müssen, um bei den Kindern interkulturelle, kommunikative Kompetenzen zu entwickeln. Dieses Vermittlungswissen war die inhaltliche Basis unserer Studienbriefe. Zweitens müssen die AbsolventInnen eine flexible, realitätsnahe, alltagssprachliche Zielsprachenkompetenz entwickeln. Einer der Gründe dafür, dass der frühe Fremdsprachunterricht der Kritik ausgesetzt war, lag schlichtweg daran, dass viele Lehrkräfte für diese spezifische Sprachlerngruppe nicht entsprechend qualifiziert sind, auch sprachlich nicht. Wir fördern diese Zielsprachenkompetenz über den ganzen Verlauf des Studiums auch integriert, unter anderem deshalb findet er komplett auf Englisch statt. Das heißt, auch der ganze Diskurs findet auf Englisch statt, damit die Studierenden eine Routine und eine Selbstverständlichkeit im Gebrauch der Zielsprache entwickeln können. Der dritte Punkt, quasi das Herzstück des Studiengangs, ist das Prinzip des „forschenden Lernens“. Wir leiten die Studierenden im Team dazu an. Konkret heißt das, dass sie gemeinsam ein Sprachlernangebot für die Gruppe, mit der sie arbeiten, planen. Diese Gruppe kann im Kindergarten oder an einer Grundschule, beispielsweise, angesiedelt sein. Sie führen ihr Unterrichts-Projekt durch, dokumentieren ihre Erfahrungen, beispielsweise durch Videografien und Forschungstagebücher und erheben auch die Perspektive der Kinder und beteiligter teilnehmender KollegInnen. Dann werten die Studierenden gemeinsam ihre Erfahrungen aus und stellen sie während der Präsenzphase in Freiburg gemeinsam im Team vor, sprich: Sie reflektieren ihre praktische Erfahrung und zeigen, was sie aus dieser praktischen Erfahrung gelernt haben. Das Interessante ist, dass die Studierenden an verschiedenen Orten der Welt unterrichten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, der Schweiz, Irland, Italien oder Kanada, beispielsweise. Der Austausch findet über eine eigens konzipierte, sehr einfach zu handhabende Lernplattform statt und ist völlig unproblematisch, auch dank der intensiven Betreuung durch unsere Lehrenden. Die Theorie wird aus der praktischen Erfahrung weiterentwickelt, was immer sehr anschaulich und konkret ist. Wir gehen immer von der Praxis aus, also von dem, was die Studierenden als Erfahrungen in ihren jeweiligen Sprachlernkontexten mitbringen. Die sind sehr heterogen, je nachdem ob es um Vierjährige geht oder Grundschulkinder in der dritten Klasse, beispielsweise. Die Studierenden lernen deshalb von Anfang an, die Sprachlernkontexte ernst zu nehmen und sie als wichtige Dimension in ihre Unterrichtsplanung und –reflexion einzubeziehen. Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, wie die Studierenden sich von ihrem ersten Unterrichtsexperiment bis zum letzten entwickeln. Ein weiteres wichtiges Element unseres Studiengangs ist schließlich eine umfangreiche Videodatenbank mit Unterrichtsbeispielen aus Kindergarten und Grundschule, die wir über mehrere Jahre aufgebaut haben. Dabei handelt es sich um kontextualisierte Videodateien, d.h. der Unterricht ist verlinkt mit der Perspektive der Lehrkraft und der Rückmeldung der Kinder. Auch das gesamte Unterrichtsmaterial, auf dem die Stunden basieren, kann abgerufen werden. Zudem sind die Videodateien verschlagwortet nach Schwerpunkten der unterrichtlichen Arbeit, also beispielsweise Einstiege, Feedbackstrategien oder storytelling-techniques, beispielsweise. Wir haben die Videodateien außerdem mit Reflexionsaufgaben verbunden. Damit ermöglichen wir – neben den Klassenforschungsprojekten – eine umfangreiche Praxiserfahrung, obwohl es sich um einen Blended Learning Studiengang handelt. Wir haben das drei Jahre erprobt, bevor wir akkreditiert wurden und die positiven Rückmeldungen der Studierenden bestätigen, dass uns dies gelungen ist.
Wo liegt der didaktische Unterschied in der Vermittlung von Fremdsprachenkenntnissen an Kinder unter sechs Jahren oder in der Grundschule und Kinder, die bereits eine weiterführende Schule besuchen?
In der Grundschule orientiert sich das Lernen an Inhalten, die für die Kinder bedeutsam sind und die Mündlichkeit – Hörverstehen und Interaktion – stehen im Vordergrund. Die Kinder dürfen mit der Sprache experimentieren, das alles machen sie spielerisch und in Gruppen. Da die Aufmerksamkeit der Kinder nicht überstrapaziert werden darf, bedarf es viel Abwechslung in den angebotenen Aktivitäten. Wie eingangs bereits auf den Kindergarten bezogen gesagt, sind auch hier Routinen sehr wichtig, wie vor allem auch der personale Bezug zu der Lehrkraft entscheidend ist, um die Kinder zu motivieren, ihnen das Gefühl zu geben, schon viel mit der Sprache tun zu können, sie immer wieder zu ermutigen. Es macht extrem viel Freude, mit dieser spezifischen Lerngruppe zu arbeiten …
Die Raupen und die Schmetterlinge sitzen im Kreis – it's "circle time". Nein, keine Szene aus einem bekannten Zeichentrickfilm, sondern früher Vormittag in einem bilingualen Kindergarten, der Kay International Pre-School in Bonn. Die 3-4 Jährigen "caterpillars" (Raupen) und die 5-6 Jährigen "butterflies" (Schmetterlinge) wissen ganz genau, was jetzt zu tun ist: Wer den bunten Zauberstab in die Hand bekommt, darf herum gehen und eine kleine Aufgabe lösen – zum Beispiel die boys und girls zählen. "One, two, three, four …" Anna, 4 Jahre, macht das vorbildlich, nur sich selbst hat sie am Ende in die Rechnung nicht mit einbezogen. Als Karen, Pre-School Teacher aus England, die Wochentage abfragt, schnipsen viele Finger. Schließlich haben die Kinder schon oft das Wochentage-Lied gesungen und kennen sich daher aus. Danach gibt Philipp, 5 Jahre, nach einem Blick aus dem Fenster die Wetterlage durch, leider ist es ziemlich "cloudy", stellt er fest. Bunt ausgemalte Buchstaben, eine große Weltkarte, Bilder und Figuren zum aktuellen, wechselnden Thema "Ocean" hängen an den Wänden und geben dem grauen Tag Farbe.
"Die Kinder lernen spielerisch", erklärt mir Debby, Karens Kollegin und Gruppenleitung. Kleine Rituale wie das Zählen, der Wetterbericht, das Wochentage-Lied oder andere Singeinlagen helfen dabei. Druck ist fehl am Platz. Wie Debby und Karen sind alle Mitarbeiterinnen der Einrichtung Muttersprachler und kommunizieren nur in Englisch mit den Kindern. "Where are your glasses?" fragt die Lehrerin Paul, worauf ein promptes "at home" folgt.
In kleinen Gruppen lernen die Kinder Buchstaben und erste Wörter zu schreiben und machen Zahlenspiele. Dafür hat jedes Kind eine Mappe, in der sich Übungsblätter befinden. Abgebildet sind dort beispielsweise verschiedene Tiere, bei denen die Kinder herausfinden müssen, welche davon mit demselben Anfangsbuchstaben beginnen. Die Jüngsten malen Figuren nach, die wie Buchstaben aussehen, was ihre Feinmotorik übt und ein Gefühl für Formen mit sich bringt. Und wenn die Lehrerinnen Geschichten von "Annie Apple" und anderen Charakteren vorlesen, bekommen Buchstaben für die Kinder ganz schnell einen Charakter und eine Gestalt. Auch Reime fördern das Sprachgefühl der Kinder und legen den Grundstein für den Schriftsprachenerwerb: "The cat is on the mat in the flat". Natürlich gibt es dazu eine passende Zeichnung. Die Kinder malen auch kleine Bildergeschichten, was sie zum Beispiel an einem "sunny day" machen würden. Das sollen sie dann auf Englisch erzählen.
Wie lernen Kinder eine Fremdsprache?
In der Regel kommen die Kinder mit drei Jahren in die Pre-School. Es gibt jedoch auch Kinder, die erst mit fünf Jahren eintreten, weil sie sich in ihrem bisherigen Kindergarten langweilen und einen zusätzlichen Input brauchen. 95 Prozent der Gruppen machen deutsche Kinder aus, die Englisch von Grund auf lernen.
"Es passiert vom Ansatz her wie das Erlernen der Muttersprache, sehr visuell und taktil, nicht auf einer abstrakten Ebene, sondern immer konkret, eben wie eine Mutter ihrem Kind das Sprechen beibringt", sagt Dr. Helga Kay, Leiterin und Mitbegründerin der Kay International Pre-School. "Man muss das sehr praktisch machen, d.h., das Kind an die Hand nehmen – das erste Thema für ein neues Kind, was hierher kommt, ist immer: 'Ich und mein Umfeld, ich und meine Pre-School'. Das Kind muss die Abläufe kennen lernen. Das sind kleine Alltagsdinge, wie zum Beispiel: 'Wie funktioniert die Toilette, wie wasche ich mir die Hände etc.', eben der ganze Tagesablauf. Das geschieht alles visuell, mit Mimik, Gestik, mit sehr viel Körpersprache, also im Sinne von 'Total Physical Response'. Für die kleinen Kinder ist das sehr wichtig, die transferieren das dann in ihre eigene Sprache. Wir arbeiten nicht mit Übersetzungen, wir übersetzen also nicht: 'Das ist das Waschbecken', sondern sagen es direkt auf Englisch und zeigen darauf, so dass das Kind das sofort aufnimmt.
Neuankömmlinge nehmen erst einmal rezeptiv auf, sie verstehen einiges, können Sprache vielleicht reproduzieren, aber noch nicht produzieren. Das aktive Produzieren dauert länger, je nach Kind, da gibt es große Unterschiede. Ich glaube auch an ein angeborenes Sprachentalent. Man kann nicht sagen, dass alle Kinder gleich schnell eine Fremdsprache lernen. Wir haben durchaus auch Fälle gehabt von Kindern, die vier Jahre hier waren und immer noch schlecht Englisch konnten, weil ihnen einfach das Sprachenlernen nicht liegt. Und dann haben wir andere Kinder gehabt, die mit fünf Jahren zu uns gekommen sind und die nach einem Jahr perfekt Englisch gesprochen haben."
Vorteile der bilingualen Erziehung
"Im Zeitalter der Globalisierung muss man, glaube ich, nicht mehr darüber nachdenken, wie wichtig Englisch ist. Das Zeitfenster für den Zweitspracherwerb liegt zwischen drei und acht Jahren", erklärt Frau Dr. Kay. "Die Kinder lernen die Fremdsprache auf eine ganz natürliche und authentische Art und Weise. Die Kinder haben eine sehr gute Aussprache und sind empfänglich für Sprache – und das setzt sich dann fort im Schulischen. Die Kinder sind in zwei Sprachen und Kulturen zuhause, und das kann ja nur von Vorteil sein für den weiteren Werdegang. Wenn man sich Länder wie Holland oder Schweden anschaut, dann ist das gang und gäbe, dass die Kinder dort mit zwei, drei Sprachen aufwachsen."
In erster Linie schicken Eltern ihre Kinder in die Einrichtung, die in einem internationalen Konzern arbeiten, gebildet und viel mit englischer Sprache konfrontiert sind. Aus diesem Grund ist ihnen der frühe Fremdsprachenerwerb ihrer Kinder wichtig. Viele Kinder sollen nach dem Kindergarten auch auf internationale Schulen gehen und das Baccalauréat (Abitur) machen. Der Besuch einer bilingualen Pre-School ist daher für sie der logische erste Schritt.
"Eine englische Pre-school ist nichts Elitäres", betont Dr. Kay. "Weil wir eine private Einrichtung sind, ziehen wir natürlich Eltern an, die finanziell etwas besser gestellt sind. Aber wir haben auch durchaus Eltern und alleinerziehende Mütter, denen das so wichtig ist, dass sie woanders sparen, um ihren Kindern das zu ermöglichen." Gründe dafür, warum sich das bilinguale Konzept noch nicht flächendeckender durchgesetzt hat, vermutet Dr. Kay in fehlendem Fachpersonal, die das Konzept umsetzen können sowie in mangelnden Geldern bei den Einrichtungen. "Um das so zu machen, braucht man muttersprachliche ErzieherInnen oder welche, die die Sprache aus anderen Gründen perfekt können. Ich rede nicht von akademischem Englisch, sondern das muss die Alltagssprache eines Dreijährigen umfassen."
Als ich vom Interview zurückkomme und den Pre-School-Kindern "Good-bye" sagen möchte, ist es ganz still in den Räumen. Aber von draußen höre ich gedämpften Lärm. Die Raupen und Schmetterlinge tummeln sich nämlich gerade da, wo Raupen und Schmetterlinge nun mal am liebsten sind – im Garten.