30.04.10
Rolf Janssen gibt einen bundesweiten Überblick über das Ausbildungs-System im Feld der Frühpädagogik. Im Interview mit WiFF resummiert er die Ergebnisse der Expertise. Der Autor ist Experte für sozialpädagogische Ausbildungen.
Die Ausbildung des frühpädagogischen Personals in der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland hat sich sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Zusätzliche Aufgaben und Arbeitsfelder mussten berücksichtigt werden. Berufsbilder kamen hinzu. In Rahmenvereinbarungen der Kultusministerkonferenz wurden neue Zugangsvoraussetzungen, Inhalte und didaktische Konzepte vereinbart.
Rolf
Janssen untersucht die veränderten Anforderungen an die Ausbildungen im frühpädagogischen Feld unter Berücksichtigung der nationalen und gesamteuropäischen Perspektive. Das System der nach Länderrecht geregelten Ausbildungen von frühpädagogischen Fachkräften an Berufsfachschulen und Fachschulen wird in der Expertise dargestellt und die Veränderungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ausbildungen an Berufsfachschulen und Fachschulen im Ländervergleich analysiert.
Wenn Sie die Expertise kostenfrei beziehen möchten, schreiben Sie bitte eine E-Mail an
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Rolf Janssen im Interview mit WiFFWiFF: Herr
Janssen, Sie haben umfangreiche und aufschlussreiche Daten über die Ausbildungen an Berufsfachschulen und Fachschulen recherchiert. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Ergebnisse?
Rolf Janssen: In diesen Bildungsgängen werden in Deutschland frühpädagogische Hilfs- und Fachkräfte ausgebildet, die den quantitativen Kern des Personals in Kindertageseinrichtungen und anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ausmachen. Es sind allesamt Ausbildungen nach Länderrecht. Die Recherche zeigt deutlich, in 16 Bundesländern gibt es 16 Varianten der Kinderpflege -, der Sozialassistentinnen- und der Erzieherinnen-Ausbildung. Alle wesentlichen Parameter der Ausbildungen sind unterschiedlich, Zugangsvoraussetzungen, Aufbau und Umfang, Ausbildungskonzepte und Prüfungsmodalitäten.
Als Fazit wird deutlich, dass trotz entsprechender Rahmenvereinbarungen der Kultusminister Kirchturmdenken vorherrscht. Jedes Land ist bedacht auf eigenständige Konzepte. Das ist nicht nur ein Ärgernis für Bewerberinnen und Bewerber, die diese Unterschiede hinzunehmen haben. Es ist auch ein Hindernis für die Qualitätsentwicklung der Ausbildungen. Die Ausbildungen könnten allesamt optimiert werden, wenn es gelänge, innovative Kräfte, die in allen Länder vorhanden sind, zu bündeln.
WiFF: Die Fachschulausbildung in Deutschland hat eine lange Tradition und unterschiedliche Reformphasen durchlaufen. Ist die jetzige Fachschulausbildung zur Erzieherin noch zeitgemäß, oder sind weitere Reformen erforderlich?
Rolf Janssen: Seit mehr als 150 Jahre werden Kindergärtnerinnen in Deutschland ausgebildet, mehr als 100 Jahre auch in öffentlicher Hand. Aus ersten Einführungskursen in caritative Betreuungsaufgaben entwickelte sich eine dreijährige Ausbildung mit staatlichem Abschluss an mittlerweile über 400 Fachschulen und Fachakademien. Hundertausende so ausgebildeter Erzieherinnen und Erzieher arbeiten in der Kinder- und Jugendarbeit. Es gibt im Moment und auf mittlere Sicht keinen Ersatz durch höherwertige Ausbildungsmöglichkeiten.
Wenn also die Qualität der sozialpädagogischen Arbeit dieser Berufsgruppe gesteigert werden soll – und das wird von allen gewünscht – müssen Ausbildung und Weiterbildung verbessert werden. Stichworte in diesem Zusammenhang sind: Erhöhung und Harmonisierung der Zugangsvoraussetzungen, gemeinsamer Qualifikationsrahmen für die Ausbildung, Entwicklung eines Systems von Basis- und Spezialausbildungen in und nach der Fachschule, Stärkung der Ausbildung am Lernort Praxis durch Ausbildereignung und Ausbildungszeit für Praxisanleiterinnen, durchgängige Kompetenzorientierung von Ausbildung und Prüfung, gesicherte Anrechnung der Ausbildung für weiterführende Studiengänge an Hochschulen. Dies alles aber sollte am besten länderübergreifend geschehen.
WiFF: Innerhalb der letzen Jahre hat sich die Qualifizierungslandschaft erheblich verändert, frühpädagogische Fachkräfte werden nicht mehr nur an Fachschulen zur Sozialpädagogik zur Erzieherin ausgebildet sondern in unterschiedlichen Studiengängen an Hochschulen. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund den Stellenwert der Fachschulausbildungen ein?
Rolf Janssen: Eine Ausbildung auf nicht-hochschulischem Niveau gibt es in Westeuropa nur noch in Deutschland, Österreich und Malta. Allerdings bedeutet Akademisierung je nach Hochschulsystem noch nicht unbedingt eine Verbesserung der beruflichen Handlungskompetenz. Außerdem zeigen die derzeit in Deutschland angebotenen Studiengänge eine mindestens ebenso große inhaltliche Vielfalt wie die Ausbildungen an Fachschulen und Fachakademien.
Ich denke, wir haben einige wichtige Fragen zu klären, wenn wir in Deutschland die Hochschulausbildung von sozialpädagogischen Fachkräften, z.B. in Kindertageseinrichtungen, ernsthaft wollen: Welche berufliche Rollen/ Funktionen sollen die unterschiedlich ausgebildeten Fachkräften ausüben? Wie sieht es mit ihrer tarifliche Eingruppierung und Bezahlung aus? Erzieherinnen und Erzieher werden bescheiden bezahlt. Ist es realistisch, davon auszugehen, dass Akademikerinnen in Zukunft diese Arbeit zu diesen Konditionen tun werden?
Ich sehe eher eine andere Entwicklung. Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik bilden im Kern für den Gruppendienst in der Kinder- und Jugendarbeit aus. Für Leitungsfunktionen müssen in der Regel Zusatzausbildungen erworben werden oder eben zunehmend eine akademische Ausbildung.
WiFF: Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung der Fachschulausbildungen:
Welche Empfehlung würden Sie den Verantwortlichen im System geben?
Rolf Janssen: Die Ausbildungsstätten in Deutschland sind belastet mit einer Breitbandausbildung, die gleichermaßen für die Berufsarbeit in Kindertageseinrichtungen, Hilfen zur Erziehung, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, erzieherischen Kinder- und Jugendschutz, Eingliederungshilfen nach BSHG usw. qualifizieren soll. Sie sind belastet mit zusätzlichen und wechselnden Anforderungen an die Ausbildung in den letzten Jahre wie z.B. Verstärkung der Bildungsaufgaben in Kindertagesstätten, Sprachförderung, Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder unter 3 Jahren, sozialpädagogische Arbeit in Ganztagsschulen usw. Ich sehe aber nicht, wie in den einzelnen Bundesländern und besser noch von allen Bundesländern gemeinsam die notwendige Unterstützung für diese Aufgaben bereitgestellt wird.
Hier ginge es darum, endlich einen Konsens über Grund- und Zusatzausbildungen in und nach der Ausbildung herbeizuführen, es ginge um die Schaffung von entsprechenden Weiterbildungsmöglichkeiten für ausgebildete Fachkräfte, um Fortbildung der Lehrkräfte, um die schlichte Bereitstellung von Fachinformationen und Referenten z.B., die doch allesamt in den Jugendministerien der Länder vorhanden sind. Diese Unterstützung brauchten wir für die Fachschulen und Fachakademien in Deutschland und nicht nur in einzelnen Bundesländern.