Neue Expertengruppe „Elementardidaktik – Rolle der Fachkraft“ einberufen

15.06.10

Die Expertengruppe „Elementardidaktik - Rolle der Fachkraft“ tagte zum ersten Mal am 15.04.2010. Nach einem Austausch über die Arbeitsziele dieses Gremiums im Kontext des Gesamtprojektes folgt die Vorstellung und Diskussion des Dossiers von Regine Schelle, „Didaktik im Elementarbereich – Die Bedeutung der Fachkraft im frühkindlichen Bildungsprozess“.

In diesem Kontext werden die Begriffe „Selbstbildung“ und „Ko-Konstruktion“ und die damit verbundenen fachlichen Konzepte ausführlich debattiert. Eine polarisierende Gegenüberstellung dieser Begriffe – wie sie in manchen Diskursen der Elementarpädagogik propagiert wird – wird als fachliche Engführung eingeschätzt und daher abgelehnt. Die kindliche Selbstbildung kann nicht losgelöst vom Einfluss Erwachsener durch Vorbild, Anregung und lenkende Unterstützung betrachtet werden. Das Kind baut konstruktiv seinen Erfahrungs- und Fähigkeitsrepertoire auf. Dabei ist es unverzichtbar auf das Zusammenwirken mit dem Erwachsenen angewiesen.

Bei einer analytischen Betrachtung aus elementardidaktischer Perspektive kann unterschieden werden zwischen der Eigenaktivität des Kindes und den damit verbundenen Bildungsprozessen, die als Tätigkeit des Kindes immer schon „Selbstbildungsprozesse“ sind, und den bildungswirksamen, erzieherischen Aktivitäten der Erwachsenen, z.B. durch Umgebungsgestaltung, Zuwendung und anregende oder erklärende Instruktionen. Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, auf den separaten Begriff „Selbstbildung“ zu verzichten. Für den Part der Erwachsenen wird mit Bezug auf eine Publikation von Ludwig Liegle eine Differenzierung zwischen indirekter und direkter Erziehung vorgeschlagen.

Die Stichworte „Lernwerkstatt“ und „Projektarbeit“ regen intensive Gespräche über die  pädagogischen Möglichkeiten dieser Konzepte an. In einer Lernwerkstatt können Kinder Erfahrungen mit eigenständigem, forschendem, entdeckendem Lernen entlang einer Fragestellung machen und das „Lernen lernen“. Beispielsweise kann eine „Lernwerkstatt“ ein Funktionsraum mit offenen Angeboten sein, also ein Raum, der in Bereiche mit unterschiedlichen Schwerpunkten eingeteilt ist. Es gibt „Ecken“ für Naturwissenschaft, für Schriftsprache, Technik, Natur etc. Unter „Projektarbeit“ versteht man eine besondere Aktivität im Kindergartenalltag, bei der die Themen der Kinder bzw. Themen aus ihrer Lebenswirklichkeit von der Erzieherin aufgegriffen und ihnen zur intensiven Beschäftigung angeboten werden. In der Kombination der beiden Angebote wird eine besonders günstige Gelegenheit gesehen, den individuellen kindlichen  Entdeckungs-, Entfaltungs- und Gestaltungswünschen mit einem anregenden Material- und einem kognitiven Erklärungsangebot begegnen zu können. Die Wahlfreiheit der Lernangebote unterstützt das neugierig entdeckende Lernen, die subjektiven Erfolge steigern die intrinsische Motivation ebenso wie die Aufnahmebereitschaft für Erklärungen und weitere Anregungen.

Im Verlauf der Sitzung werden vier weitere Themengebiete angesprochen:

  • Das Thema „Kindheit“, das bei der Bearbeitung praktisch-pädagogischer Themen oft unerwähnt bleibt. Hierbei stehen nicht die individuellen Belange des einzelnen Kindes im Mittelpunkt, sondern – aus soziologischer, kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet – die Situierung des Subjektes im Kontext der Familie und der Umwelt. In  diesem Zusammenhang wird das Thema „Kindheit als gesellschaftlich institutionalisierte Lebensphase“ angesprochen.

  • Auf die didaktischen Erfahrungen aus der Grundschulpädagogik sollte bei den Überlegungen zu einer anregenden und förderlichen Wissensvermittlung nicht verzichtet werden, zumal es jenseits von Methoden der „schulischen Belehrung“ auch in der Grundschulpädagogik eine Reihe neuer Entwicklungen gibt. Sie müssten gezielt für frühpädagogische Fachkräfte verfügbar gemacht werden.

  • Neurobiologische, entwicklungspsychologische und erziehungswissenschaftliche Ergebnisse werden in den  „Kognitionswissenschaften“ zusammengeführt. Zu diesem Themenkomplex wird eine Expertise mit dem Titel „Zum Zusammenhang von Bindung und kognitiver Entwicklung. Implikationen der Bindungsforschung für eine frühkindliche Beziehungsdidaktik“ vergeben.

  • Auf mögliche Beiträge der Neurobiologie zur Elementardidaktik wird von einer Wissenschaftlerin dieses Fachgebietes hingewiesen. In der Aussprache wird betont, dass der Stellenwert des neurowissenschaftlichen Ansatzes für die Elementardidaktik präzisiert werden müsste.

Am Ende der Sitzung wird übereinstimmend festgestellt, dass noch viel Entwicklungsarbeit geleistet werden muss, bis eine Didaktik für den Elementarbereich ausgearbeitet ist. Diese Aufgabe wird die Expertengruppe bis zum Frühjahr 2011 beschäftigen. Die Ergebnisse werden in den „Wegweiser Weiterbildung – Elementardidaktik-Rolle der Fachkraft“ einfließen.