15.04.11
Die Teilnehmer der bislang größten Bildungsumfrage in der Bundesrepublik wünschen sich tiefgreifende Veränderungen im deutschen Bildungswesen und sehen im Bereich Schule den größten Reformbedarf. Drei Viertel von ihnen sind bereit, für ein besseres Bildungssystem höhere Steuern zu zahlen. Das geht aus der Bürgerbefragung "Zukunft durch Bildung - Deutschland will's wissen" hervor.
Fast eine halbe Million Menschen hatte bei der Online-Umfrage mitgemacht, die von der Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants, der Bertelsmann Stiftung sowie den Tageszeitungen Bild und Hürriyet initiiert worden war. 130.000 von ihnen füllten den umfangreichen Fragebogen komplett aus.
Kritik entzündet sich den Ergebnissen der Umfrage zufolge vor allem am Bildungsföderalismus. Neun von zehn Befragten monieren die unterschiedlichen Lehrinhalte in den einzelnen Bundesländern und treten für bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen ein. Zugleich ist eine überwältigende Mehrheit der Ansicht, der Politik fehle es beim Thema Bildung an Mut zur Veränderung.
Die Teilnehmer sprechen sich für einen verbindlichen Kita-Besuch, für das gemeinsame Lernen mindestens bis zur sechsten Klasse und für eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz aus. Ihrer Ansicht nach sollten Kita- und Schulbesuch kostenfrei sein, eine knappe Mehrheit ist für Studiengebühren. Das bevorzugte Schulmodell ist die Ganztagsschule.
Einige Teilnehmer der Bürgerbefragung hatten Gelegenheit, das Thema Bildung und die Ergebnisse der Umfrage mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan zu diskutieren. Auf Einladung der Initiatoren traf die Ministerin am Mittwoch rund 30 Bürger aus ganz Deutschland, die an der Befragung teilgenommen hatten. "Bildungspolitik braucht einen langen Atem", sagte Annette Schavan in der Diskussionsrunde in Berlin - gerade angesichts der für Deutschland zentralen Herausforderung, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Die Ministerin unterstrich die Bedeutung einheitlicher Bildungsstandards und wünschte sich auch einheitlichere Bildungspläne und Curricula.
Umfrage-Ergebnisse im Überblick:Bildung und Ausbildung haben einen hohen StellenwertDie überwiegende Mehrheit der Umfrage-Teilnehmer weist Bildung eine große Bedeutung zu. Knapp zwei Drittel der Befragten bezeichnen "gute Bildung" bzw. eine "gute Ausbildung" für sich persönlich als "außerordentlich wichtig". Mit zunehmendem Bildungsniveau und steigendem Einkommen macht sich diese Einschätzung immer stärker bemerkbar.
Mehr Einheitlichkeit im deutschen Bildungswesen92 Prozent sprechen sich für einheitliche Abschlussprüfungen in ganz Deutschland aus. Die Konkurrenz zwischen den Bundesländern wird als nicht förderlich für eine höhere Qualität des Bildungssystems angesehen. Die Kritik am Bildungsföderalismus wird von fast allen Teilnehmern der Befragung geteilt, unabhängig von Alter oder Bildung.
Mehr Geld für gute BildungFast drei Viertel der Befragten (73 Prozent) würden für ein besseres Bildungssystem auch höhere Steuern in Kauf nehmen. Zugleich fordert die Mehrheit der Teilnehmer kostenfreie Plätze in Krippen und Kindertagesstätten (67 Prozent) sowie weiterhin eine kostenfreie Schulbildung. Studiengebühren werden hingegen von einer knappen Mehrheit (52 Prozent) akzeptiert, wobei sich der weitaus größte Teil davon für einkommensabhängige Gebühren ausspricht.
Der größte Handlungsbedarf liegt im Bereich SchulenDie Schule hat für eine klare Mehrheit der Umfrageteilnehmer erste Priorität, wenn es um Investitionen im Bildungsbereich geht. Rund 70 Prozent aller Befragten sehen hier einen zusätzlichen Investitionsbedarf. Auf den zweiten Platz der Prioritätenliste gehören für die Befragten zusätzliche Investitionen im frühkindlichen Bildungssektor.
Aufstieg durch BildungSozial Benachteiligten einen Aufstieg zu ermöglichen, ist eine Hauptaufgabe des deutschen Bildungssystems: Diese Ansicht vertritt der größte Teil der Befragen, vor allem diejenigen mit einem niedrigeren Bildungs- bzw. Einkommensniveau. Auffällig dabei: Fast ein Drittel aller Umfrageteilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund wünscht sich eine bessere Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien, während dies ansonsten nur ein verschwindend kleiner Anteil der Befragten befürwortet.
Mangelnde Reformbereitschaft der PolitikDie Bürger fordern von den Politikern mehr Mut zur Veränderung. Rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmer halten die Reformbereitschaft der Politik beim Thema Bildung für "gering" oder "sehr gering". Dagegen schneiden Lehrer deutlich besser ab: Ihnen traut noch über die Hälfte der Bürger Mut zur Veränderung zu. Zugleich werden jedoch mangelnde Leistungsanreize für engagierte Lehrer beklagt.
Strukturwandel notwendig: Kita-Pflicht, länger gemeinsam Lernen, mehr GanztagsschulenGroße Bedeutung messen die Befragten der frühkindlichen Bildung bei. Die überwältigende Mehrheit (87 Prozent) spricht sich für einen verbindlichen Kita-Besuch aus. Die größte Gruppe (41 Prozent) wünscht sich eine Kita-Pflicht für alle Kinder ab drei Jahren. Lediglich 13 Prozent sind gegen einen verpflichtenden Besuch von Kindergarten oder Kinderkrippe. Mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer plädieren für einen zeitlich späteren schulischen Wechsel auf die weiterführende Schule: Fast jeder Zweite stimmt für den Übergang nach dem sechsten Schuljahr. Der Ganztagsunterricht (in offener bzw. gebundener Form) stellt für etwa 80 Prozent der Befragungsteilnehmer die bevorzugte Organisationsform von Schule dar. Nur ein knappes Fünftel ist für die Beibehaltung der Halbtagsschule.
Knappe Mehrheit für bessere Ausstattung von Schulen in ProblemviertelnEtwas mehr als 50 Prozent der Teilnehmer sprechen sich dafür aus, Schulen in schwierigen Milieus und Problemstadtteilen finanziell und personell besser auszustatten als andere.
Noch keine Mehrheiten für umfassende InklusionIn der Frage nach dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne geistige oder körperliche Beeinträchtigung (Inklusion) scheiden sich die Geister: Neun von zehn Befragten sprechen sich für das gemeinsame Lernen von Kindern ohne Beeinträchtigung mit körperlich behinderten Kindern aus. Gleichzeitig kann sich mindestens jeder Zweite einen gemeinsamen Unterricht mit geistig behinderten oder verhaltensauffälligen Kindern nicht vorstellen. Besonders hoch ist die Skepsis in der Teilnehmergruppe mit türkischem Migrationshintergrund sowie bei Schülern.
Alle Ergebnisse der Online-Bürgerbefragung sowie Grafiken und Diagramme zum Downlaod.