Kompetenzorientierung in der Weiterbildung - Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte

Weiterbildungsinitiative
Frühpädagogische Fachkräfte - Durchlässigkeit und Kompetenzorientierung in der Aus- und Weiterbildung Pädagogischer Fachkräfte

 
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Kolloquium "Professionalisierung in der Kindertagesbetreuung"

In der aktuellen Debatte um die Qualität in der Kindertagesbetreuung wird häufig eine "Professionalisierung" in der Frühpädagogik gefordert. Was bedeutet das aus wissenschaftlicher Perspektive für das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung? Darüber haben in München Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bayerischer Hochschulen und Forschungsinstitute sowie Studierende der Kindheitspädagogik im Kolloquium "Professionalisierung in der Kindertagesbetreuung" diskutiert. Die Sitzungen wurden jeweils durch einen Kurzvortrag eröffnet, den die anwesenden Expertinnen und Experten diskutiert haben. Dazu zählen:

Dr. Sigrid Christeiner, Arbeitsgemeinschaft der katholischen Fachakademien in Bayern; Tina Friederich, WiFF; Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden, Universität Augsburg; Prof. Dr. Jens Kratzmann, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Prof. Dr. Helmut Lechner, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München; Pamela Oberhuemer, unabhängige Expertin; Prof. Dr. Helga Schneider, Katholische Stiftungsfachhochschule München; Dr. Gabriel Schoyerer, Deutsches Jugendinstitut; Prof. Dr. Roswitha Sommer-Himmel, Evangelische Hochschule Nürnberg; Prof. Dr. Claudia M. Ueffing, Hochschule für angewandte Wissenschaften München und Dr. Andreas Wildgruber, Staatsinstitut für Frühpädagogik.

Die Veranstaltung wurde von der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und der Hochschule für angewandte Wissenschaften München gemeinsam ausgerichtet.

Was bedeutet Professionalisierung?

Prof. Dr. Werner Thole

In die ersten Sitzung am 25. Oktober 2013 führte Professor Dr. Werner Thole von der Universität Kassel mit einer Begriffsklärung ein: Das Arbeitsfeld der Kindertageseinrichtungen erfülle nicht die Kriterien, die die Wissenschaft an eine Profession anlege, stellte Professor Thole klar. Weder sei der Zugang exklusiv durch einen Universitätsabschluss geregelt, noch arbeiten die Fachkräfte weitgehend unabhängig, wie beispielsweise Mediziner oder Juristen. Bei den an Berufsfachschulen, Fachschulen und an Hochschulen ausgebildeten Kita-Fachkräften zeige sich Professionalität vielmehr im pädagogischen Handeln.

Im Bildungssystem hat die Kita den Auftrag, Kindern grundlegende Kompetenzen für einen erfolgreichen Lebensweg zu vermitteln. Dazu müssen die Fachkräfte anregungsreiche Bildungsangebote entwickeln, die die Kinder animieren, selbst aktiv zu werden. Obwohl Erzieherinnen und Erziehern das Wissen und die Fertigkeiten dazu in der Ausbildung vermittelt werden, findet eine solche Aktivierung der Kinder in der Praxis wenig statt. Die Annahme, dass akademisch qualifizierte Fachkräfte besser in der Lage seien, diese Aufgabe zu erfüllen, lasse sich empirisch nicht begründen, so Professor Thole. Studien weisen darauf hin, dass in Teams mit hochschulisch qualifiziertem Personal mehr Reflexion über pädagogische Praxis stattfindet. Ob dies letztlich beim Kind zu mehr Kompetenzen und damit besseren Chancen führt, müsse zum Gegenstand weiterer kindheitspädagogischer Forschung werden.

Präsentation

Vortrag Prof. Dr. Werner Thole (51 Minuten)

Qualität entwickelt sich im Team


Die anwesenden Expertinnen und Experten betonten die Rolle des Teams für die Professionalisierung der Kindertagesbetreuung. Damit unterschiedlich ausgebildete Fachkräfte voneinander profitieren, sollten sie in der Lage sein, sich auf der Grundlage von Fachwissen zu verständigen. Gleichzeitig sei es notwendig, im Kita-Alltag Freiräume für die eigene Reflexion und den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen zu schaffen. Studien zeigten, dass die Teamentwicklung vor allem in Einrichtungen mit einer hochschulisch ausgebildeten Leitung gelingt und zu einer höheren Qualität der Einrichtung führt.

Lücke zwischen Theorie und Praxis


Der Transfer von theoretischem Wissen in die Praxis müsse im Rahmen der Qualifizierung angeleitet werden, so die Anwesenden. Eine kompetenzorientierte Aus- und Weiterbildung, die sich auf spezifische bildungsrelevante Situationen bezieht, sei ein Schritt in diese Richtung. Auch verbesserte Rahmenbedingungen können zu einem gelungenen Theorie-Praxis-Transfer beitragen. Die Forschung zeige aber auch, dass bereits innerhalb der bestehenden Strukturen die Qualität des pädagogischen Handelns angehoben werden kann, beispielsweise durch eine intensivere Interaktion von Fachkraft und Kind.

Woran zeigt sich professionelles Handeln?

Prof. Dr. Anke König

Ihrem Vortrag am 15. November 2013 stellte WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König die Antinomien bzw. die widersprüchlichen und zum Teil gegensätzlichen Anforderungen in der Frühpädagogik heraus: Die Fachkräfte sollen eine enge Bindung zu den Kindern aufbauen und müssen gleichzeitig Raum für Exploration lassen. Sie sollen gleiche Chancen für alle ermöglichen und doch jedes einzelne Kind besonders berücksichtigen. Dabei sei das pädagogische Handeln stets ergebnisoffen und unbestimmt, da jedes Kind seine individuellen Voraussetzungen in die Interaktion einbringe. Professionelles Handeln zeige sich daher in der Annahme dieser Herausforderungen sowie in der Verbindung von fachwissenschaftlichem Wissen mit eigenen praktischen Erfahrungen. Ein Weg, sich hier zu sensibilisieren, sei die Fallarbeit im Team, bei der sich die Fachkräfte über Ungewissheiten austauschen und Wissen gemeinsam weiterentwickeln. Ziel sei, zu einer intersubjektiven Perspektive zu gelangen und damit die eigenen Lösungsmuster zu reflektieren.

Pädagogische Qualitätsforschung eröffne einen weiteren Weg, das Handeln zu professionalisieren. Diese ermittelt Indikatoren, die für "gutes" pädagogisches Handeln stehen. Damit würden Zugänge zu Handlungsmethoden eröffnet, die Bildungs- und Lernprozesse unterstützen. Wissen über unterschiedliche Handlungsmethoden eröffne den pädagogischen Fachkräften vielfältige Wege, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Obwohl die Qualitätsforschung empirisch begründet sei, dürfe nicht übersehen werden, dass das, was unter "guter" Qualität verstanden wird, stets normativ sei.

Durch professionelles Handeln könne zudem die klare Abgrenzung zum Alltagshandeln markiert werden und die Frühpädagogik ihren Anspruch auf Anschlussfähigkeit zu anderen pädagogischen Berufen einlösen. "Es ist nicht zu erklären, weshalb Bildungsprozesse bei jungen Kinder zu unterstützen weniger anspruchsvoll sein soll, als das Handeln mit älteren Kindern und Erwachsenen", sagt Anke König.

Präsentation

Vortrag Prof. Dr. Anke König (23 Minuten)

Fachkräfte brauchen Raum für innovatives Handeln

In der anschließenden Diskussion wiesen die Anwesenden darauf hin, dass der Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers immer stärker reglementiert werde. Durch die Ausrichtung am Subjekt sollte frühpädagogisches Handeln aber innovativ sein und angemessen für das jeweilige Kind und die Situation. Dies setze eine gewisse Autonomie voraus, die nicht über Vorgaben erreicht werden kann. Der Bezug auf Fachwissen könne jedoch eigenständiges Handeln unterstützen.

Professionalisierung geht alle an

Die Diskussion über Professionalisierung in der Bildung, Betreuung und Erziehung werde vor allem fachintern geführt. Dabei sollte die Qualität in der frühen Bildung ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein, waren sich die Diskutanten einig. Hierbei seien auch die frühpädagogischen Akteure selbst gefragt. Sie müssen der Öffentlichkeit klar machen, welche hohen Anforderungen der Beruf an sie stellt und warum Professionalisierung dazu beiträgt, diese zu bewältigen.

Wie entsteht professionelles Handeln?

Professor Dr. Helmut Lechner von der Hochschule München betonte in seinem Vortrag am 13. Dezember 2013 den Einfluss der biografischen Erfahrungen auf das berufliche Handeln. Jeder Mensch ist geprägt von persönliche Überzeugungen, Werthaltungen oder Gewohnheiten, die durch implizite Lernprozesse, beispielsweise durch das Aufwachsen in einem bestimmten sozialen Milieu, verinnerlicht wurden. Dieser Habitus bzw. diese Haltung nimmt einen starken Einfluss darauf, ob und wie theoretisch erworbenes Wissen von den Fachkräften im Kita-Alltag umgesetzt wird. Kita-Fachkräfte können Professionalität deshalb nicht allein über kognitive Lernprozesse erlangen, sie müsse auch in deren Persönlichkeit verankert werden, schlussfolgert Professor Lechner. Für die Aus- und Weiterbildung sei dies eine Herausforderung: Um die Fachkräfte in die Lage zu versetzen, professionell zu handeln, müssen die Kompetenzen, die in Aus- und Weiterbildung vermittelt werden an das anschließen, was jede bzw. jeder Einzelne an unbewussten Anlagen mitbringe.    

Präsentation

Vortrag Prof. Dr. Helmut Lechner (39 Minuten)

Welchen Bildungsbegriff haben Lehrkräfte?

Um die Aus- und Weiterbildung zu verbessern, müsse der Bildungsbegriff der Lehrpersonen an Fach- und Hochschulen hinterfragt werden, so die Meinung im Publikum. Wollen Lehrkräfte allein Faktenwissen vermitteln oder sehen sie den Kompetenzzuwachs als Ergebnis einer Ko-Konstruktion mit den Lernenden, die eigene Sichtweisen mitbringen? Implizites Wissen und Fertigkeiten können durch Methoden angesprochen werden, die innerpsychische Verarbeitungsprozesse anregen. Beispielsweise indem Studierende immer wieder dazu angehalten werden, Theorien mit ihren eigenen Einstellungen abzugleichen.

Qualifizierte Praxisanleitung ist notwendig

Die anwesenden Studierenden geben zu bedenken, dass die professionelle Haltung, die die Fach- und Hochschulen vermitteln, nicht immer mit den Anforderungen in den Teams in Einklang ständen. Kitas seien wie alle Institutionen veränderungsresistent. Deshalb treffen die Absolventinnen und Absolventen nach ihrer Ausbildung oftmals auf eine Praxis, die eher an bestehenden Meinungen festhält, anstatt auf Basis von aktuellem Fachwissen zu agieren. Aus diesem Grund sei eine enge Begleitung in der Phase der Berufseinmündung notwendig. Dazu bedürfe es einer qualifizierten Praxisanleitung, die im engen Austausch mit den Fach- und Hochschulen steht.

Welche Bedeutung hat die Berufsethik für die Professionalisierung?


Die Frage nach einer Berufsethik kommt in den Diskussionen über Professionalisierung häufig zu kurz und stand deshalb im Mittelpunkt des Kolloquiums am 10. Januar 2014. Professionalisierung in der Frühen Bildung bedeutet, Prozesse im Sinne der Qualitätsentwicklung und  -sicherung zu steuern. Die Berufsethik bilde den Rahmen dafür und schaffe Transparenz und Verlässlichkeit für professionelles Handeln, so Professor Dr. Thomas Schumacher von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München in seinem Vortrag. Ein Berufsethos lasse sich allerdings nicht verordnen. Vielmehr bedürfe  es der freiwilligen Zustimmung kritisch denkender Fachkräfte. 


Wie Philosophen und Pädagogen von der Antike bis heute über ethisches Handeln nachgedacht haben, skizzierte Professorin Dr. Claudia Ueffing von der Hochschule München im zweiten Teil des Vortrags. Wenngleich es fachlich begründete Kriterien für pädagogisches Handeln und normative Rahmen wie die UN-Kinderrechtskonvention oder Vorgaben der Träger in der Praxis gebe, müsse sich die pädagogische Fachkraft  immer wieder bei Entscheidungen mit ethischen Fragen auseinandersetzen. Dabei sei sie häufig in einer Dilemma-Situation, zum Beispiel wenn Kinder Unterstützung benötigen, die jedoch ihre Differenz zu anderen Kindern unterstreichen.

Vortrag von Prof. Dr. Thomas Schumacher und Prof. Dr. Claudia Ueffing (43 Minuten)

Hochschulen müssen Diskurs über ethisches Handeln anstoßen

Die frühpädagogischen Expertinnen und Experten diskutierten anschließend, wo konkrete Vorschläge für eine übergreifende Berufsethik in der Kindertagesbetreuung entwickelt werden könnten. Dabei sehen alle Beteiligten die Hochschulen und Forschungsinstitute wie das Deutsche Jugendinstitut in der Pflicht. Doch dürfe es nicht alleine darum gehen, sich auf ein ethisches Leitbild zu verständigen. Wie Fachkräfte daraus in der Praxis ethisches Handeln ableiten können, müsse in der Ausbildung thematisiert und in der Praxis reflektiert werden. Denn empirische Studien zeigen, dass an Schulen und Kitas vielerorts stereotypes und ausgrenzendes Verhalten an der Tagesordnung ist.

Impressionen