WiFF-Forum: Präsentation Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2017

Im Frühsommer 2017 erscheint die zweite Ausgabe des Fachkräftebarometers Frühe Bildung. Am 24. April 2017 präsentierte die Weiterbildungsinitiative zentrale Ergebnisse exklusiv und vorab in der Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung in Berlin. Die 120 Teilnehmenden des WiFF-Forums erhielten in Vorträgen und Workshops einen Überblick über aktuelle Entwicklungen bei Personal und in der Ausbildung der Frühen Bildung. In einer Podiumsdiskussion kommentierten und diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gewerkschaft, Wissenschaft sowie Ausbildungs- und Trägerebene die Dynamiken aus ihrer Perspektive.

Personalwachstum und Ausbildungsdynamik

"Die Kindertagesbetreuung ist der größte Jobmotor in der Kinder- und Jugendhilfe", stellt Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, fest. Er hebt das enorme Personalwachstum in der Frühen Bildung in den vergangenen Jahren hervor: Allein in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der in diesem Bereich Tätigen um etwa 150.000 Personen auf über 700.000 Personen gestiegen. Der Zuwachs fand auf allen Qualifikationsebenen statt, wobei das Personal mit einem einschlägigen Hochschulabschluss die stärksten Zuwachsraten aufwies. Im Vergleich zum übrigen Arbeitsmarkt verzeichnete die Frühe Bildung in den vergangenen Jahren damit einen überdurchschnittlichen Anstieg: Allein zwischen 2012 und 2015 wuchs die Anzahl der Beschäftigten in diesem Bereich um 15% – gegenüber 4% Anstieg auf dem gesamten Arbeitsmarkt. Insofern sei die Frühe Bildung "Zukunftsberuf", unterstreicht Rauschenbach. Die Zahl der Anfängerinnen und Anfänger der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung ist zwar über viele Jahre gestiegen, stagniert aber seit dem Schuljahr 2013/14. Ebenso stagniert seit 2013 die Zahl der Personen, die ein früh- bzw. kindheitspädagogisches Bachelor-Studium aufnehmen. Bei beiden Ausbildungswegen sind dennoch vorerst weiterhin steigende Absolventenzahlen zu erwarten. Vor diesem Hintergrund sowie angesichts von demografischem Wandel und weiterem U3-Ausbau warnt Rauschenbach vor einem drohenden Fachkräftemangel. Hierbei gäbe es starke regionale Unterschiede – insbesondere in Ballungsräumen mangele es zum Teil bereits jetzt an Personal.

Workshops zu ausgewählten Themen

Workshop 1: Pädagogische Fachkräfte und Kita-Teams

Der große Zuwachs an pädagogischem und leitendem Personal in den vergangenen zehn Jahren sei bei allen Trägern zu beobachten gewesen, erklärte Karin Beher. Ein starker Dynamisierungsfaktor war dabei der U3-Ausbau. Entsprechend stark fiel der Zuwachs bei Tageseinrichtungen für diese Altersgruppe aus sowie, zahlenmäßig noch bedeutender, bei den übrigen altersgemischten Tageseinrichtungen. Von 2007 bis 2016 stieg die Zahl mittlerer und großer Kita-Teams mit 8 bis 14 bzw. über 14 Beschäftigten in allen Bundesländern, während die Zahl kleiner Teams mit bis zu 7 Beschäftigten bundesweit von 60 auf 38% sank. Mit Blick auf die Diversität des Kita-Personals stellt Beher ein Ungleichgewicht fest: Mit 5,4% ist der Männeranteil an den pädagogisch Tätigen in der Frühen Bildung nach wie vor gering, wobei er in manchen Bereichen etwas höher liegt, etwa beim Kita-Personal unter 30 Jahren, mit Hochschulabschluss, in Horten sowie bei den Anfängerinnen und Anfängern der Ausbildung zum Erzieher und zur Erzieherin. Unterrepräsentiert in der Frühen Bildung sind ebenfalls Personen mit Migrationshintergrund. Sie machen gerade einmal 11,1% der Beschäftigten aus – gegenüber einem Anteil von 18% der Erwerbstätigen auf dem Gesamtarbeitsmarkt.

Workshop 2: Ausbildung und Studium

Die Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher ist in den letzten Jahren stark expandiert, machen Dr. Kirsten Hanssen und Christian Peuckert deutlich. So ist die Anzahl der Fachschulen für Sozialpädagogik seit 2011/12 um 21% auf 593 Fachschulen im Schuljahr 2014/15 angestiegen. Damit hat sie einen vorläufigen Höchststand erreicht. Die Forscher zeigen, dass insbesondere die sonstigen privaten, nichtkirchlichen Fachschulen an Bedeutung gewonnen haben. Dieses Ergebnis stößt auf großes Interesse bei den Teilnehmenden. Sie diskutieren, welche Schlüsse aus den Daten über das Verhältnis zwischen den gewerblichen und gemeinnützigen Trägern zu ziehen sind. Zudem wird debattiert, welche Bedeutung der praxisintegrierten bzw. berufsbegleitenden Ausbildung an den Fachschulen zukommt. Zwar liegen nicht in allen Bundesländern die Schülerzahlen ausdifferenziert nach Ausbildungsform vor, aber die Teilnehmenden berichten, dass sich diese Ausbildungsform zunehmend etabliert. Abschließend wird der Wunsch geäußert, den Fokus der Forschung stärker auf die Qualität der Ausbildung zu richten. Zu untersuchen sei, wie der Ausbau der Ausbildung unter Berücksichtigung der Qualität gelingen kann.

Workshop 3: Personalbedarf und Personaldeckung

Eine Modellrechnung von Dr. Matthias Schilling macht deutlich: in den kommenden Jahren droht ein Personalengpass in der Frühen Bildung ab. Zwar können voraussichtlich die neu ausgebildeten Fachkräfte Kita-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter ersetzen, die bis 2025 das Arbeitsfeld alters- oder gesundheitsbedingt verlassen. Allerdings ist aufgrund von demografischen Veränderungen (Zuwanderung und Anstieg der Geburtenrate) sowie der anhaltenden Nachfrage nach Betreuungsplätzen für unter Dreijährige mit einem steigenden Personalbedarf zu rechnen. Dieser kann durch die erwartete Anzahl an Absolventinnen und Absolventen der frühpädagogischen Ausbildungsgänge nicht gedeckt werden. Die Kapazitäten an Berufsfachschulen, Fachschulen und Hochschulen müssten zudem erheblich ausgeweitet werden, soll darüber hinaus die Kita-Qualität durch mehr Personal in den Einrichtungen verbessert werden. Die Prognose spiegelt die Wahrnehmung der Workshop-Teilnehmenden. Die Träger haben seit langem das Gefühl, dass Fachkräfte fehlen, so die Rückmeldung aus dem Publikum. Es stelle sich mehr und mehr die Frage, welche Kapazitäten neben dem klassischem Ausbildungssystem zusätzlich ausgebaut werden können, um Fachkräfte zu qualifizieren. 

Zentrale Herausforderungen für die Frühe Bildung

Die Frühe Bildung steht vor fünf zentralen Herausforderungen schlussfolgert WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König aus den vorgestellten Ergebnissen. Erste Herausforderung: Der Frauenarbeitsmarkt Frühe Bildung ist durch ein Lebens- und Arbeitsmodell geprägt, in dem Berufskarrieren von Familienphasen unterbrochen werden und Teilzeitarbeit die Regel ist. Zweite Herausforderung: Personalentwicklung ist wichtiger denn je, da die Frühe Bildung zu einem Arbeitsfeld für die ganze Lebensspanne geworden ist. Dritte Herausforderung: Die starke Regulierung der Kindertageseinrichtungen führt dazu, dass akademische Fachkräfte dort kaum vertreten sind. Eine Öffnung für weitere Qualifikationsprofile neben dem der Erzieherin oder dem des Erziehers ist notwendig. Vierte Herausforderung: Zu wenig reguliert in Bezug auf Entlohnung und Qualifikation ist dagegen die Kindertagespflege, die mit mittlerweile 40.000 Beschäftigten aus ihrem Nischendasein heraustritt. Fünfte Herausforderung: Nicht zuletzt steht die Leistungsfähigkeit der Ausbildung auf dem Prüfstand. So gibt es beispielsweise wenige Informationen darüber, wer an den Fachschulen für Sozialpädagogik lehrt.

Podiumsdiskussion: Sozialer Wandel in der Frühen Bildung – wohin führt die Entwicklung?

Schulische Verortung, stabiler Frauenarbeitsmarkt, hohe Teilzeitquoten und eine Verortung in der Freien Wohlfahrtpflege – diese Parameter bestimmen die Strukturen in der Frühen Bildung. Garantieren Sie aber auch deren Wandel? Darüber debattierten die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion, die Professorin Dr. Anke König moderierte. Ausgewählte Statements:

"Qualität kann nur gemeinsam verbessert werden"

Die Expansion in der Kindertagesbetreuung ist Fluch und Segen für die Beschäftigten, stellt Norbert Hocke von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fest. Auf der einen Seite werden Forderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – beispielsweise nach einem höheren Lohn – eher erfüllt, auf der anderen Seite werden Maßnahmen zur Qualitätssteigerung ausgespart. Die Akteure der Frühen Bildung müssen auf allen Ebenen zusammenarbeiten, damit der Wunsch nach mehr Qualität nicht immer vom personellen Ausbau überlagert wird.

"Pädagogische Teams müssen neu gedacht werden"

Die gute Arbeitsmarktlage führt dazu, dass Fachkräfte schnell die Einrichtungen wechseln, beobachtet Frank Jansen vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder. Das macht es Kita-Leitungen schwer, Teams zu entwickeln. Gleichzeitig stehen sie vor der Aufgabe, neue Fachkräfte zu integrieren. Multiprofessionelle Teams können ein Gewinn für die Einrichtungen sein. Allerdings fehlt bislang die Verständigung darüber, wie multiprofessionelle Teams aussehen sollen, damit sie den Alltag in die Kita bringen.

"Die Ausbildung hat ihren Peak erreicht"

Im Schuljahr 2016/17 gab es in Bayern 150 offene Plätze an Fachschulen für Sozialpädagogik. Ab Mitte 2020 werden zudem die geburtenschwachen Jahrgänge erwartet. Wen können wir noch ansprechen für die Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher? Wie erreichen wir mehr Abiturientinnen und Abiturienten, Männer oder Quereinsteigende? Diese Fragen stellt sich Philipp Reichel vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst.

"Es geht nicht nur um Bildung"

Das System Kindertagesbetreuung muss auf den sozialen Wandel reagieren. Was bedeutet es, wenn viele Kinder viele Stunden am Tag außer Haus betreut werden? Wie kann Persönlichkeitsentwicklung im täglichen Miteinander unterstützt werden? Die Wissenschaft kann nach Professorin Dr. Susanne Viernickel von der Universität Leipzig einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten. Aber auch von guten Praxisbeispielen sollte gelernt werden.

"Die Gesellschaft erlebt einen fundamentalen Umbau"

Kindheit und Familie verändern sich gerade in einem vergleichbaren Maße wie zur Einführung der Schulpflicht, findet DJI-Direktor Professor Dr. Thomas Rauschenbach. Dies sollte wissenschaftlich begleitet werden. Das Fachkräftebarometer betrachtet die Entwicklungen in der Rückschau. Eine Herausforderung für die Forschung liegt darin, mit Prognosen nach vorne zu blicken, um der Politik Instrumente an die Hand zu geben, die Zukunft der Kindertagesbetreuung zu gestalten. 

"Aushandlungsprozesse bewirken Veränderung"

Anders als im Schulsystem herrscht in der Kindertagesbetreuung Trägerautonomie. Diese Strukturen machen es schwer, Neuerungen durchzusetzen. Die Steuerung funktioniert nur über Aushandlungsprozesse. Diskussionen, wie etwa über Qualität, die auf Bundesebene angestoßen werden, müssen auf Länderebene fortgeführt werden. Dies ist ein anspruchsvoller Auftrag, findet Xenia Roth vom Ministerium für Bildung in Rheinland-Pfalz.