Trotz starkem Ausbau: Kitas stehen vor Fachkräftemangel

25.04.17

WiFF präsentiert zentrale Ergebnisse des Fachkräftebarometers Frühe Bildung 2017 in Berlin

Der Arbeitsmarkt der Kindertagesbetreuung hat ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht: Die Zahl des pädagogischen und leitenden Personals ist zwischen 2006 und 2016 um 62% auf rund 571.000 gestiegen. Zählt man die 43.500 Erwerbstätigen in der Kindertagespflege dazu, erreicht die Zahl der pädagogisch Beschäftigten in der Kindertagesbetreuung inzwischen 615.000 Personen. Damit arbeiten in der Frühen Bildung fast genauso viele pädagogisch Beschäftigte wie Lehrkräfte im gesamten allgemeinbildenden Schulwesen (690.300 Personen). In den kommenden Jahren ist von einem weiteren Wachstum auszugehen. Trotz günstiger Beschäftigungsbedingungen und ebenfalls noch steigender Ausbildungszahlen, ist in der Frühen Bildung ein Fachkräftemangel zu erwarten. Das sind zentrale Ergebnisse des Fachkräftebarometers Frühe Bildung 2017, die die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) am 24. April 2017 in Berlin präsentiert hat.

Beschäftigungsbedingungen sind günstig wie nie
Mit einem Plus von 15% zwischen 2012 und 2015 hat sich der Teilarbeitsmarkt Frühe Bildung deutlich besser entwickelt als der Gesamtarbeitsmarkt (+4%). Die Frühe Bildung ist damit aktuell einer der zuwachsstärksten Branchen. Die Arbeitsverhältnisse sind stabil: Zwar ist der Anteil der befristet Beschäftigten höher als auf dem gesamten Arbeitsmarkt (13 gegenüber 9%). Dennoch kommt es verhältnismäßig selten zu Entlassungen. Nachdem der Lohn in der Frühen Bildung zwischen 2000 und 2010 stagnierte, sind die Reallöhne seit 2012 angestiegen (+8% gegenüber einer Preis¬steigerung von 2,7%). Die Arbeitslosenquote in der Frühen Bildung hat 2015 mit nur 1,6% zugleich einen neuen Tiefststand erreicht.

Kita-Fachkräfte: weiblich, in Teilzeit, ausgebildete Erzieherinnen

Der starke Personalausbau hat die Zusammensetzung der Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen kaum verändert: Der Männeranteil ist zwischen 2006 und 2016 nur von 3,1 auf 5,4% gestiegen. Veränderungsresistent ist auch das Qualifikationsgefüge: 2006 wie 2016 sind sieben von zehn Fachkräften staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher. Lediglich 5,3% des pädagogischen Personals verfügen über einen einschlägigen Hochschulabschluss. Ebenfalls stabil ist das Verhältnis von Voll- und Teilzeitbeschäftigung: Sechs von zehn Personen arbeiteten 2007 wie 2016 in Teilzeit. Mit 11% liegt der Anteil der Fachkräfte mit Migrationshintergrund in der Frühen Bildung sowohl unter dem in der Bevölkerung insgesamt (21%) als auch unter dem Anteil der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund auf dem Gesamtarbeitsmarkt (18%).

Ausbildungskapazitäten auf hohem Niveau, beginnen zu stagnieren
Auch das Ausbildungssystem der Frühen Bildung ist stark ausgebaut worden. Zusammengenommen sind die Zahlen der Anfängerinnen und Anfänger an Berufsfachschulen, Fachschulen und Hochschulen zwischen den Schuljahren 2007/08 und 2014/15 um rund 43% gestiegen. Im Schuljahr 2013/14 brachte das Ausbildungssystem der Frühen Bildung fast 47.000 Absolventinnen und Absolventen hervor. Diese Zahl wird sich bis zu diesem Jahr auf einen neuen Rekordwert von etwa 55.000 neu Ausgebildeten ausweiten. Danach ist das starke Wachstum jedoch vorerst beendet. Im Schuljahr 2014/15 haben 35.743 Personen eine Erzieherinnen- und Erzieherausbildung begonnen. Das sind erstmals geringfügig weniger als im Vorjahr. Seit 2013 hat sich auch die Zahl der Studienanfängerinnen und  -anfänger früh- bzw. kindheitspädagogischer Bachelor-Studiengänge nicht mehr weiter erhöht. Im Jahr 2015 nahmen 3.427 Personen ein solches Studium auf. Das entspricht einem Zuwachs von nur 0,4% im Vergleich zum Vorjahr.

Fachkräftemangel zeichnet sich ab
Bis 2025 werden voraussichtlich 260.000 neu ausgebildete Fachkräfte in die Frühe Bildung einmünden. Sie können zwar die ca. 171.000 Beschäftigten ersetzen, die das Arbeitsfeld zwischen 2016 und 2025 beispielsweise alters- oder gesundheitsbedingt verlassen. Da aber zugleich durch Geburtenanstieg, durch die Zuwanderung geflüchteter Familien und die anhaltend starke Nachfrage nach weiteren Plätzen für unter Dreijährige noch deutlich mehr Personal benötigt wird, ist in den nächsten Jahren mit einem gravierenden Fachkräftemangel zu rechnen. Eine entsprechende Ausweitung der Betreuungskapazitäten würde einen zusätzlichen Personalbedarf von mehreren zehntausend Beschäftigten für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege nach sich ziehen. Die zu erwartende Zahl an Absolventinnen und Absolventen frühpädagogischer Ausbildungsgänge kann diese Nachfrage nicht mehr decken.

"Soll darüber hinaus auch noch die Kita-Qualität etwa durch einen verbesserten Betreuungsschlüssel angehoben werden, müssten sämtliche Ausbildungskapazitäten der Frühen Bildung in den nächsten Jahren nochmals erheblich ausgeweitet werden", gibt Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, zu bedenken.   

Modernisierungsprozess notwendig
Aus den Ergebnissen des Fachkräftebarometers Frühe Bildung 2017 lassen sich bildungspolitische Herausforderungen ableiten: "Die Entwicklungen spiegeln die hohen Erwartungen von Familien, Gesellschaft und Politik an die Frühe Bildung, die neben Betreuung auch Bildungschancen für alle Kinder verwirklichen soll. Angesichts dieser Erwartungen und der erreichten Größe steht der Sektor vor einem Modernisierungsprozess", so WiFF-Leitung Professorin Dr. Anke König. Bislang präsentiert sich der Arbeitsmarkt Frühe Bildung als Frauenarbeitsmarkt mit geringer Akademisierung, hohen Teilzeitquoten und geringen Aufstiegschancen. Um für Nachwuchskräfte attraktiv zu sein, muss sich der Arbeitsmarkt stärker für akademisch Qualifizierte öffnen und berufliche Entwicklungsperspektiven bieten, die den komplexen pädagogischen und Management-Aufgaben angemessen sind. Auch Personen mit Migrationshintergrund sowie Männer bilden ein Potenzial für mehr Fachkräfte. Professionalisierung und Spezialisierung der Beschäftigten sind Möglichkeiten, die Qualität in den Einrichtungen zu verbessern. Dazu bedarf es durchlässiger und anschlussfähiger Ausbildungsformate, die eine Höherqualifizierung ermöglichen – ausgehend von den Qualifizierungskursen für die Kindertagespflege bis hin zum Hochschulstudium. 

Fachkräftebarometer Frühe Bildung
Das Fachkräftebarometer Frühe Bildung liefert auf Basis amtlicher Daten ausführliche Informationen über Personal, Arbeitsmarkt, Erwerbssituation sowie Ausbildung und Qualifizierung in der Frühpädagogik. Die Publikation wurde 2014 erstmals veröffentlicht. Die zweite Ausgabe ist im Sommer 2017 erhältlich. Zentrale Ergebnisse wurden am 24. April 2017 vorab in Berlin präsentiert.

Pressemitteilung (PDF)
Grafik Erzieherinnen- und Erzieherausbildung (PNG)
Grafik kindheitspädagogische Studiengänge (PNG)
Grafik Personalbedarf (PNG)